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Tourismus auf den Balearen:Wie Mallorcas Zukunft aussehen könnte

Mallorca - Küste

Küste bei Banyalbufar - künftig soll auf Mallorca mehr Wert auf Nachhaltigkeit gelegt werden.

(Foto: dpa)

Wie viele Touristen verträgt die Insel - und wie soll es weitergehen? Die Bewohner diskutieren zunehmend nervös.

Von Brigitte Kramer

Als Gertrude Stein ihrem britischen Freund Robert Graves im Jahr 1929 sagte: "Mallorca ist ein Paradies, wenn du es ertragen kannst", deutete sie etwas an, das bis heute Gültigkeit hat. Die Insel ist empfehlenswert, mit Einschränkungen. Damals waren der Preis für das Leben im Paradies verschlossene Einheimische, schlechte Anbindungen und wenig Komfort. Heute, knapp 90 Jahre später, arbeitet jeder dritte Mallorquiner mit Touristen. Die Straßen sind jetzt im Frühjahr voller Radler und der Sommer 2016 soll wieder eine Rekord-Saison werden. 13,5 Millionen Urlauber kamen 2014 nach Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera. Mittlerweile sind es die Mallorquiner, die sich fragen, wie lange sie ein solches Paradies ertragen wollen.

Mehr Betten werden nicht zugelassen. Schon jetzt sind viele Unterkünfte ausgebucht

Seit Mallorca im vergangenen Jahr eine linke Regierung bekommen hat, diskutieren die Balearen offen über ihre Zukunft. In einem Punkt sind sich alle einig: Die Grenzen des Wachstums sind erreicht. Strittig ist indes, wie man die Bremse zieht, ohne dabei Urlauber zu verschrecken. Das betrifft zum einen die Hotels, von denen viele vier oder fünf Sterne haben. Die derzeitige Bettenzahl von 280 000 in Hotels, Fincas und Apartments soll nicht weiter steigen. Die Bettenbörse, ein Marktplatz für Anbieter, ermöglicht Hotelerweiterungen oder Neueröffnungen nur, wenn die Plätze aus Hotels, Appartements oder Fincas stammen, die geschlossen wurden. Viele Hotels sind für den Sommer bereits ausgebucht. Ab August soll es zudem Auflagen für private Anbieter geben, die Unterkünfte über Internetplattformen vermieten. Außerdem will die Regierung bis Ende 2017 das Tourismusgesetz so überarbeiten, dass mehr Wert auf soziale und ökologische Nachhaltigkeit gelegt wird. Die Kriterien dafür erstellt gerade die Universität der Balearen in Palma, UIB.

Diskutiert wird mit zunehmender Nervosität. Die einen fürchten sich vor dem Ausverkauf ihrer Insel, vor Massenandrang und ökologischem Kollaps. Andere treibt das umgekehrte Szenario um: Was, wenn auf einen Schlag alle Touristen ausblieben? Etwa, wie in Tunesien, nach einem Terroranschlag. Oder weil man durch die Umweltabgabe, die gerade nach hitzigen Diskussionen beschlossen wurde, die Urlauber verprellt. Das wäre eine Katastrophe, denn mehr als 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes werden mit den Besuchern erwirtschaftet.

Die Abgabe soll am 1. Juli in Kraft treten. Jeder Urlauber wird dann je nach Unterkunft zwischen 25 Cent und zwei Euro pro Tag zahlen. Kritisiert wird sie vor allem von Hoteliers, die in Arenal oder Magaluf günstige Zimmer anbieten, mit denen aber auch wenig zu verdienen ist. Solche Hotels sind auf der Insel nicht sonderlich beliebt. Viele Einheimische haben das Gefühl, dass sich die Hoteliers auf Kosten der Bevölkerung und der Natur bereichern. Die Steuer soll nun helfen, so die Leiterin der Balearischen Tourismusbehörde, Pilar Carbonell, "den Wohlstand gerechter zu verteilen und die Distanz vieler Mallorquiner zum Tourismus zu verringern". Die Regierung rechnet mit Einnahmen in Höhe von 50 bis 80 Millionen Euro pro Jahr. Das Geld soll in Natur, Denkmal- und Landschaftsschutz fließen, in Landwirtschaft und Fischerei. Ausbauen will man damit aber auch Angebote in der Nebensaison. Kurz: Die Touristen sollen direkt zu einer positiven Entwicklung der Balearen beitragen.

Seit drei Jahren bemühen sich die Inseln verstärkt um Kontrolle und Überblick. Rund 50 Forscher der Universität werten dazu digitale Daten aus, vom Strand-Tweet bis zu Tripadvisor-Kommentaren. "Wir müssen die Bedürfnisse unserer Gäste besser kennenlernen", sagt Bartomeu Deyà, Dekan der Tourismusfakultät an der UIB. "Früher wollten sie einfach nur Mallorca, heute wollen sie Bio-Mallorca, Fitness-Mallorca, Shopping-Mallorca." Man spürt, dass der 40-Jährige sich um den Ruf seiner Insel sorgt, die sich nicht leicht tut mit der Umsetzung der neuen Richtlinien. Das balearische Verwaltungsgericht etwa hat gerade die "Verordnung für zivilisiertes Miteinander", das für das gesamte Stadtgebiet von Palma gelten sollte und im vergangenen Jahr in Kraft trat, wieder gekippt - vordergründig wegen fehlender Zuständigkeit der Stadt. De facto aber dürften die Proteste von Bürgern und Touristen für die Entscheidung mitverantwortlich sein. Die Benimmregeln schränkten nicht nur das Treiben an der Playa de Palma ein - verboten waren Straßenstrich, Massagedienste, Hütchenspiel oder Saufgelage -, auch Straßenkünstler, Skateboarder und spielende Kinder durften den öffentlichen Raum weniger nutzen.

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