Reisepionierin Jeanne Baret Lieber als Mann um die Welt als gar nicht

Über die Meere zu segeln, das war im 18. Jahrhundert für eine einfache Französin nicht vorgesehen. Also wagte Jeanne Baret ein gefährliches Versteckspiel.

Von Irene Helmes

Zu einer Zeit, in der Frauen wie Männer am Hof von Versailles in gepuderten Perücken und ausladenden Roben auf und ab stolzieren, ein Wunderkind namens Wolfgang Amadeus durch Europa tourt und die Mehrheit der bettelarmen Untertanen noch gnadenlos ausgebeutet wird, wickelt sich eine junge Französin auf hoher See Tag für Tag einige Lagen Stoff fest um die Brust, zieht ihre Hosen an und geht an die Arbeit. Möglichst unauffällig allerdings. Denn eigentlich dürfte sie gar nicht an Bord des ersten französischen Schiffs sein, das die Welt umsegeln soll.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

Deshalb ist Jeanne Baret als "Jean" unterwegs und verbirgt sich in Männerkleidung. Sie ist zwischen 1766 und 1768 dabei, etwas zu dieser Zeit Unerhörtes zu tun.

Geboren im Sommer 1740 als Tochter eines Tagelöhners im französischen Dorf La Comelle, spricht zunächst alles dagegen, dass ihr Leben etwas Besonderes werden könnte. Doch dass sie als Mädchen viel über Heilkräuter lernt, wird ihre Rettung aus der Provinz, vermutet später Barets Biographin Glynis Ridley.

Denn mit etwa 20 Jahren macht Baret die Bekanntschaft ihres Lebens: Sie trifft den zwölf Jahre älteren, hochangesehenen Naturforscher Philibert Commerson. Dieser ist fanatischer Botaniker: Sogar eine Stelle als Sekretär beim legendären Dichter Voltaire hat er abgelehnt, um sich weiter der Pflanzenkunde widmen zu können. Durch ihn gelingt Baret der Sprung aus der Armut: Der junge Witwer holt sie als Haushälterin zu sich. Aus den beiden wird ein Paar - wenn auch nur heimlich, wegen der Standesunterschiede. Als Baret mit 24 schwanger wird, setzen sich beide zusammen nach Paris ab. Den Sohn geben sie nach der Geburt zu einer Pflegefamilie, in deren Obhut er wenige Monate später stirbt.

Es folgt eine einmalige Chance mit einem großen Haken: Commerson wird eingeladen, im Auftrag von König Ludwig XV. die erste französische Weltumseglung zu begleiten. Auch für die wissenshungrige Baret ein Traum, doch eigentlich unmöglich, da die Anwesenheit von Frauen auf Marineschiffen verboten ist.

Jeanne Baret auf einer Darstellung aus dem Jahr 1816.

(Foto: Wikimedia Commons)

Als Untertanin im Absolutismus weiß Baret, dass es keinen Sinn macht, offen dagegen zu rebellieren. Also löst sie das Problem auf so subversive wie riskante Art: Sie wechselt ihre Identität und heuert als "Jean Baret", Diener und Assistent Commersons, an. Während der zwei Jahre an Deck zwischen mehreren Hundert Männern versucht sie, ihr Geheimnis zu wahren, indem sie sich bedeckt hält - im wörtlichen wie übertragenen Sinne. Wer misstrauisch ist, bekommt zur Antwort, Jean schäme sich dafür, Eunuch zu sein. Nachts ist Baret auf der sicheren Seite, weil sie mit Commerson dessen winzige Kajüte teilen darf.

Die Route führt vom Hafen Rochefort über den Atlantik Richtung Brasilien, später über die Magellanstraße in den Pazifik. Was heute wie eine Traumreise klingt, ist zu Pionierzeiten eine extrem unbequeme Angelegenheit voller Unsicherheiten, Gestank und Enge. Mal in klirrender Kälte, mal in drückender Tropenhitze.

Brutales Ende eines Versteckspiels

Doch all das nimmt Baret auf sich, um inkognito unter dem Kommando des Forschers Louis-Antoine de Bougainville neue, grüne Welten zu erkunden. Sie sieht Dschungel, Bergketten und scheinbar endloses Wasser; Wale, Delfine, riesige Pinguinkolonien; die spektakulären Landschaften von Patagonien, der Antarktis und der Südsee. Die Expedition wird viele unbekannte Pflanzen zurück nach Frankreich bringen. Nicht zuletzt die exotische Bougainvillea - Biographin Ridley geht davon aus, dass Baret persönlich sie bei einem Landgang einsammelt, bevor der Expeditionsleiter sie für sich beansprucht und benennt.

Jeanne Barets Perspektive ist verloren gegangen, weder Tagebücher noch Briefe verraten der Nachwelt ihre Gedanken und Erfahrungen. Dass "Jeans" bereits brüchige Tarnung endgültig auffliegt, steht fest. Doch wie, dazu liefern erhaltene Aufzeichnungen von Mitreisenden widersprüchliche Versionen. Biographin Ridley ist im Rückblick sicher, dass mindestens Bougainville die Maskerade schon sehr früh durchschaut und nur aus eigenem Interesse keinen Skandal daraus macht. Irgendwo zwischen Tahiti und Papua-Neuguinea geht das Versteckspiel ganz zu Ende. Ihrer Biographin zufolge wohl sehr brutal mit der Vergewaltigung der enttarnten Frau durch einige ihrer Mitreisenden.

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Auf der französischen Kronkolonie Mauritius schließlich werden der seit langem kränkelnde Commerson und Baret von ihrer Crew zurückgelassen. Die nächsten Jahre verbringen sie dort unter dem Schutz des Gouverneurs Pierre Poivre. Als Commerson im Alter von nur 45 Jahren auf der Insel stirbt, bleibt Baret nicht einmal der Status als Witwe. Sie verliert alles und arbeitet schließlich in einer Kneipe, hängt fast mittellos fest im Indischen Ozean.

1774 dann heiratet sie einen französischen Soldaten auf der Durchreise. Mit ihm kehrt Baret 1775 nach Frankreich zurück und vollendet so ihre historische Weltumrundung, wenn auch anders als gedacht. Den wissenschaftlichen Ruhm der Expedition hat längst Bougainville geerntet. Baret bleibt die Anerkennung als Forscherin dagegen verwehrt, auch wenn ihr ein Fürsprecher eine Rente von der Marine verschafft.

"Sie wird die einzige ihres Geschlechts sein"

Sie lässt sich schließlich mit ihrem Mann in dessen Heimatort in der Dordogne nieder und stirbt dort mit 67. Erst sehr viel später wächst das Interesse an ihrer Reise. 2002 veröffentlicht John Dunmore die Biographie mit dem Titel "Monsieur Baret, first woman around the world". Umfassend dargestellt wird ihre Pionierarbeit auch von der Historikerin Glynis Ridley. 2012 wird ein Nachtschattengewächs nach Baret "Solanum baretiae" genannt.

Die Voraussagen von Barets einstigen Begleitern wirken inzwischen lächerlich: Bougainville etwa hatte trotz einer gewisser Bewunderung über ihre Weltumsegelung notiert: "Sie wird die einzige ihres Geschlechts sein (...) und ihr Beispiel wird kaum ansteckend wirken".

Die Zitate wurden gefunden in der englischsprachigen Biographie "The Discovery of Jeanne Baret. A story of science, the high seas, and the first woman to circumnavigate the globe" von Glynis Ridley, erschienen 2010 bei Broadway Paperbacks.