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Reisen zur Fußball-WM:Russland nutzt sein Potenzial als Reiseland nicht

MOSCOW RUSSIA MAY 30 2018 A sculpture of Zabivaka the Wolf the official mascot erected in Mos

Russland putzt sich heraus mit Skulpturen des Wolf-Maskottchens. Der Werbeeffekt der Fußball-WM dürfte allerdings schnell verpuffen.

(Foto: Sergei Bobylev/imago/ITAR-TASS)

Kein Sommermärchen: Obwohl das Interesse an Russland groß ist, verkaufen sich Reisen zur Fußball-Weltmeisterschaft schlecht - auch weil in Europa kaum dafür geworben wird.

Schon mal was von Etschpotschmak gehört? Oder von der Kul-Sharif-Moschee? Beides ist in Kasan zu finden, der Hauptstadt von Tatarstan. Ersteres sind dreieckige Teigtaschen, mit einer Mischung aus Lammfleisch und Kartoffeln gefüllt. Letzteres ist ein 6000 Gläubige fassendes Gotteshaus und Wahrzeichen der Stadt Kasan.

Sie ist Austragungsort der Fußball-WM, knapp 900 Kilometer östlich von Moskau. Deutschland spielt hier am 27. Juni gegen Südkorea. Die Zahl der deutschen Touristen, die dafür in die Stadt reisen werden, dürfte eher überschaubar sein. Denn zum einen ist das Land sehr groß und bis auf Moskau und St. Petersburg den meisten Deutschen weitgehend unbekannt. Zum anderen hat Russland wegen Putins Politik ein gravierendes Imageproblem.

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Auch wenn man das Regime unsympathisch findet: Die Menschen in Russland sind es nicht. Wer das Land bereist, erlebt große Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft.   Kommentar von Hans Gasser

Maria Pushkareva war vor drei Jahren angetreten, dies anlässlich der Fußball-WM zu ändern. Die Tourismusexpertin hat damals zusammen mit einer Kollegin Russland beraten, wie es zur viel beachteten WM ein professionelles und langfristig wirksames touristisches Konzept erarbeiten könnte. "Unser Vorbild war das Sommermärchen 2006 in Deutschland", sagt Pushkareva. Es sollte nicht nur in Infrastruktur, sondern vor allem auch in Image und Servicequalität investiert werden. "Wir haben aber schon ein Jahr später wieder aufgehört, weil wir gemerkt haben, dass es bei den offiziellen Stellen keine Perspektive für unser Konzept gab."

Russland wird in Europa kaum beworben. Man sieht das Potenzial des Tourismus noch nicht

Man denke dort, mit Wolga-Kreuzfahrten, Transsibirischer Eisenbahn und Städtereisen gebe es ja ein ausreichendes Angebot, so Pushkareva. "Man begreift nicht, dass ein so großes und vielfältiges Land ein langfristiges Themenmarketing im Ausland braucht, um erfolgreich zu sein." Das Geld werde lieber in Straßen, Bahnverbindungen und Ortsverschönerungen investiert, die später auch den Einheimischen zugute kommen. In der Tat wird Russland als Reiseland in Europa kaum beworben, was in Zeiten weltweit wachsender Touristenströme außergewöhnlich ist. Die offizielle Tourismus-Website bietet zwar eine deutschsprachige Unterseite, auf der über die elf Austragungsstädte kurz das Wichtigste zusammengefasst ist. Man merkt aber, dass darauf nicht viel Geld und Energie verwandt wurde.

Kultur verkauft sich besser als Fußball

Dabei ist das Interesse an Russland speziell in Deutschland gar nicht so gering. Spricht man mit deutschen Reiseveranstaltern, so bietet sich ein zweigeteiltes Bild. Jene, die explizit Reisen zur WM anbieten, jammern über ein schwieriges Geschäft. Kultur-, Städte- und Naturreiseveranstalter hingegen berichten von starken Zuwächsen bei den Buchungen. "Für uns war 2017 ein Russland-Rekordjahr", sagt Felix Willeke, Sprecher von Lernidee-Reisen, der auf Fahrten mit der Transsibirischen Eisenbahn spezialisiert ist sowie Rund- und Städtereisen anbietet. In diesem Jahr sei die Buchungslage ähnlich gut, wenngleich man wegen der sehr hohen Hotelpreise während der WM kaum Reisen im Programm habe. Genauso ist es auch bei Studiosus. "Normalerweise gilt bei uns in solchen Jahren immer die Gleichung: großes Ereignis, kleine Nachfrage. Diesmal nicht", sagt Studiosus-Sprecher Frano Ilic. Obwohl man während der beliebten Weißen Nächte gar nichts anbiete, verzeichne man Zuwächse im zweistelligen Prozentbereich, vor allem in Moskau und St. Petersburg. "Die Gäste fahren heuer halt vor oder nach der WM hin."

Beim Sportreise-Spezialisten Vietentours ist man da weniger euphorisch. "Viele unserer Kunden wollen gar nicht nach Russland", sagt Inhaber Wolfgang Vieten, "die haben ein sehr schlechtes Bild davon." Bei ihm sei das auch so gewesen, bis er vor einem Jahr zum Confed Cup nach Kasan gereist sei. "Ich war positiv überrascht." Im Vergleich zu Brasilien vor vier Jahren habe er aber 70 Prozent weniger Reisepakete zur WM verkauft. Als Veranstalter gehe man ein sehr hohes Risiko ein, da manche Hotels und Geschäftspartner das große Geld witterten und bereits gebuchte Zimmer oder Locations kurzerhand stornierten, um sie noch teurer zu verkaufen.

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Russland, vom Zug aus gesehen

Dertour Live, größter Sportreisen-Anbieter, hat seine sparsam eingekauften Hotelkontingente alle verkauft. "Es ist besser gelaufen als erwartet", sagt Teamleiter Carsten Hüfner, schiebt aber nach, dass das Geschäft im Vergleich zu Brasilien stark geschrumpft sei. Reisen zu den ersten zwei deutschen Spielen in Moskau und Sotschi liefen noch ganz gut, zum dritten nach Kasan schon weniger.

Gute Bedingungen für Individualreisende

Generell ziehen Fußball-WMs eher Individualreisende an, die eines der begehrten Fifa-Tickets zugelost bekommen haben und dann alles selbst organisieren. In Russland wird es ihnen relativ einfach gemacht: Wer eine Karte hat, kann auf einer Website eine Fan-Identifikationsnummer (ID) beantragen. Die wird zugeschickt und ersetzt das Visum. Spätentschlossene können die Fan- ID an 70 Stellen auch noch im Land bekommen. Mit dem Ausweis kann man an Spieltagen gratis den Nahverkehr und sogar schnelle Fernzüge benutzen. Zudem bietet die Aeroflot-Tochter Pobeda günstige Flüge zu den weiter entfernten Spielstätten an. Die russische Regierung rechnet mit einer Million ausländischen Gästen, 300 000 davon aus Deutschland. Das mag arg optimistisch sein. Wer sich aber aufmacht, so ist Maria Pushkareva überzeugt, wird auf große Gastfreundschaft treffen. "Die Menschen freuen sich auf die internationalen Gäste."

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Metro-Stationen in Russland

Paläste für alle

Eigentlich müssten die Moskauer in Smoking und Abendkleid U-Bahn fahren, so opulent sind ihre Stationen aus Sowjetzeiten. David Burdeny hat sie neu fotografiert.