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Winterwandern:Hauptsache draußen

Am Albtrauf zwischen Klippeneck und Dreifaltigkeitsberg,

Im Tal liegt Nebel, auf dem Berg herrscht beste Aussicht: Auch das macht den Reiz von Winterwanderungen aus.

(Foto: Wilhelm Mierendorf /imago images)

Zu viele Menschen zieht es gerade an einige wenige Ausflugsorte. Kein Wunder: Winterwandern tut Leib und Seele gut. Doch das geht auch vor der Haustür.

Von Eva Dignös

Hygge, diese Idee vom trauten Heim mit heißem Tee und Kerzenschein, hat in Lockdown-Zeiten ein wenig an Attraktivität verloren. Es zieht die Menschen nach draußen, auf der Suche nach Luft, Weite und besseren Aussichten. Nach Winterberg im Sauerland, zum Feldberg im Schwarzwald, an den Spitzingsee in Oberbayern. Autos stauen sich auf den Zufahrten zu Naherholungsgebieten, die ein bisschen Winteratmosphäre verheißen, Parkplätze müssen geschlossen werden, und Tourismusämter schalten die Webcams aus, damit bloß niemand kommt. Die Sehnsucht nach Frischluft und ein bisschen Winteridyll ist mehr als verständlich. Winterwandern bleibt auch in der Pandemie eine gute Methode, die müden Knochen in Bewegung und den unruhigen Geist ins Gleichgewicht zu bringen. Es muss ja nicht gerade dort sein, wo alle sind.

Die Planung: Bizarre Reifkristalle an kahlen Ästen, weiß überzuckerte Felder, blankes Eis auf dem See: Im Winter bekommen auch vertraute Landschaften ein neues Gesicht und entpuppen sich als lohnendes Spaziergangs- oder Wanderziel, ganz ohne Anfahrtsstau und Parkplatzsuche. Mit digitalen Routenplanern wie der App Komoot lassen sich von anderen Nutzern erprobte Touren und bislang unentdeckte Sehenswürdigkeiten in der Nachbarschaft finden.

Geocaching, die moderne Form der Schatzsuche, ist eine weitere Möglichkeit, das Unbekannte im Vertrauten zu entdecken, und in vielen Familien ein probates Mittel, die Kinder hinter dem Ofen hervorzulocken. Mitglieder der Geocacher-Community verstecken in wasserdichten Boxen kleine Überraschungen, zwischen Felsbrocken zum Beispiel, in einer Astgabel oder in einem Mauerspalt. Die geografischen Daten werden im Netz veröffentlicht, und jedermann kann sich mithilfe des Smartphones oder eines GPS-Geräts auf die Suche machen, reichlich Bewegung an der frischen Luft inklusive.

Wenn es doch ein bisschen weiter hinaus gehen soll aus der Stadt, lohnt ebenfalls eine kurze Vorabrecherche: Im Schatten der bekannten Winterwandergipfel oder Rodelstrecken liegen meist noch ebenso schöne, nur nicht ganz so oft bei Instagram gepostete Alternativen. Eine gute Informationsquelle sind wanderbegeisterte Menschen im Freundes- und Bekanntenkreis: Wer gern und oft draußen unterwegs ist, macht in der Regel einen großen Bogen um überlaufene Hotspots.

Wintertage allerdings sind kurz, zumindest der Anteil, an dem sich mit Tageslicht der Weg suchen und finden lässt. Außerdem kommt man im Schnee oder auf glatten Wegen langsamer voran. Gehzeiten können sich dadurch deutlich verlängern, und die schnelle Runde, die man im Sommer gern noch am Nachmittag geht, muss im Winter schon am Vormittag beginnen, besonders in steilerem Gelände.

Trotz Lockdown ist Sport im Freien erlaubt, darunter fallen auch Winterwanderungen. Unerwünscht sind dagegen "überregionale tagestouristische Ausflüge". In Regionen mit einem Corona-Inzidenzwert über 200 soll der Aktionsradius durch die neuen Lockdown-Regeln zudem auf 15 Kilometer rund um den Wohnort beschränkt werden, in Sachsen gilt das bereits landesweit. Und so schön es für Eltern und Kinder wäre, mit drei, vier befreundeten Familien den Hügel hinaufzuwandern und ihn mit dem Schlitten wieder hinabzufahren: Die Kontaktbeschränkungen gelten auch im Freien.

Die Ausrüstung: Feste Schuhe müssen sein, das gilt im Winter auf glatten Wegen ganz besonders. Auf Eis ist aber oft auch das Schuhprofil machtlos, dann helfen Grödel weiter: Wie Schneeketten, werden sie über die Sohlen gezogen und sorgen mit ihren Metallhaken für Halt. Geht es bergauf und bergab, sorgen Teleskopstöcke für bessere Balance. Gamaschen verhindern, dass Schnee in die Schuhe kriecht.

Im Tiefschnee geht es auch mit den besten Wanderschuhen kaum voran, hier sorgen Schneeschuhe für mehr Auflagefläche. Die Kunststoffteller unter den Füßen sind mittlerweile ebenso zum Trendsportgerät geworden wie Tourenski - und erfordern vor allem in den Bergen abseits gesicherter Wege eine ähnlich sorgfältige Routenplanung: "Unerfahrene sollten keinesfalls einfach so losmarschieren", sagt Thomas Bucher vom Deutschen Alpenverein: "Es besteht die Gefahr, dass man in Lawinengelände gerät." Außerdem gibt es Schutz- und Schongebiete, die nicht betreten werden dürfen.

Bei längeren Wanderungen gehört eine Stirnlampe ins Gepäck, um notfalls auch in der Dunkelheit die Orientierung zu behalten. Bei der Suche nach dem richtigen Weg hilft auch das Handy, möglichst mit Powerbank als Energie-Back-up: Bei Kälte leert sich der Akku schneller. Das gilt auch für den Wanderer. Stapfen im Schnee verbraucht Kalorien, entsprechender Proviant gehört in den Rucksack, ebenso eine Thermoskanne mit Tee, denn in Pausen kühlt man schnell aus, vor allem wenn der Weg schweißtreibend war. Deshalb empfehlen sich auch mehrere Kleidungsschichten, die sich nach dem Zwiebelprinzip an- und ablegen lassen.

Die Natur: Der Winter ist eine harte Zeit für Wildtiere, Nahrung ist schwer zu finden, jede Störung kostet zusätzlich Energie. Auf Touren abseits der Wege oder ausgewiesener Aufstiegsrouten sollten Wanderer deshalb verzichten, ebenso auf Ausflüge in der Dämmerung oder in der Nacht, um Schneehasen oder Birkhühner nicht aufzuschrecken.

Ein wesentlicher Faktor in Sachen Nachhaltigkeit bleibt die Anfahrt: Wer für eine einstündige Tour erst einmal ebenso lange mit dem Auto anreist, trübt seine CO₂-Bilanz gewaltig - ein weiteres Argument dafür, in diesem Winter vor allem die nähere Umgebung wandernd zu entdecken.

© SZ
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