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Seebäder in Großbritannien:Ballermann auf Stelzen

Sie standen für Eleganz, feine Erholung, britische Grandezza - an den Piers von Seebädern wie Brighton gingen einst feine Herrschaften an Land. Jetzt muss man die Bauten mit Rummel am Leben erhalten: Viel Spaß mit 28 Snack-Bars, 500 Game-Maschinen und einem Laser-Labyrinth!

Peter Linden

Es muss ein Spektakel gewesen sein, in den Jahren um 1800 einfach nur an der Kaimauer zu sitzen und den reichen Passagieren beim Verlassen ihrer Ozeandampfer zuzusehen. Wie sie über die Reling kletterten, um sich auf dem Rücken von örtlichen Trägern durch den Schlick der Ebbe an Land schleppen zu lassen. Oder wie sie sich bei Flut mit unsicheren Füßen in bedrohlich schaukelnde Ruderboote tasteten, um schließlich samt Gepäck an Englands Sandstrände gespült zu werden. An Land wurde ob der Darbietungen gelacht und gefeixt, und wenn ein Träger stolperte und eine Lady ins seichte Wasser plumpste oder gar ein Boot kenterte und betuchte Herrschaften ans Ufer schwimmen mussten, da erreichte die Stimmung der Zuschauer ihren Höhepunkt.

Couple walks past the Grand Pier at dusk at Weston-Super-Mare in southwest England

Die Grand Pier in Weston-Super-Mare im Jahr 1996

(Foto: REUTERS)

So kam es, dass vor 199 Jahren, im Juli 1812, das Parlament zu London ein Gesetz zum Bau sogenannter Piers verabschiedete, dessen Folgen wenig später unter der Regentschaft Königin Victorias weit über Großbritannien hinaus zu bewundern waren. Wo immer der Gezeitenwandel zu groß war oder die Bucht zu flach, wo immer die Dampfer schneller wuchsen, als man Hafenbecken vertiefen konnte, ragten hölzerne Seebrücken ins Meer hinaus, filigrane Stege auf Stelzen, die bei Nebel im Meer zu verschwinden schienen. Die Pier in Southend-on-Sea, östlich von London im seichten Mündungsgebiet der Themse gelegen, erreichte 1846 die bis heute unübertroffene Länge von 2,2 Kilometern. Zu ihrer Blütezeit zählten England und Wales 97 Piers.

Für wenig Geld verscherbelt, von Stürmen demoliert

Zur Blütezeit. Denn mit dem Niedergang der Seefahrt begann es im ganzen Land, morsch zu werden und zu rosten. Wo sich keine Investoren fanden, wurden Piers gesperrt oder abgetragen, zuweilen beschleunigte ein Feuer den Prozess. Tim Phillips war Architektur-Student, als er 1972 die Übungsaufgabe erhielt, einen Rettungsplan für die verwahrloste West Pier von Brighton zu entwickeln. Der einfache Vorschlag des heute 64-Jährigen: "Man muss Profit machen, um eine Pier zu erhalten." Doch das Casino, das im Mittelpunkt seiner Pläne stand, wurde nie gebaut. Stattdessen wurde die Pier für 100 Pfund verscherbelt, von Stürmen demoliert, geschlossen, teilweise renoviert und für organisierte Besichtigungen freigegeben, wieder vom Sturm beschädigt und schließlich von einem Feuer zerstört.

Seit 2006 wartet die Ruine auf den beschlossenen Neubau samt 150 Meter hoher Aussichtsplattform. Immerhin, einen coolen Namen hat die Plattform schon: "Brighton i360".

Niemand, der sehnlicher darauf warten würde als Tim Phillips. Denn der ist inzwischen Chef der National Pier Society (NPS), die sich kurz nach seinen revolutionären, studentischen Ideen gebildet hatte. "Die siebziger Jahre waren schrecklich", sagt Phillips und wundert sich, dass es noch immer Seebäder in England gebe, bei denen den Politikern nicht klar sei, wie sehr der Tourismus von diesen "wunderbaren Gebilden" profitieren könne.

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