Zu Fuß über die Alpen:Geht doch

Zu Fuß über die Alpen: Einmal über die Alpen: Miriam Mayer ist im vergangenen Spätsommer gemeinsam mit ihrem Freund Lukas Reumschüssel (Bild) zu Fuß vom Tegernsee, woher sie stammt, nach Verona gelaufen. Hier passieren sie den Rieserfernergletscher.

Einmal über die Alpen: Miriam Mayer ist im vergangenen Spätsommer gemeinsam mit ihrem Freund Lukas Reumschüssel (Bild) zu Fuß vom Tegernsee, woher sie stammt, nach Verona gelaufen. Hier passieren sie den Rieserfernergletscher.

(Foto: Miriam Mayer)

Die Fotografin Miriam Mayer ist vom Tegernsee nach Verona gewandert. Ihre Bilder vermitteln einen ehrlichen Eindruck davon, was das bedeutet.

Rezension von Stefan Fischer

Die falsche Tageszeit, das falsche Wetter - immer wieder hadert Miriam Mayer mit den Umständen. Als Fotografin wünscht sie sich nun einmal optimale Bedingungen. Doch diese nicht zu haben, das macht gerade den Reiz ihres Buches "Bergseele" aus, der ihre Alpenüberquerung bildstark in Szene setzt: Man sieht auf den Fotografien die wechselhaften Bedingungen, den Regen, den Hochnebel, die schneeträchtigen Wolken. Man sieht, dass die Sonne nicht immer perfekt steht beim Blick auf das alpine Panorama. Kurz: Man sieht, was man sähe, wenn man selbst eine solche Tour wagen würde. Und nicht ein geschöntes Bild, das mit dem Alltag in den Bergen wenig zu tun hat.

Dem alpinen Alltag war Miriam Mayer, Jahrgang 1995, einen Monat lang ausgesetzt. Die Absolventin der Hochschule München im Studiengang Fotodesign ist im vergangenen Spätsommer gemeinsam mit ihrem Freund Lukas Reumschüssel zu Fuß vom Tegernsee, woher sie stammt, nach Verona gelaufen. Die Route führt vom Karwendel über die Tuxer und die Zillertaler Alpen zur Rieserfernergruppe und weiter durch die Dolomiten bis in die Fleimstaler und schließlich die Vizentiner Alpen. Mayer und Reumschüssel haben sich penibel auf dieses Abenteuer vorbereitet, dieses Credo zieht sich durch Mayers Schilderungen: Dass man einen Plan brauche, gerne auch immer einen Plan B, etwas, worauf man sich verlassen könne, das dem Abenteuer Halt und Struktur gebe.

Zu Fuß über die Alpen: Der Blick aus der Rieserfernerhütte in den Hohen Tauern, in der Miriam Mayer und Lukas Reumschüssel die einzige Gäste waren.

Der Blick aus der Rieserfernerhütte in den Hohen Tauern, in der Miriam Mayer und Lukas Reumschüssel die einzige Gäste waren.

(Foto: Miriam Mayer)

Eine gründliche Vorbereitung ist unabdingbar, wenn man sich nicht leichtfertig in Gefahr begeben möchte. Wie ausgefeilt sie im Einzelnen ausfällt, ist aber sicherlich Typsache. Miriam Mayer bezeichnet sich selbst als "leidenschaftliche Zweiflerin", ihr Sicherheitsbedürfnis ist groß. Als die beiden auf dem Weg über das Keilbachjoch sind - eine nicht so häufig gewählte Route, um den Alpenhauptkamm zu überqueren -, versteigen sie sich. Sie werden, das wird ihnen klar, wesentlich mehr Kraft und Zeit benötigen als kalkuliert.

Körperliche Fitness lässt sich trainieren. Frusttoleranz nicht so gut.

Als Mayer und Reumschüssel den Kamm erreichen, ist es allerdings trotzdem erst halb zwei Uhr mittags, das Wetter ist gut und beständig. Die Gründe, in einer solchen Situation die Nerven zu verlieren, wie es der Autorin und Fotografin widerfahren ist, sind also nicht unbedingt objektiver Natur. Miriam Mayer lenkt den Blick damit auf ein zentrales Thema: Körperliche Fitness ist bei einer Alpenüberquerung ein eher nachrangiges Problem - die kann man vorab trainieren, sie lässt sich auch ganz gut einschätzen, und sie nimmt auf solch einer Tour ohnehin automatisch noch einmal zu.

Schwieriger verhält es sich mit der eigenen Frusttoleranz. Mit der Leidensfähigkeit und der Motivation. Dem Umgang mit Furcht und Zweifeln. Immer wieder kommt Mayer darauf zu sprechen. Sie erzählt keine Heldengeschichte. Sie dramatisiert nicht. Sie weiß, dass andere schneller und kühner unterwegs waren, in gefährlichere Situationen geraten sind, kuriosere Begegnungen hatten. Sie ist auf diese Weise näher dran am Kern einer solchen Alpenüberquerung.

In diesem Zusammenhang sind auch die Fotografien von immensem Wert: Mayer und Reumschüssel haben weder überdurchschnittlich gutes oder schlechtes Wetter erwischt. Es hat geschneit und geregnet, sie haben sich aber auch Sonnenbrände eingefangen. Miriam Mayer dokumentiert das einerseits, andererseits ästhetisiert sie die Szenerie auch: Ihr gelingt es, bei teilweise schwierigen Lichtstimmungen und Sichtverhältnissen spannende und aussagekräftige Aufnahmen zu machen. Das ist in der Bergfotografie allemal ein gehobenes Niveau.

Miriam Mayer: Bergseele. Zu Fuß über die Alpen. Verlag teNeues, München/Düsseldorf 2021. 240 Seiten, 24,90 Euro.

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