Kleine Skigebiete: Pillerseetal Großes Kreuz und ganz viel Schnee

Das begehbare Jakobskreuz bietet eine tolle Aussicht und hat 50.000 Besucher im Jahr.

(Foto: Hans Gasser)

Das Pillerseetal in Tirol erlebt einen Jahrhundertwinter. Das Skigebiet hat trotzdem zu kämpfen.

Von Hans Gasser

Es ist ein Kreuz! Da wirbt man damit, die schneereichste Region Tirols zu sein, und dann kommt so viel davon, dass man seiner kaum noch Herr wird. "Wir hatten größte Mühe, den Schnee in den Griff zu bekommen", sagt Thomas Wörgötter, Prokurist der Bergbahn Pillersee, deren Lifte auf die nur knapp 1500 Meter hohe Buchensteinwand führen. "Wir mussten teilweise die Lifttrassen per Hand freischaufeln, weil der Schnee von unten bis an die Sessel reichte." Acht Tage hätten die Bahnen im Januar stillgestanden, Einheimische und Gäste hätten dafür wenig Verständnis gehabt. "Die standen an der Talstation und wollten auf den Berg. Da habe ich gesagt, dann müsst ihr zuerst schaufeln helfen." Haben sie auch getan.

Innerhalb von zwei Wochen sind im Januar in dieser Gegend der Kitzbühler Alpen 4,50 Meter Schnee gefallen. Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Innsbruck stuft dies als ein Jahrhundertereignis ein, und das will hier etwas heißen. Denn Hochfilzen, der an der Südseite der Buchensteinwand gelegene Ort auf 1000 Meter Höhe, ist generell für seinen Schneereichtum bekannt.

Wer jetzt, nachdem sich die Lage längst beruhigt hat, mit dem Sessellift auf die Buchensteinwand hinauffährt, findet Skifahrbedingungen vor, wie man sie sich nicht schöner erträumen kann. Federnde, weiche Pisten, daneben Pulverschnee, Sonne und eine besondere Aussicht: Sie reicht vom Wilden Kaiser bis zum Großglockner, von den Steinbergen bis zum Kitzbüheler Horn. Die Dörfer im Tal sehen aus, als wären sie Lebkuchenhausensembles, so dick lastet der Schnee auf den Dächern. Als Allererstes fällt einem hier oben aber das Jakobskreuz auf, ein 30 Meter hohes, kreuzförmiges und schindelverkleidetes Gebäude. Die Bergbahn wirbt damit, dass es das größte begehbare Gipfelkreuz der Welt sei. Prokurist Wörgötter nennt es "unser Alleinstellungsmerkmal schlechthin" und einen "Kraftplatz".

Je kleiner ein Skigebiet, desto dringender muss es sich irgendwie abheben von den Platzhirschen. Im Falle der Buchensteinwand mit ihren 20 Pistenkilometern und acht Liften heißt das: Im Süden liegt das auf Freeriden spezialisierte Fieberbrunn, das seit ein paar Jahren mit dem riesigen Skizirkus Saalbach-Hinterglemm verbunden ist. Im Westen ist Kitzbühel, und Zell am See im Osten ist auch nicht so weit. Die großen Gebiete haben schnelle Lifte mit Sitzheizung, riesige Pistenflächen und starke Beschneiungsanlagen.

All das hat die Buchensteinwand nicht, aber sie besitzt seit fünf Jahren das Jakobskreuz. Auf den ersten Blick ein klobiges Trum, allerdings eines mit inneren Werten. Mit Aufzügen kann man hochfahren, sich in beheizten Räumen, die in alle vier Himmelsrichtungen zeigen, an die Glasscheiben setzen oder auf die Aussichtsterrassen darüber steigen. Dazu spielt angenehme Klaviermusik aus den Lautsprechern, draußen fliegen die Kolkraben vorbei. International renommierte Firmen würden hier Seminare abhalten, erzählt Wörgötter stolz, Yogakurse und Hochzeiten fänden statt. Tatsächlich ist es ein besonderer Ort, weil man noch ein Stück über dem Berg steht und einen Adlerblick hat. 50 000 Gäste besuchen das Kreuz pro Jahr, die meisten im Sommer.

Weil aber die Winter hier in den vergangenen Jahren nicht immer so üppig ausgefallen sind wie heuer, waren die Bergbahnen mehrmals finanziell arg ins Schlingern gekommen, zuletzt 2017. Dass das Skigebiet nun weiter bestehen und sogar ausgebaut werden soll, liegt ausgerechnet an dem zwei Millionen Euro teuren Kreuzbau. "Nach vier schneearmen Wintern in Folge war es ganz schön übel", sagt Harry Günther, ehemaliger Besitzer und Geschäftsführer der Bergbahn Pillersee. Sein Vater Paul hatte den Bau des Jakobskreuzes vorangetrieben, auch um die Bahn im Sommer besser auszulasten, doch das reichte nicht. "Die nötigen Investitionen für das wichtige Wintergeschäft waren zur groß für unsere Geldtasche."

Im Pillerseetal gab es in diesem Januar einen Jahrhundertschneefall: 4,5 Meter fielen innerhalb von zwei Wochen.

(Foto: Hans Gasser)

Deshalb habe man lange nach einem Käufer für die Bergbahn gesucht. Vor rund einem Jahr gelang es: Die Pletzer-Gruppe aus Hopfgarten, der unter anderem die Lifte an der Hohen Salve und ein maßgeblicher Anteil an den Bergbahnen Sudelfeld gehören, kaufte die Bergbahn. "Das Jakobskreuz war einer der ausschlaggebenden Gründe für den Kauf", sagt Harry Günther, der an der Talstation einen großen Intersport mit Skiverleih betreibt. "Und uns ist dadurch ein großer Stein vom Herzen gefallen."

Die Pletzer-Gruppe, deren Vertreter Wörgötter ist, will nun in den nächsten Jahren bis zu zwölf Millionen Euro investieren, vor allem in eine zehnmal leistungsfähigere Beschneiungsanlage, eine Gondelbahn soll irgendwann die zwei Schlepplifte ersetzen, die den Berg von Hochfilzener Seite erschließen, auch ein Hotel ist angedacht. An der Talstation gibt es ein großes Übungsgelände für Kinder, das nach dem Besitzerwechsel von "Bobo-Land" auf "Pletzi-Land" umgetauft wurde, inklusive neuem Maskottchen. Auf Kinder lege man großes Augenmerk, sagt Wörgötter, der bis 2017 noch Chef der Tiroler Finanzpolizei war: Günstige Pakete für Skikurse und Rennveranstaltungen für Skiklubs seien ein wichtiges Geschäft. Mittwochs gibt es immer ein Kinderfest mit Musik, Polonaise und Gratis-Pommes, zweimal am Tag tritt das Maskottchen auf. Und das Sommergeschäft wolle man ebenfalls ausbauen, mit dem beliebten Kreuz, aber auch mit E-Bike-Angeboten.

"Ein Glücksfall" sei der nun gefundene Investor, schwärmt Armin Kuen, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Pillerseetal. Zusammen mit den anliegenden Gemeinden beteiligt sich der Verband mit insgesamt drei Millionen an den Investitionen. "Spezialisierung ist die einzige Chance für kleine Skigebiete", sagt Kuen. Man wolle die Buchensteinwand noch stärker auf Familien ausrichten. "Dafür müssen einfach der umsatzstarke Winter und das Weihnachtsgeschäft durch Beschneiung gesichert sein."

Der Sorge um zu wenig Schnee ist man hier zumindest in diesem Winter enthoben. Wer vom Jakobskreuz die schönen Pisten nach St. Jakob in Haus oder jene Richtung Hochfilzen hinunterfährt, kann ungestört in großen Bögen carven, denn es ist kaum etwas los. Offenkundig drängen sich die meisten Skigäste lieber auf den Pisten von Kitzbühel und Saalbach-Hinterglemm, wo sie die mehr als 200 Pistenkilometer ohnehin nie abfahren können. Aber gut, dass man sie hat!

Dem Gast an der Buchensteinwand kann das nur recht sein. Er kehrt an der gemütlichen Hoametzl-Hütte ein, die an der Piste nach Hochfilzen liegt, setzt sich draußen in die Sonne, bestellt vielleicht eine Nudelsuppe mit Würstl. Georg Perterer, der Hüttenwirt, hat schon viele Winter hier erlebt. "Die deutschen Medien haben getan, als ginge Tirol unter", ärgert er sich. Dabei sei dies endlich mal wieder ein "gescheiter Winter"; und ihm auf jeden Fall lieber als der "Chaoswinter 2006/07". "Da haben wir das Skigebiet drei Mal auf- und wieder zusperren müssen, weil der Schnee immer wieder weggetaut ist."

Reiseinformationen

Anreise: Mit dem Auto von Norden über die A 8 und A 93, über St. Johann in Tirol nach St. Ulrich am Pillersee. Mit der Bahn gibt es eine gute Verbindung über Wörgl nach Hochfilzen, www.bahn.de

Unterkunft: z. B. Fairhotel in Hochfilzen, direkt an der Loipe, Sauna, DZ mit Frühstück für zwei Personen ca. 140 Euro, www.fairhotel-hochfilzen.at Hotel Kitzspitz in St. Jakob in Haus, DZ mit HP für zwei Personen ab ca. 260 Euro, www.kitzspitz.at

Skigebiet: Die Buchensteinwand bietet acht Lifte und 21 Pistenkilometer, viele davon gut für Kinder geeignet. Tagesskipass: 36 Euro/Erwachsene, 20,50 Euro/Kinder, www.bergbahn-pillersee.com; der Eintritt ins Jakobskreuz kostet mit Liftkarte sechs Euro.

Weitere Auskünfte: www.pillerseetal.at

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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