bedeckt München 17°

Tourismus und Menschenrechte:Fährt man hin, fährt man nicht hin?

Illustration: Alper Özer

Auf nach Istanbul? Oder die Türkei boykottieren? Eine Reise in Länder, die Menschenrechte missachten, kann eigene Ansprüche auf die Probe stellen.

Dieses Jahr wäre die Türkei so ein Wackelkandidat gewesen. Fährt man hin, fährt man nicht hin? Solch ein schönes Ziel bei der Reiseplanung außen vor zu lassen, ist nicht leicht.

Die Menschen sind gastfreundlich, die Reisebusse bequem und das Fremde dort ist auf eine angenehm vertraute Art fremd. Aber irgendwie muss man dem Land doch zu verstehen geben, dass man nicht versteht, warum es sich einem so selbstherrlichen Präsidenten wie Erdoğan unterstellt, dass einem der übersteigerte Nationalismus missfällt, dass man die Politik im Osten des Landes, der sich gerade erholt hatte und wo nun der falsche Krieg geführt wird, unsäglich findet.

So wägt man also hin und her, bis zum Anschlag von Istanbul. Mit ihm ist alles Makulatur: Diesen Sommer werden so viele aus Sorge um ihre Sicherheit nicht in die Türkei reisen - da fällt gar nicht auf, wenn noch eine nicht kommt - aus politischen Erwägungen.

Boykott-Aufrufe seien nicht nützlich, sagen die etablierten Organisationen. Stimmt das?

Der Boykott im Tourismus ist ein alt gedientes Debattenthema. Bis vor einigen Jahren noch diskutierte man leidenschaftlich über die Frage: Darf man, soll man in Länder fahren, die Menschenrechte nicht achten? Nein, weil man dadurch ein Zeichen setzt und im besten Fall Machthaber zu Zugeständnissen zwingt. Ja, weil die Menschen im Land doppelt gestraft sind, wenn man ihnen Geld und Begegnung vorenthält.

Wie wir Urlaub machen wollen

Jedes Jahr sind etwa eine Milliarde Touristen unterwegs. Das bietet riesige Chancen für die besuchten Länder. Und einige Probleme.

Die Experten etablierter Organisationen wie Tourism Watch, der "Studienkreis für Tourismus und Entwicklung" oder Amnesty International raten mittlerweile zum Hinfahren - ebenso wie es die Reiseveranstalter tun, die nicht frei von Eigeninteressen sind. Verbunden ist das Ja zum Hinfahren in der Regel mit dem Appell an den "mündigen Touristen", der Veranstalter wählt, die ethisch verantwortlich handeln, die beispielsweise keine Kinderarbeit unterstützen und ihre Angestellten gerecht entlohnen. Lediglich kleinere NGOs halten noch fest am Instrumentarium des Boykott-Aufrufs - vielleicht, weil sie weniger desillusioniert sind.

Boykott-Aufrufe hätten sich als "nicht nützlich" erwiesen, sagt Verena Haan, Referentin für Wirtschaft und Menschenrechte bei Amnesty International. Ein gutes Beispiel dafür ist Myanmar. Dort hatte seinerzeit die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi aus dem Hausarrest heraus gebeten, ihr Land nicht zu bereisen. Die Devisen, so ihre Argumentation, stützten das Militär, das an Hotelketten verdient. Allerdings fand Suu Kyis Aufruf seinerzeit schon nicht nur Befürworter. Die Menschen wollten den Kontakt zu den Urlaubern. Nicht nur, weil er Geld bringt; sondern weil er anregend ist und die Tür zur Welt öffnet. 2015 gewann Suu Kyi die Wahl, seit Februar ist ihre Partei an der Macht, und das Land entwickelt sich schnell.

Illustration Reiseserie GUTE REISE Wie wir Urlaub machen wollen Aung San Suu Kyi Myanmar

Aung San Suu Kyi, Kämpferin für eine gewaltlose Demokratisierung Myanmars, hatte einst zum Reise-Boykott aufgerufen. Aber die Zeiten ändern sich.

(Foto: Alper Özer)

In Bagan, am Inle-See, in Yangon und überall sonst, wo auch Individualreisende hinkommen, vermieten Einheimische Zimmer, entstehen kleine Guest-Houses. Bewirkt hat den Wandel allerdings nicht Suu Kyis Forderung nach einem Tourismus-Boykott. Die Myanmaren selbst haben sich durch ihren hartnäckigen Protest der Junta ansatzweise entledigt. Höchstens noch bei der Abschaffung des Apartheid-Systems in Südafrika dürfte ein internationaler Boykott tatsächlich zum Regimewechsel beigetragen haben. Allerdings gab es hier ein Bündel an Sanktionen. Ein Land muss schon um sein Ansehen fürchten und es muss viel Geld im Spiel sein, bis die Machthaber reagieren.