Olympische Sportstätten 2018:Das Leben nach den Spielen

Lesezeit: 5 min

Olympische Sportstätten 2018: In Pyeongchang erinnern bis heute Nationalflaggen und Maskottchen an die Olympischen Winterspiele 2018.

In Pyeongchang erinnern bis heute Nationalflaggen und Maskottchen an die Olympischen Winterspiele 2018.

(Foto: Penta Press/imago images)

Der Tourismus soll das olympische Vermächtnis Pyeongchangs rentabel machen. So ganz klappt das noch nicht. Aber das kann ja noch kommen.

Von Thomas Hahn, Pyeongchang

Den besten Überblick verschafft man sich bei einem Spaziergang im Himmel. Also hinein in die Kabinenbahn, die Besucher des Resorts Alpensia im Landkreis Pyeongchang, Südkorea, zum Turm der Skisprungschanze bringt. Am Aufsprunghang entlang geht die Fahrt auf ruhiger Schiene bis zur Kuppe des Hügels. Der 93-Meter-Turm ragt zwischen einem Parkplatz und einem Skulpturengarten auf. Die Aussichtsplattform ist im vierten Stock. Dort kann man an den großen Fenstern entlang einen Rundgang über der winterolympischen Landschaft Südkoreas machen und deren bebaute Natur betrachten: die Bobbahn, die sich im Süden den gegenüberliegenden Hügel hinabwindet. Die Skipisten daneben. Die Wohnblocks des früheren olympischen Dorfes im Westen. Das Langlaufzentrum im Norden vor der Silhouette der Taebaek-Berge mit den friedlich rotierenden Windkraftwerken in der Ferne.

Vier Jahre ist es her, dass diese Landschaft leuchtete. Die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang verfehlten ihre Wirkung nicht. Für zwei Wochen im Februar 2018 war Alpensia ein Zentrum der Sportwelt. Schon vorher wurde viel über Pyeongchang berichtet, denn dort wollten ja alle Weltklasse-Snowboarder, -Skifahrer und -Eisläufer hin. Und anschließend kam Pyeongchang bei den Paralympics, den Weltspielen des Behindertensports, noch mal ins Fernsehen. Das Kalkül der Organisatoren schien aufzugehen. PR für ein neu erschaffenes Tourismusparadies.

Und jetzt? Schaut man vom Schanzenturm in die verlassenen olympischen Kulissen und fragt sich, ob dieses riesige Fest der Gegend wirklich gutgetan hat.

Olympische Sportstätten 2018: Im Yong Pyong Resort in Pyeongchang sind Skifahrer unterwegs.

Im Yong Pyong Resort in Pyeongchang sind Skifahrer unterwegs.

(Foto: Penta Press/imago images)

Winterolympia ist für Regierungen und Wirtschaft eine Investition in Skitourismus und die Entwicklung entfernter Regionen. Auch in Südkorea war das so. Die dünn besiedelte Provinz Gangwon, in der Pyeongchang liegt, sollte zu neuem Leben erwachen mit mehr Gästen aus aller Welt. Mindestens 13 Milliarden US-Dollar kosteten Südkorea die Spiele. Neue Straßen wurden gebaut und eine neue Schnellzugverbindung geschaffen zwischen der Hauptstadt Seoul im Westen und der Stadt Gangneung an der Ostküste, die bei den Spielen die Eissportwettbewerbe beherbergte.

Aber Skifahren ist teuer und hat in einem Land wie Südkorea kaum Tradition. Olympia-Sportarten wie Skispringen und Rodeln erfordern außerdem Sportstätten, die für die Allgemeinheit schwer zu vermarkten sind. Die nachhaltige Nutzung nach dem Fest ist eine Herausforderung. Man braucht dafür einen guten Plan. Und den hatte Pyeongchang zunächst nicht.

Es ist ein sonniger Mittwoch Anfang März in Daegwallyeong, jener Gemeinde im Landkreis Pyeongchang, auf deren Gebiet die Alpensia-Anlagen und der Ort des Olympiastadions von 2018 liegen. Die Skisaison ist gerade erst zu Ende gegangen. Es ist nicht schwierig, das Klischee vom nacholympischen Kater bestätigt zu bekommen. Denn es ist wenig los.

Internationale Medien haben schon viel geschrieben über die verfehlten Tourismusziele in Pyeongchang. Erst kürzlich war die New York Times da und zitierte unter anderem Shim Dal-seop von einem örtlichen Reisweingeschäft mit der Einschätzung: "Nichts hat sich wirklich verändert." Der Platz, an dem 2018 die Eröffnungsfeier stattfand, wirkt wie das Symbol für die Leere. Das 35 000-Zuschauer-Stadion wurde gleich nach den Spielen abgebaut, zurückgeblieben ist ein kahler Platz zwischen Grashügeln. Einsam ragt die Fackel auf, in der damals das olympische Feuer brannte. Große Buchstaben am Rand des Platzes formen das Wort "Dream Program". Man fragt sich: Welches Traumprogramm?

"Als die Spiele zu Ende waren, gingen viele weg."

Aber dass sich gar nichts tut, stimmt auch nicht. Im Ort baut ein Hotelbetreiber neue Apartments. Vergangenes Jahr hat die Provinz Gangwon nach vielen vergeblichen Versuchen endlich das hochverschuldete Alpensia-Resort für knapp 630 Millionen Dollar an eine Tochterfirma des Mischkonzerns KH Group verkauft. Die Grundstückspreise steigen. In der Pandemie konnte sich zwar keine internationale Reisewelle entwickeln. Dafür kamen viele Einheimische zur Erholung und Sportteams zum Trainieren über die neuen Straßen. "Teilweise war es unmöglich, eine Unterkunft zu bekommen", sagt Arram Kim von der Pyeongchang-2018-Legacy-Stiftung.

Arram Kim sitzt in der Caféteria des Olympischen Museums, das im Februar 2021 am Platz des abgebauten Olympiastadions eröffnet wurde. Er strahlt viel Optimismus aus. Das muss er auch, denn er gehört zu denen, die mit Ideen das olympische Vermächtnis Pyeongchangs rentabel machen sollen.

Olympische Sportstätten 2018: Arram Kim war Renndirektor der Skeleton-Wettbewerbe. Heute versucht er, den Tourismus in der Region anzukurbeln.

Arram Kim war Renndirektor der Skeleton-Wettbewerbe. Heute versucht er, den Tourismus in der Region anzukurbeln.

(Foto: Thomas Hahn)

Bei Olympia war er Renndirektor der Skeleton-Wettbewerbe, außerdem zuständig für das Programm zur olympischen Bildung. Es störte ihn, dass kaum jemand im Organisationskomitee daran dachte, wie das Erbe der Spiele zu schützen sei. "Alle waren so damit beschäftigt, die besten Spiele zu kreieren, dass sie dafür keine Zeit hatten", sagt Kim, "und als die Spiele zu Ende waren, gingen viele weg, weil ihr Vertrag auslief." Er gründete deshalb eine eigene Stiftung, um sein Programm zur Erziehung durch Sport an Schulen weiter anbieten zu können. Als Südkoreas Regierung im März 2019 endlich selbst eine Legacy-Stiftung auflegte, wurde er dort Leiter der Abteilung Erziehung.

Und nun versucht die Stiftung also, ein Leben nach den Spielen zu organisieren. Arram Kim sagt, es habe einiges stattgefunden. Camps, bei denen Schülerinnen und Schüler Skeleton, Langlauf oder paralympische Sportarten wie Eisschlittenhockey kennenlernen können. Programme, bei denen Sportler und Sportlerinnen aus asiatischen Nichtwintersportländern das Bobfahren lernten. Wettkämpfe. Trainingseinheiten. Und die gespurten Loipen am Langlaufzentrum sind für jedermann offen. "Alles in allem haben wir einen vernünftigen Job gemacht, um die Anlagen zu nutzen", findet Kim. Außerdem gibt es Pläne für Sommerbobfahren und Touristenkurse mit Ex-Athleten.

Aber noch ist das Vermächtnis der Anlagen ein Zuschussbetrieb. Und das lag nicht nur an der Pandemie. Arram Kim sagt: "Wir müssen für unsere olympischen Sportstätten Werbung machen."

Olympische Sportstätten 2018: Am Bahnhof von Gangneung war die Erinnerung an die Spiele auch ein Jahr danach noch sichtbar.

Am Bahnhof von Gangneung war die Erinnerung an die Spiele auch ein Jahr danach noch sichtbar.

(Foto: Alamy Stock Photos/Pavel Dudek/mauritius images)

Darüber wurde also nicht richtig nachgedacht vor den Spielen: Wie Pyeongchang eine Attraktion bleibt und auch langfristig als zusammenhängender Sportpark für alle funktioniert. Ohne Auto ist es nicht sehr bequem, nach Daegwallyeong zu kommen. Der Schnellzug hält in Jinbu, zum Museum braucht man von dort mit dem Taxi 20 Minuten. Die Spaziergänge zwischen den Alpensia-Anlagen führen an asphaltierten Straßen entlang. Am Bahnhof von Jinbu gibt es einen Carsharing-Service. Aber keine Shuttle-Busse, keine geführte Sportstätten-Tour.

Kann ja noch kommen. Denn in Pyeongchang sieht man auch Anzeichen dafür, dass die neue Wintersportkultur hier eine Zukunft hat. In den tauenden Loipen trainieren junge Koreaner eines Langlaufteams. 2024 finden in Pyeongchang die olympischen Jugendspiele statt. Und im Turm der Sprungschanze ist zwar kein anderer Reisender. Aber beim Blick auf die Kunstwelt von Alpensia wird auch klar: So etwas wie hier ist in Asien sehr selten.

Informationen:

Corona-Beschränkungen: Südkorea verlangt - Stand 9. März 2022 - von allen Einreisenden unabhängig von Nationalität und Impfstatus einen negativen PCR-Test binnen 48 Stunden vor der Abreise. Nach der Ankunft müssen alle Einreisenden in eine siebentägige Quarantäne. Diese kann man entweder in einer Privatunterkunft oder in einer staatlichen kostenpflichtigen Quarantäne-Einrichtung absolvieren. Letztere kostet 120 000 Won pro Tag, umgerechnet knapp 90 Euro. Weil Regelungen sich schnell ändern können, sollte man sich vor der Reise bei der südkoreanischen Botschaft informieren.

Anreise nach Pyeongchang: Von Seoul aus fährt jeden Tag mehrmals ein KTX-Schnellzug in eineinhalb Stunden nach Jinbu. Von dort sind es mit dem Taxi rund 20 Minuten bis zu Hotels oder Olympia-Sportstätten in der Gemeinde Daegwallyeong.

Reiseinformationen: Zahlreiche Informationen über Ziele in der Provinz Gangwon, in der 2018 die Olympischen Spiele stattfanden, finden sich unter www.gangwon.to/en

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