Reisepionier Heinrich Barth Quicklebendig in der Wüstenstadt

Tief im Sudan trennen sich die Expeditionsgefährten schließlich, Barth ist erleichtert. "Ich ging alleine weiter", schreibt er, "aber litt überhaupt nicht unter Einsamkeit, da ich es von Jugend an gewohnt bin, alleine unter fremden Menschen zu reisen". So hat er den Kopf frei, um sich auf seine Umgebung einzulassen. Im heutigen Nigeria angelangt, vergleicht er das urbane Leben in Kano in einer ausführlichen Notiz mit London, auch dies ohne rassistische Abwertungen.

Mittlerweile hat Barth viel über Timbuktu gehört und gelesen. Durch das heutige Niger, Burkina Faso und Mali gelangt er im September 1853 in die sagenumwobene Wüstenstadt. Vor ihm haben das nur wenige Europäer geschafft, genaue Beschreibungen hat niemand hinterlassen. Eigentlich dürfen keine Christen in der Stadt sein, doch der weltoffene Scheich protegiert den Forscher. Wenn er sich nicht gerade mit seinem Schutzherrn wegen der örtlichen Machtkämpfe in Sicherheit bringen muss, vertieft sich Barth in dem Zentrum afrikanisch-muslimischer Kultur in die Schätze von Bibliotheken und Denkmälern.

Afrika "Musik ist unser Tor zur Welt"
Musikfestival in Mali

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Er ist quicklebendig, doch in der Heimat gilt er mittlerweile als verloren. Ein anderer Deutscher in Afrika hat dem britischen Außenministerium ein Gerücht über Barths Tod gemeldet. Briefe Barths sind lange nicht mehr angekommen und in der Region um Timbuktu gibt es Kämpfe und Stammeskriege - so dass seine Familie in Deutschland schließlich eine Trauerfeier für ihn abhält. Diese Nachrichten erreichen Barth, als er Timbuktu hinter sich gelassen hat und wieder Kontakt mit der Außenwelt knüpft. So schreibt er im November 1854 aus Kano an seine Auftraggeber: "Vor den eigentlichen Bemerkungen scheint es nötig, der Regierung zu versichern, dass ich nicht nur am Leben, sondern auch recht gesund bin." In diesem Zustand kehrt er im folgenden Jahr zurück, am 27. August 1855 nach Tripolis, dann weiter nach Europa, zunächst nach London.

Wer viel erlebt, hat viel zu erzählen. Doch während andere Pioniere es genießen, ihre Erlebnisse in Anekdoten zu überspitzen, neigt Barth genau zum Gegenteil: Aus Akribie und Liebe zum Detail verheddert er sich mit heiligem Ernst im Endlosen. Nichts bleibt undokumentiert. "Er tat das teils im Dienste der Wissenschaft, teils um künftigen Reisenden zu helfen, und teils weil er nicht anders konnte", resümiert Steve Kemper in seiner 2012 erschienenen Barth-Biographie "A Labyrinth of Kingdoms - 10 000 Miles through Islamic Africa".

Für Machtpolitik nur Verachtung übrig

3500 Seiten werden Barths fünf Bände zu seinen "Reisen und Entdeckungen in Nord- und Zentralafrika in den Jahren 1849-55" schließlich umfassen. Diese Mammut-Texte überfordern nicht erst das Publikum des 140-Zeichen-Zeitalters, sondern schon geduldigere Leser des 19. Jahrhunderts: Bei der Masse hat sein Werk keine Chance. "Das Gebotene ist ohne Zweifel zu umständlich und weitläufig abgefasst", heißt es 1857 in einer Besprechung im britischen Spectator. Doch auch die "übergroße Genauigkeit in der Darstellung und die Überhäufung mit Unwesentlichem" kann die Bedeutung des Werks kaum schmälern. Tatsächlich dient es bis heute Wissenschaftlern als unschätzbar wertvolle Quelle. Vor allem auch, weil die Berichte nicht durch die Ideologie der Zeit belastet sind.

Viele Reisende aus Barths Generation lassen sich in die kolonialistischen Ambitionen ihrer Regierungen einspannen, für sie ist Wissen über Afrika vor allem strategisch wertvoll. Barth will damit nichts zu tun haben. Für Machtpolitik hat er nur Verachtung übrig, den europäischen Staaten wirft er etwa 1862 in einem Text vor, "den Abschaum ihrer Bevölkerung auf jene Küste zu werfen und einerseits jene Naturvölker mit den schlechtesten Seiten des Christentums in Berührung zu bringen, andererseits die uralte heimische Sklaverei in verderblichen Sklavenhandel umzugestalten."

Mit dieser Einstellung jedoch kommt man zu Barths Zeit nicht weit. Der Umgang mit Forschern wie David Livingstone mag noch so respektvoll sein, und Alexander von Humboldt seinen Schützling in höchsten Tönen loben ("er schloß uns einen Erdteil auf") - politisch macht sich Barth in Berlin unmöglich. Professor darf er sich nennen, viel mehr aber auch nicht, sein Lehrstuhl ist unbezahlt. Er stirbt mit Anfang 40 an Komplikationen einer alten Reiseverletzung, ohne den gesellschaftlichen Rang vergleichbarer Pioniere erreicht zu haben. Fast 100 Jahre vergehen, bevor sein Nachlass von Afrikawissenschaftlern wieder aus den Regalen gezogen und neu gewürdigt wird. Mittlerweile gilt der wissbegierige Beobachter Barth als Reisender, der seiner Zeit weit voraus war.