Tourismus Wann ist Urlaub zu billig?

Der Sherpa trägt den größten Rucksack. Ohne die einheimischen Träger würden die meisten Bergsteiger nicht auf die Achttausender kommen. Dennoch sind die Sherpas nicht immer gut bezahlt und oft schlecht versichert, weswegen es schon zu einem Streik am Everest kam. Illustration: Alper Özer

Tourismus kann Entwicklungshilfe leisten - oder eine sanfte Form von Kolonialismus sein. Die Urlauber entscheiden mit.

Von Dominik Prantl

In dem großartigen Roman "Morenga" über die Kolonialzeit des heutigen Namibias muss der Händler Klügge ernüchtert feststellen, dass die Bewohner des damaligen Deutsch-Südwestafrikas miserable Kunden für Geschäftemacher sind. Abgesehen davon, dass sie den Wert seiner Waren kennen und sich keineswegs ein kräftiges Rind für ein paar Hornknöpfe abluchsen lassen, sei das Schlimmste, dass diese Eingeborenen mit dem Notwendigsten zufrieden seien und ansonsten in den Tag hinein faulenzten. Also schmiedet er den Plan, Branntwein statt Knöpfe und Pfannen zu importieren und quasi als rollende Bar mit einem riesigen Fass durch die Wüste zu kutschieren. Denn der Wunsch nach Schnaps erzeuge Abhängigkeit, Durst und schon sehr bald größeren Durst. Der Autor Uwe Timm schreibt den wunderbaren Satz: "Diesen Mechanismus galt es auszulösen."

Abhängigkeiten entstehen meist dort, wo Ungleichheiten herrschen. Man kann den kolonialen Branntweinbottich durchaus als Symbol für all jene angeblichen Segnungen nehmen, die konsumfreudige Immer-weiter-Nationen Ländern mit weniger Wohlstand bringen. Manchmal in gutem Glauben, aber häufig doch nur in purem Eigeninteresse. Oder die Urlaubsfrage betreffend: Ist der gerne als Entwicklungshelfer gepriesene Tourismus nur ein weiteres Schnapsfass, das bei den durstigen Menschen in ärmeren Regionen Abhängigkeiten auslöst, von denen letztlich vor allem die Händler aus Übersee nebst einigen lokalen Unterhändlern profitieren?

Zum Glück für unser aller Reiseweltmeister-Seelenheil ist da die fast druckfrische Studie vom Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) über den Beitrag des Tourismus zur Wertschöpfung in Entwicklungs- und Schwellenländern. Der BTW ist in Fragen zur Tourismuswirtschaft allerdings ungefähr so objektiv und kritisch wie der FC Bayern in Fragen zum FC Bayern. BTW-Präsident Michael Frenzel macht auch gleich im Vorwort klar: "Tourismus ist auch ein Entwicklungsfaktor, denn die vielen Millionen Auslandsreisen der Deutschen tragen auch zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung in zahlreichen Ländern dieser Erde bei." Der BTW führt sogar exakt auf, wie groß dieser Beitrag ist. Demnach geben Reisende in Entwicklungs- und Schwellenländern 13,5 Milliarden Euro aus und schaffen damit direkt 738 000 Arbeitsplätze. Würden alle Effekte berücksichtigt, hätten die 148 betroffenen Länder den deutschen Touristen 1,8 Millionen Arbeitsplätze zu verdanken.

Gute Reise

Wie wir Urlaub machen wollen: Jedes Jahr sind etwa eine Milliarde Touristen unterwegs. Das bietet riesige Chancen für die besuchten Länder. Und einige Probleme.

Was auf den nächsten 190 Seiten folgt, ist ein Zahlenfeuerwerk mit der kaum verhohlenen Intention herauszustellen: Tourismus ist spitze. So leiste der deutsche Durchschnittsreisende in Entwicklungs- und Schwellenländern einen direkten Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt von 620 Euro, wobei jeder ausgebene Euro einen direkten BIP-Beitrag von 51 Cent bedeute. Im Durchschnitt schafften damit 15 deutsche Touristen eine Arbeitsstelle in Entwicklungs- und Schwellenländern, mit Folgeeffekten reichten sogar sechs Urlauber für einen Job.

Es ist gut möglich, dass der BTW - so viele Unwägbarkeiten eine solche Studie auch enthält - mit seinen Zahlen recht hat. Allerdings ist zwischen all den kaum mehr greifbaren Milliarden-Ausgaben und Millionen-Arbeitsplätzen wenig darüber zu finden, von welcher Qualität diese Jobs eigentlich sind. Stattdessen prägt im Tourismus weiterhin das Argument die Diskussion: Gut ist, was möglichst viele Arbeitsplätze schafft. Dabei sollte die Frage doch auch lauten: Wie sieht eine faire Entlohnung in einer Branche aus, in der das Wohl des Einzelnen - ob Zimmermädchen, Spüler oder Fahrer - in einem häufig von Veranstaltern gebündelten Paket schlicht untergeht? Was ist überhaupt ein fairer Lohn in Ländern, in denen Menschen schon froh darüber sind, für wenige Euro am Tag Handtücher falten zu dürfen?

Im Tourismus tobt ein Preiskampf, und wie immer, wenn ein Kampf tobt, werden seine Folgen an die Schwächeren durchgereicht. Zu verlockend ist das Ausnutzen von Ungleichheiten. Wirtschaftlich schwächere Länder (aber nicht nur die) sind für den Preiskampf damit besonders anfällig. Man kann es - wie der BTW - freilich als Vorteil des Tourismus' auslegen, dass die Branche auch ungelernten Arbeitern einen schnellen Einstieg erlaubt, besonders vielen Frauen eine Einkommensmöglichkeit bietet und außerdem überdurchschnittlich viele junge Menschen beschäftigt (angeblich ist in weniger entwickelten Ländern fast jeder Zweite unter 23). Man kann es aber auch so sehen: Arbeiter aus den oben genannten Schichten der Gesellschaft sind besonders billig zu haben.