Neue Schlittenbahn in der Schweiz:Kirmes auf Kufen

Neue Schlittenbahn in der Schweiz: Auf der Nachtrodelbahn wird die Geschwindigkeit gemessen, was die einen zum Jubeln, die anderen zum Grübeln bringt.

Auf der Nachtrodelbahn wird die Geschwindigkeit gemessen, was die einen zum Jubeln, die anderen zum Grübeln bringt.

(Foto: Cemil Erkoc)

In Lenzerheide gibt es seit diesem Winter eine Schlittenbahn, die wie ein Volksfest-Fahrgeschäft funktioniert. Eines ist dabei wichtiger denn je: der Schnellste zu sein.

Von Dominik Prantl

Natürlich ist der Schuldige schnell ausgemacht: der Schlitten. Es ist ein uralter Davos, so hoch wie breit, und noch dazu schlecht gewachst; ein postkutschenhaft anmutender Anachronismus. Mit dem Ding ist heutzutage jedenfalls kein Blumentopf und erst recht keine Light Ride Challenge zu gewinnen, was vor allem dann schmerzhaft ist, wenn man sich wie ich für den besten Rodler jenseits vom Hackl Schorsch hält.

Und ja, gewinnen oder zumindest schnell sein ist beim Schlittenfahren neuerdings essenziell, auch für den Hobbyrodler.

Light Ride heißt das neue Angebot in Lenzerheide, Schweiz, mit dessen Hilfe die gesamten Mängel am Schlitten oder an der eigenen Fahrtechnik endlich schwarz auf weiß dokumentiert werden. Auf einem 600 Meter langen Parcours, begleitet von "multisensorischen Lichtinstallationen und Musik", so das obligatorische Webseiten-Blubb-Blubb, geht es vor allem darum: "Messe deine Geschicklichkeit und breche den Geschwindigkeitsrekord." Man weiß mithilfe eines Sensors dann also wirklich ganz genau, ob man zu den Siegern oder zu den Verlierern dieser eigentlich demokratischsten aller Wintersportarten zählt. Ich zähle zu Letzteren.

Kinder und Frauen rasen an mir vorbei. Sicher liegt das an meinem Schlitten

Das zeichnet sich leider schon sehr bald nach dem Ausstieg aus der wie überall in der Schweiz trotz Corona weiterhin betriebenen Gondelbahn ab. Dort steht erst einmal ein Schild: "Light Ride, noch 3000 Meter bis zum Start." Denn die illuminierte Strecke nimmt nur das letzte Viertel der knapp vier Kilometer langen Schlittelpiste Scharmoin am Rothorn ein. Ich setze mich auf meine Antiquität, die Menschen neben mir legen sich auf ihre tiefergelegten Rodelmodelle der Moderne. Auf der ersten Gerade überholt mich ein gar nicht mal so wahnsinnig sportlich wirkendes Paar auf einem Holzschlitten. Später rasen Frauen, Kinder, Frauen mit Kindern an mir vorbei. Na gut, meine Stärke liegt ja auch eher auf der Langdistanz. Hintenraus trennt sich die Spreu vom Weizen.

Auch im Tal scheiden sich die Geister an dem Rodelbahn-Upgrade; das zeigt eine keineswegs repräsentative SZ-Blitzumfrage. Der Manager der Revier Mountain Lodge gleich neben der Rothornbahn etwa meint, alle seine Gäste seien davon richtig begeistert, was damit zu tun haben mag, dass sein Haus vor allem jüngere Menschen bewohnen. Corina Ambühl, die für den Light Rider verantwortliche Produktmanagerin, spricht von einem regelrechten Ansturm in der Premierensaison. Die begrenzten Tickets seien meist ausverkauft gewesen; an bis zu drei Abenden pro Woche kamen so regelmäßig 600 Schlittenfahrer und zahlten bis zu 29 Franken fürs Nachtrodeln. Die Corona-Pandemie wirkte dabei eher als Ticketabsatzbeschleuniger, "weil man sonst abends ja fast nichts machen konnte", so Ambühl. Ein aus Gründen des Gemeindefriedens namentlich nicht genannter Mensch aus der Tourismusbranche findet daher, der Light Ride sei zu voll.

Neue Schlittenbahn in der Schweiz: Am Start: Bunt beleuchtet kann man hier um die Wette fahren. Aus den Boxen ertönt: Go, go, go, go!

Am Start: Bunt beleuchtet kann man hier um die Wette fahren. Aus den Boxen ertönt: Go, go, go, go!

(Foto: Cemil Erkoc)

Andererseits: Mitmachen muss ja keiner, und nach drei Kilometern Aufwärmphase, die bei deutlichen Minusgraden eher einem Tiefkühlprogramm gleicht, ist man dann auch schon bis in die Fingerspitzen gespannt. Eine Metallvorrichtung als Starthilfe, aus Lautsprecherboxen die Aufforderung: "An den Start, Lightrider!" Oh, jetzt aber schnell, denn die befürchtete Menschenschlange besteht an diesem Märzdonnerstag aus drei Menschen, mich eingeschlossen. "Noch zehn Sekunden." Dann ein Countdown, drei, zwei, eins, und statt beim Start triumphal "Aus der Bahn, Kartoffelschmarrn!" zu grölen, tönt es beim Rodeln 2.0 aus den Boxen: "Go, go, go, go, go!"

Nach 37 Metern bleibe ich in der ersten Kurve in einer mit Schnee gefüllten Grube stecken. Ambühl wird später sagen: "An Tagen wie diesem, mit viel Neuschnee, gibt es schnell Löcher in der Fahrbahn." Die Zeit vor dem Nachtbetrieb ohne Rodler sei dann zu kurz, um die Bahn ausreichend zu härten.

Neue Schlittenbahn in der Schweiz: Es ist eine Art Kirmes-Fahrgeschäft auf dem Berg. An Punchkissen kann man Zeitgutschriften gewinnen.

Es ist eine Art Kirmes-Fahrgeschäft auf dem Berg. An Punchkissen kann man Zeitgutschriften gewinnen.

(Foto: Cemil Erkoc)

Schon bald wird immer deutlicher, dass der Parcours als eine Art winterliches Kirmes-Fahrgeschäft für die Generation Playstation konzipiert ist. Hin und wieder hat man zum Zweck der Zeitgutschrift gegen Punchkissen zu schlagen, und wer seine Jugend mit dem Computerspiel-Klassiker Super Mario Kart verbrachte, vergisst womöglich auch nicht, die auf den Schnee projizierten und ebenfalls Boni versprechenden Diamanten aufzusammeln, und zwar alle. An der Geschwindigkeitsmessung vorbei geht es durch etliche illuminierte Bögen, in deren fahlem Licht zwei äußerst windschnittig wirkende Jungspunde beim Überholvorgang daran erinnern, wer hier nun die Spreu und wer der Weizen ist. Ambühl macht auch keinen Hehl daraus, was die Grundidee hinter dieser Anlage war: "Das Nachtschlitteln neu zu inszenieren."

Als Kind der notorisch verklärten, jedoch blessurenreichen Aus-der-Bahn-Kartoffelschmarrn-Ära hat man das alles selbstverständlich als maximal kommerziell oder wenigstens als weiteres Symptom unserer Konkurrenzgesellschaft zu verurteilen. Nur ertappt man sich hinterm Zielraum, in dem die zahlreich vertretene Generation Playstation vor dem Kiosk ganz brav Abstand hält, beim Blick auf die Anzeigetafel. Dort stehen die Ergebnisse: 1:25 Minuten von einer Sandra; oder 1:58 von Jasmin. Beides ist ordentlich.

Meine Zeit kommt ein paar Tage später an, per Mail. 3:17 Minuten bedeuten Platz 21 345 in der bisherigen Saison und Platz 155 in der Tageswertung. Das ist wichtig, denn: "An Tagen wie diesem kannst du die Spitzenzeiten gar nicht fahren", sagt Ambühl. Ihre eigene Bestleistung? "Weiß ich nicht. Aber schneller als du war ich." Ja, danke auch.

Aber ich komme wieder, mit besserem Schlitten, bei besseren Bedingungen, besser trainiert. Und dann, ihr Knechte der Konkurrenzgesellschaft, ist Schluss mit lustig!

Der Light Ride ist mittwochs und samstags noch bis 7. April zwischen 18 und 22 Uhr in Betrieb, Preise fürs Abendticket zwischen 15 Franken (Kinder von 6 bis 12 Jahren) und 29 Franken (ab 27 Jahren). Vor nicht notwendigen, touristischen Reisen in die Schweiz wird weiterhin gewarnt. Die Einreise aus Deutschland ist - außer von Thüringen - derzeit dennoch unproblematisch. Bei der Rückreise bestehen jedoch die üblichen Auflagen für die Einreise aus Risikogebieten (Einreiseanmeldung, Test- und Quarantänepflicht).

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

© SZ
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