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Schweiz:Gastfreundlichkeit trifft auf Internethype

Die traditionellen Kartoffelpuffer sind zwar nicht billig, aber doch erschwinglich. Anders als manch andere Destination, die von Touristen überrannt wurde und dann so lange die Preise erhöhte, bis sich nur noch wenige den Besuch leisten konnten, ist der Aescher immer auch: eine traditionelle schweizerische Berghütte, in der die Regeln von Gastfreundlichkeit und Wanderern gelten. Wie es aussieht, wenn dieser Anspruch auf Internethype trifft, lässt sich ebenfalls am Aescher beobachten. Neben gelangweilten Influencern findet sich dort auch eine lebhafte Gruppe Schweizer Pensionäre, die seit Jahrzehnten hier oben Geburtstag feiert - und weder für exponentielle Preisentwicklung noch für kleinere Röstiportionen Verständnis hätte.

Und trotzdem. Dass die Gastwirtschaft am Aescher weiterbetrieben wird, bezweifelt niemand. Nur wenige Meter über dem spektakulären Gasthaus liegt das Wildkirchli. Ein paar Bänke, unter den Felsen geduckt, ein Altar, ein Kreuz. Wer unter Platzangst leidet, kann die Gottesdienste nicht besuchen. Dass sie trotzdem stattfinden, ist der Stiftung Wildkirchli zu verdanken, einer staatsnahen Einrichtung, vor mehr als 300 Jahren von einem Pfarrer gegründet, der die Einsiedelei und die alte Tradition der "Höhlenmessen" unterstützen wollte.

Auch das Gasthaus Aescher gehört der Stiftung. Während Familie Knechtle Investitionen forderte, drückte die Stiftung eher auf die Bremse. Man wolle hier oben "nicht alles machen", heißt es von der Stiftung, es sei schließlich "ein spezieller Ort" - und der finanzielle Spielraum begrenzt. Zumindest eine verbesserte Wasserversorgung aber stellt die Stiftung dem neuen Pächter in Aussicht. Schließlich werden auch im nächsten Sommer bis zu 250 000 Touristen hier oben Felsenwand und Bratwürste fotografieren wollen.

Es geht ja nicht nur dem Gasthof so. Mal am Trolltunga oder auf Santorin gewesen?

Ob die Schweizer Wanderer ihren Aescher dann noch wiedererkennen werden, ist fraglich. Schon jetzt ist der Ort ein anderer geworden, einer, der Ashton Kutcher ebenso sehr zu gehören scheint wie den Eremiten, die einst begannen, hier oben Erfrischungen zu verkaufen. Ein Schicksal, das das Berggasthaus mit manch anderen Destinationen teilt: So wurde ein pittoreskes Dorf im Tessin 2017 von einem Youtube-Star als "Malediven von Mailand" angepriesen - statt unberührter Felsen fanden die Reisenden bald darauf zugeparkte Wege und ein Dorf im Belagerungszustand vor. Auch aus anderen besonders fotogenen und angesagten Reisezielen hört man Klagen: Zur Sonnenuntergangszeit würde man auf der griechischen Insel Santorin schon mal von einer der malerisch weißen Steinwände geschubst. Die berühmten schwimmenden Schweine auf den Bahamas würden von Touristen fürs Foto mit allerlei Unsinn gefüttert (sieben Tiere starben), auf dem anstrengenden Weg zum malerischen Felsvorsprung Trolltunga in Norwegen gehen immer wieder Reisende verloren - vom langen Anstehen, das am Ziel der Wanderung auf die fotowilligen Reisenden wartet, war da noch keine Rede.

Wer nun glaubt, der moderne Tourismus mit seinen Hashtags, Instagramfiltern und dem niemals enden wollenden Strom an Selfies sei allein schuld, dass traditionsreiche Orte wie der Aescher leiden, sollte auf dem Weg zur Gondel nicht nur das Wildkirchli, sondern auch die dahinterliegende Höhle ansehen. Ein ausgeleuchteter Weg führt durch das unterirdische System, vorbei an Schautafeln, die von einer größeren Bärenkolonie berichten, die sich hier im Winterschlaf zurückzog. Durch ein breites Eingangstor fällt Tageslicht in die Höhle, Holzpfeiler stützen das Gestein. Hier habe man 1960 die Wege aufgesprengt, steht auf der Tafel. Die Touristen, die schon damals in Sonntagskleidung mit der Luftseilbahn angereist kamen, hatten sich beschwert, dass man beim Gang durch die Höhle dreckig werde. Seither ist das System einsturzgefährdet und muss gestützt werden. Kein Wunder, dass auch die Weisheit vom Touristen, der "zerstört, was er sucht, indem er es findet" (Hans Magnus Enzensberger) schon vierzig Jahre alt ist. Der Markusplatz in Venedig oder das Kolosseum in Rom sind ganz ohne Internet zu Paradebeispielen für "Overtourism" geworden. Zurück in die Schweizer Berge. Die letzten Meter zur Gondelbahn geht es noch einmal bergauf. Viele nutzen die Wiesen für eine letzte Pause, lassen das Bergpanorama auf sich wirken. Dieses Mal ohne Handykamera im Anschlag, der Aescher ist schließlich im Kasten. Gespräche sind kaum noch zu hören, gelegentlich murmelt jemanden neben einem im Gras zufrieden "hachja". Eine friedliche Stimmung - die sich auch auf den zahlreichen anderen Wanderwegen im Alpstein erleben lässt.

An der Gondel, die einen für knapp 20 Euro wieder ins Tal befördert, weisen zahlreiche Wegweiser nach oben: etwa auf den Säntis, mit 2500 Metern der höchste Berg im Alpsteingebirge. Warum nicht auch da noch hinauf? Viereinhalb Stunden dauert der Weg, beinhaltet neben vielen ermüdend steilen Strecken auch solche, bei denen man sich am Seil festhalten oder über Felsen klettern muss. Influencer kommen einem keine entgegen, was erstaunlich ist: Der Blick vom Gratweg ist fantastisch, auf einsamen Strecken laufen Murmeltiere und Steinböcke an einem vorbei. Kurz gesagt: Muss man gesehen haben.

© SZ vom 29.09.2018/edi
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