Skifahren in den Alpen:U-Bahn auf dem Berg

Skigebiet Autofrei Skifahren Ski Alpen U-Bahn-Station in Serfaus.

Sieht urban aus, befindet sich aber in einem Tiroler Bergdorf: neue U-Bahn-Station in Serfaus.

(Foto: Andreas Schalber)

Größer, teurer und ein bisschen seltsam: Auch vor dieser Skisaison ging das Wettrüsten in Wintersportorten weiter.

Von Dominik Prantl

Alle Jahre wieder preisen die Wintersportgebiete ihre Neuerungen in Berg und Tal an. Hinter den enormen Summen, die in Gondeln, Hotels und sonstige Einrichtungen gesteckt werden, stehen dabei einige Trends, die den Alpenraum zum Teil tief greifend verändern.

Gondeln für Millionen

Mit einer Liste aller neu gebauten Lifte und Gondeln im Alpenraum ließen sich ganze SZ-Sonderausgaben füllen. So gaben Österreichs Seilbahnen im vergangenen Jahr laut Branchenangaben 408 Millionen Euro für die Seilbahninfrastruktur aus. Die neue Fleckalmbahn im Kitzbüheler Skigebiet etwa kostete 27,5 Millionen. Ähnliche Beträge steckten auch Ischgl (24 Millionen) und die Planai (34 Millionen) in neue Anlagen.

Das Skigebiet Wilder Kaiser Brixental brüstet sich wiederum damit, in dem nun zu Ende gehenden Jahr sogar 73,4 Millionen Euro für Neuerungen - darunter vier Bahnen - aufgebracht zu haben. Ganz weit vorne im millionenschweren Gondelgeschäft spielte 2019 auch die Jennerbahn bei Berchtesgaden mit. Dort wurde zuletzt die Nostalgiebahn aus dem Jahr 1953 durch einen Neubau für rund 56 Millionen Euro ersetzt.

Dabei gaben sämtliche deutsche Seilbahnbetreiber nach Angaben des Verbands deutscher Seilbahnen zusammen nur 70 Millionen Euro aus - Jennerbahn inklusive. Im Vergleich zum Projekt V-Bahn in Grindelwald, Schweiz, ist das alles ein Klacks. Dort investiert die Jungfraubahn seit Sommer 2018 und noch bis nächsten Dezember 470 Millionen Schweizer Franken. Sogar im geldgesättigten Fußball gäbe es dafür zwei Neymars.

Kitzsteinhorn Pressebild

Kabine der neuen Panoramabahn, die Kitzsteinhorn und Maiskogel verbindet, den Hausberg von Kaprun.

(Foto: Peter Moser)

Berge verbinden

So sieht ein Satz aus, in dem die wichtigsten Schlagwörter für ein Buzzword-Bingo der Bergbahnindustrie stecken: "Die K-onnection ist mit 81,5 Millionen Euro das größte Investitionsvorhaben in der 50-jährigen Geschichte der Gletscherbahnen Kaprun AG und hat eine enorme wirtschaftliche Bedeutung und touristische Strahlkraft für die gesamte Region." Bei K-onnection handelt es sich auch nicht etwa um einen Tippfehler, sondern einen Marketing-Neologismus. Genau genommen verbirgt sich dahinter aber auch nur eine Seilbahn, die seit Ende November den Ort Kaprun mit den Skigebieten Maiskogel und Kitzsteinhorn verbindet.

Direkt ums Eck eröffnete am vergangenen Wochenende zudem ein weiterer Teilabschnitt jener Bahn, die sich - wohl nach einem weiteren kreativen Wortschöpfungsprozess - "zellamseeXpress" schreibt. Durch sie rückt das Skigebiet von Zell am See noch näher an Saalbach-Hinterglemm heran, welches seinerseits erst vor vier Jahren mit Fieberbrunn fusioniert hat.

Sollte dieser heute unter dem Begriff Saalbach-Hinterglemm-Leogang-Fieberbrunn firmierende Skizirkus tatsächlich einmal mit Schmitten-Zell-am-See und Kitzsteinhorn-Maiskogel-Kaprun eine Einheit bilden, dürfte nicht nur der Name ein echtes Ungetüm werden.

Les Chalets du Mont d'Arbois, Megève, A Four Seasons Hotel

Für Gäste, die 6000 Euro für eine Übernachtung übrig haben: Chalets der Four-Seasons-Gruppe in Megève, Frankreich.

(Foto: Tavares Gomes / Four Seasons)

SUV-Unterkünfte

Chalets sind gewissermaßen die SUVs der Alpenhotellerie. Sie benötigen jede Menge Platz und bieten einer gewissen Schicht der Gesellschaft allerlei recht kostspielige Annehmlichkeiten, bei denen keiner mehr fragt, ob es sie wirklich braucht. Außerdem laufen sie wahnsinnig gut.

Neben lokalen Geschäftemachern schmücken daher auch immer öfter global operierende Unternehmen ihr Sortiment mit einer selbstverständlich viel traditionellen Charme versprechenden Chalet-Anlage. Unterschiedlich sind auch die Vorgehensweisen. Österreichische Immobilienfüchse haben im Wipptal und im Skigebiet Schladming komplett neue Siedlungen in die Landschaft gesetzt; das 400-Einwohner-Dorf Neukirchen wurde mit den "Nationalpark Chalets" gerade um eine Fläche von fünf Fußballfeldern erweitert. In Megève in Frankreich hat die Hotelkette Four Seasons in Zusammenarbeit mit einem Ableger der Rothschild-Gruppe drei ältere Chalets aufgehübscht. Die Preise erinnern ebenfalls an Rothschild: Eine Familiensuite kostet für sechs Personen über Weihnachten locker 6000 Euro - pro Nacht.

U-Bahn Serfaus

Auch innen wurde nicht gespart: eine Station der U-Bahn genannten Dorfbahn von Serfaus.

(Foto: Andreas Schalber)

Urbanisierung der Dörfer

Die Verstädterung des Alpenraums schreitet weiter voran. Das äußert sich nicht nur in weit verbreiteten Bauten teils internationaler Hotelketten oder - bislang nicht realisierten - Visionen wie dem 381 Meter hohen Turm zu Vals. Die Talstation der Skiwelt Söll etwa kann seit November einen Sportladen aufbieten, der mit 1600 Quadratmetern Einkaufsfläche samt Wasserfall, Echtmooswand, Schneeraum und E-Bike-Zentrum an eine Filiale des Großraumspezialisten Globetrotter erinnert.

In dem etwas mehr als tausend Einwohner zählenden Bergdorf Serfaus in Tirol gibt es wiederum eine fahrerlose, 1,3 Kilometer lange Luftkissenbahn, die seit diesem Jahr offiziell den Titel U-Bahn trägt. Sie wurde bereits 1985 als sogenannte Dorfbahn zum Zweck einer Reduzierung des Automobilverkehrs angelegt und in den vergangenen zwei Jahren für etwa 26 Millionen Euro erweitert und modernisiert. Seitdem hält die einzige U-Bahn Tirols auch an einer neuen Station mit dem schönen, simplen Namen: Kirche.

Klimaschutz und teure Rabatte

Grüner Anstrich

Auch an der einigermaßen dickfelligen Ski- und Seilbahnbranche sind die Klima- und Umweltdebatten nicht spurlos vorbeigegangen. Tatsächlich wurden die schon in den vergangenen Jahren zu beobachtenden Ökoinitiativen intensiviert - was nicht heißt, dass für die Natur annähernd so viel Geld ausgegeben wird wie für neue Gondelbahnen und Chalets.

Das italienische Skigebiete Carezza beispielsweise strebt an, innerhalb der kommenden drei Jahre klimaneutral zu werden. Durch Schneetiefenmessung und GPS-Tracks seien dort schon 30 Prozent Treibstoff bei der Pistenpräparierung eingespart worden, was nicht nur die Umwelt, sondern nebenbei auch die Bilanz des Skigebiets entlastet.

Die Riesneralm in Österreich positioniert sich als Skigebiet, das nach eigenen Angaben mit Wasserkraft fast dreimal so viel Strom erzeugt, wie es für den Betrieb des ganzen Skigebietes benötigt. Selbst das bislang selten mit dem Schlagwort Nachhaltigkeit in einem Satz genannte Ischgl möchte alle unvermeidbaren Emissionen über anerkannte Klimaschutzprojekte ausgleichen.

Und Flims-Laax in Graubünden emittiert neuerdings auch PR-Mitteilungen über einen ambitionierten Sieben-Punkte-Plan, den gesamten Energiebedarf der Destination durch regional produzierte und erneuerbare Energie abzudecken.

Schweizer Rabattschlachten

Zumindest bei den kontinuierlich steigenden Preisen für Skipässe ist die Schweiz noch immer die Champions League des Skifahrens. Ein Tagesskipass in Arosa kostet inzwischen 84 Franken (ca. 77 Euro), in Flims-Laax zur Hauptsaison 89 Franken (81 Euro). Insofern ist es nur logisch, dass der Kampf um Kunden eine wahre Rabattschlacht auslöst.

So hat sich die Zahl der Skigebiete mit Dynamic Pricing - also Preisen, die sich wie bei Flügen je nach Wochentag, Buchungszeitraum oder auch Wetter ändern - in den vergangenen zwei Jahren auf 15 verdreifacht. Das erst seit diesem Jahr mit Disentis und Sedrun verbundene Skigebiet Andermatt orientiert sich mit einem Halbpreis-Abo zugleich am Bahnverkehr. Die Kosten dafür (41 Franken) amortisieren sich für den Kunden schon bei einem einzigen Tagesticket zum regulären Preis von 84 Franken.

Dritter Clou sind Jahreskarten in Tarifverbünden wie ein Skipass für vier Gebiete im Berner Oberland (666 Franken) oder der preislich ebenfalls volatile Magic Pass mit mehr als 30 Skigebieten in der Westschweiz.

Dass nicht alle Schnäppchenaktionen erfolgreich sind, zeigte jüngst das Beispiel Saas-Fee im Wallis. Dort wurden Saisonabos drei Jahre lang für anfangs 222, später 255 Franken (233 Euro) verkauft. Nach dem vergangenen Winter mussten die Verantwortlichen jedoch einräumen, dass die Rechnung mit den Dumpingpreisen bei Weitem nicht aufgegangen sei - auch wegen der enorm hohen Marketingkosten von jährlich fast drei Millionen Euro.

© SZ vom 12.12.2019/kaeb
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