Spanien Mallorcas Sonne in Kisten

Früher verfaulten die Früchte am Baum. Heute blühen im Tal von Sóller auf Mallorca alte Orangensorten wieder auf - und das nicht nur für Touristen.

Von Brigitte Kramer

Joan Puigserver war wohl einmal groß und stattlich. Heute plagt den 68-Jährigen eine Rückgratverkrümmung, die ihm den Blick nach oben erschwert. Zur Begutachtung seiner Bäume reicht es aber noch. Sie sind niedrig, manche Äste reichen fast zum Boden. Die meisten der 2500 Orangen- und Zitronenbäume auf der Finca Sa Vinyassa sind ungefähr so alt wie ihr Besitzer. Jetzt, im Frühjahr, tragen sie kleine, runde Früchte. "Canoneta", sagt der Mallorquiner und umfasst eine Orange mit seinen langen Fingern, "die Königin der Saftorangen."

Wer Joan Puigserver und seine Frau Sebastiana Massanet besucht, glaubt sich im Garten Eden. Bienen summen, Vögel zwitschern, Blüten duften. Alles grünt und sprießt im Tal von Sóller an Mallorcas Westküste. 13 000 Menschen leben hier, es ist die größte Gemeinde im Tramuntana-Gebirge. Seit 2011 ist die Serra de Tramuntana Unesco-Welterbe, wegen der Spuren jahrhundertealter Agrarwirtschaft: Terrassenlandbau, Bewässerungskanäle, Trockenmauern, Kalköfen. Die Tramuntana erzählt davon, wie die Menschen Mallorca über die Jahrhunderte urbar gemacht haben. Was in großer Mühsal an den Hängen und in den Tälern entstand, gilt heute als Idylle, die Millionen Besucher anlockt. Viel mehr als Kulisse sind die Plantagen, Gärten und Wälder aber oft nicht mehr. Das Kulturland verfällt. Dem soll das Unesco-Label entgegenwirken. Es ist ein Appell an die Mallorquiner, ihre Geschichte nicht zu vergessen und ihre Identität zu pflegen. Sóllers Identitätsstifter ist die Orange. Sie gehört zum Ort wie die Berge und der Hafen. Die Bewohner haben ein ausgesprochenes Lokalbewusstsein, deshalb arbeiten sie nun am Revival der Orangen, nachdem die Früchte jahrzehntelang am Baum verfault waren.

Sóller ist von Mallorcas höchsten Gipfeln umgeben, sie trennen das Tal vom Rest der Insel. Seit 1912 gibt es einen Zug, der durch 13 Tunnel fährt, seit 1999 kann man die Berge in wenigen Minuten in einem Autotunnel durchqueren. Trotzdem ist das Tal eine Welt für sich geblieben: Kaum hat man die Berge hinter sich gelassen, weht eine andere Luft. Sóllers Mikroklima bietet ideale Bedingungen für Zitrusfrüchte: Im Sommer ist es weniger heiß, im Winter sieht man die Sonne erst spät, das ganze Jahr über fließt Quellwasser. Jüdische Siedler haben im vierten Jahrhundert Zedrat-Zitronen gebracht, muslimische im zehnten Jahrhundert Bitterorangen. Heute gibt es mehr als 20 Orangensorten im Tal, allen voran die kommerziell erfolgreichen Navel-Varianten, weil sie schön und kernlos sind. Dazu kommen Raritäten wie die dellige Canoneta, die den Begriff Orangenhaut bestens verbildlicht, oder die oval geformte, späte Peret-Orange, die eierförmige, frühe Sorte Cul d'Ou, wörtlich "Eierhintern", die dünnhäutige Fina oder die dunkle Fulla Menuda, "Kleines Blatt" genannt. Sie wachsen nur hier, im Tal von Sóller.

SZ-Karte

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Joan Puigserver, pensionierter Bauunternehmer, pflegt fast alle. Vor ein paar Jahren hat er mit seiner Frau die knapp zwei Hektar große Orangenplantage von den Schwiegereltern übernommen. "Ein schweres Erbe", sagt er, ein Verlustgeschäft. Aufgeben wollte das Rentnerpaar aber nicht, vor allem aus Respekt vor der Arbeit der Eltern und Großeltern. Deshalb haben die beiden auf Biolandbau umgestellt und einen botanischen Lehrpfad eingerichtet. Für die Früchte bekommen sie nicht mehr als 60 Cent pro Kilo. Rentabel ist das Geschäft dank der Besucher. Puigserver sieht die Finca heute "als ein Reservat, in dem man sieht, was Sóller einmal war". Er sagt das vor einem niedrigen, kräftigen Baum. Sein Bitterorangenstamm wurde mit drei Sorten veredelt: Clementine, Navel und Canoneta. "Dieser Baum zeigt die wirtschaftliche Entwicklung", erklärt Puigserver, "je nach Nachfrage haben die Bauern dies oder jenes aufgepfropft."

Gewinnbringend war das Geschäft früher einmal, vom 17. bis 19. Jahrhundert, als Orangen in Mitteleuropa als exotische Delikatesse galten, später auch in bürgerlichen Haushalten verzehrt wurden. Die Sollerics exportierten ihre Ernte per Schiff nach Frankreich, bis zu 3000 Tonnen pro Jahr. Das Tal wurde reich, noch heute zeugen die prächtigen Häuser im Stadtzentrum vom Erfolg. Bis heute bilden Hangterrassen und Kleinstplantagen einen 130 Hektar großen, grün-gelb-orangefarbenen Fleckenteppich im Tal. In Sète oder Marseille trieben Familien aus Sóller den Handel weiter. Viele Sollerics sprechen noch heute Mallorquinisch mit französischem Akzent.

Mitte des 20. Jahrhunderts kamen die Mechanisierung und die Konkurrenz. Im Flachland von Israel, Marokko oder Ägypten stehen heute riesige Orangenplantagen, die mit hochgepumptem Grundwasser versorgt werden. Auch an der Küste von Valencia wird industrieller Anbau betrieben, viele Früchte in Mallorcas Supermärkten stammen von dort, sogar aus Chile und Südafrika werden sie importiert.

Fotograf Josep Planas i Montanyà

Mallorca vor den Massen

In den 1950er-Jahren kam auch CTV. Das Citrus Tristeza Virus brachte die "Krankheit der Traurigkeit": Infizierte Zitrusbäume lassen die Blätter hängen und sterben ab. Heute sind die Orangenstämme resistent dagegen. Und damals begann der Tourismus zu boomen, die Landwirtschaft wurde vernachlässigt. Toni Burgos, 73-jähriger Gutsverwalter aus Leidenschaft, bezichtigt seine Landsleute der Faulheit. "Mallorquiner bücken sich heute nicht mehr", sagt er beim Gang durch das Landgut seines Arbeitgebers, eines mallorquinischen Verlegers. "Unsere Arbeiter kommen aus Afrika und Lateinamerika." Als Jugendlicher sollte Burgos Koch werden, doch er weigerte sich. "Ich wollte frei sein", sagt er, "und den Vögeln zuhören. Sie singen, sobald sie die Augen aufmachen."