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Kommentar:Tollheit mit Methode

Coronavirus - Mallorca

Volleyball am Strand - in Mallorca ist dies Touristen derzeit erlaubt, an den deutschen Küsten aber nur den Einheimischen vorbehalten.

(Foto: John-Patrick Morarescu/picture alliance/dpa)

Die Posse um den Osterurlaub hat shakespearesche Qualitäten

Von Hans Gasser

Die besten Komödien, das wissen Theaterbegeisterte, tragen auch viel Tragik in sich. In England beherrscht man dieses Genre seit Shakespeare meisterhaft. Doch nun macht Deutschland den Engländern ernsthafte Konkurrenz. Nein, nicht beim schnellen Impfstück, sondern beim Drama "Das Reisen ist des Teufels".

Die einst stolz und klimawandel-unverdrossen sich als Reiseweltmeister feiernden Bundesbürger sehen sich seit bald einem Jahr - und in diesen Tagen noch drastisch verstärkt - dem tadelnden Zeigefinger der Regierenden gegenüber. Die beste Drohung dazu hat der Vizekanzler ausgesprochen: "Wer zu Ostern verreist, gefährdet unseren Sommerurlaub." Das hat beinah shakespearesche Qualität. Der schlimmste Pranger für die vom Dauer-Lockdown ausgelaugten, urlaubsreifen und -willigen Menschen ist nicht etwa, dass sie ihr eigenes oder das Leben anderer gefährden würden, nein. Es ist der Urlaub der anderen. Nachdem Herbst-, Weihnachts- und Faschingsferien ausgefallen sind, soll man noch die Osterferien ausfallen lassen, damit im Sommer dann mal so richtig derb verreist werden kann.

Denjenigen, die das noch glauben, müsste spätestens seit der letzten Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) klar sein, dass die Karotte am Seil vor dem Esel nach Belieben höher gezogen wird. Da wurde doch, huch!, festgestellt, dass viele Menschen die Unverfrorenheit besitzen, eine Reise nach Mallorca zu buchen, weil diese Insel so wenig Infektionen aufweist, dass sie von den staatlichen Stellen nicht mehr als Risikogebiet eingestuft wird und es somit weder Test- noch Quarantäne braucht. Nichtsdestotrotz war man bei der MPK kurz davor, eine solche Zwangsquarantäne auch für alle Reisenden aus Nicht-Risikogebieten einzuführen. Wir haben zwar Regeln gemacht, heißt das, aber ätsch-bätsch, wenn sie unseren Zielen zuwiderlaufen, dann ändern wir sie eben. Dass es dann nicht so kam, mag wohl daran liegen, dass jedes Gericht einen solchen Schabernack ziemlich schnell wieder aufgehoben hätte. Man will jetzt eine Testpflicht für alle Reiserückkehrer, guter Vorschlag. Er kommt nur etwas spät.

Und warum man sich jetzt im Urlaub in der Ferienwohnung in Schleswig-Holstein und im hygieneoptimierten Hotel auf Mallorca schneller infizieren soll als beim nun bevorstehenden Run auf den Osterbraten bei Lidl und Aldi, das kann auch keiner so recht erklären.

Der Tragikomödie letzter Teil ist jedenfalls, dass nun in Deutschland über Ostern nicht einmal Ferienwohnungen, Campingplätze und Biergärten aufmachen dürfen, während man in Mallorca, Valencia oder an der Algarve seinen Osterurlaub im Hotel verbringen kann. Wer da nicht in Versuchung gerät ... Shakespeare würde dazu sagen: "Ist dies schon Tollheit, so hat es doch Methode."

© SZ
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