Ötztaler Radmarathon Lass diesen Traum ein Ende finden!

238 Kilometer, 5500 Höhenmeter: Der Ötztaler Radmarathon ist die reine Quälerei im Hochgebirge - und legendär unter Hobbysportlern. Ein Selbstversuch.

Von Sebastian Herrmann

Vom Fuße des Timmelsjochs zieht eine Geisterprozession in die Höhe. Neben der Straße sitzen Menschen mit leerem Blick, manche haben sich flach auf den Boden gelegt, die Augen geschlossen, reglos. An ihnen vorbei quälen sich die anderen, die noch im Sattel sitzen und in die Pedale treten können. Nach gut 180 Kilometern und etwa 4000 Höhenmetern in den Beinen beginnt hier im Passeiertal in Südtirol der Schlussakt des Ötztaler Radmarathons. Jener Schlussakt, der diese Hochgebirgsquälerei zur Legende unter Hobbyradsportlern macht: die Auffahrt zum 2509 Meter hohen Timmelsjoch, der höchste Pass der Runde, der längste Anstieg des Tages und der letzte Nagel im ohnehin schon ziemlich platten Reifen.

In der Morgensonne am Kühtai kurbeln die Radler die ersten 1000 Höhenmeter empor.

(Foto: Ötztal Tourismus)

Alle Gespräche vor dem Ötzi, wie die meisten das Rennen nennen, drehen sich um das Timmelsjoch, darum, dass der dickste Brocken der Runde ganz am Schluss kommt. "Ausgeträumt?" steht auf einem Transparent, das die Veranstalter dort in einer Serpentine aufgehängt haben. Vielen Dank auch, ihr Zyniker! Ausgeträumt? Nein, der Traum lebt, doch er besteht nur noch aus einem Gedanken: Lass dies ein Ende finden. Immerhin, es handelt sich um einen Kollektivschmerz. Die anderen Radler in salzverkrusteten Trikots wirken auch nicht so, als befänden sie sich auf einer Genusstour. Im Gegenteil.

Willkommen beim Ötztaler Radmarathon, dem Amateur-Rennen, bei dem so viele dabei sein wollen, dass von gut 18 000 Angemeldeten nur etwa 4700 Radler einen Startplatz bekommen. Der Ötzi stellt so etwas wie den Goldstandard unter Hobbyradsportlern dar. Es ist der Höhepunkt der Radsaison oder gar der einer Rennradler-Biografie. Die Strecke beginnt und endet in Sölden im Ötztal, ist 238 Kilometer lang und überwindet 5500 Höhenmeter. Auf dem Weg liegen das Kühtai auf 2020 Metern, der Brenner auf 1377 Metern, der Jaufenpass mit 2090 Metern und am Ende das teuflische Timmelsjoch. Wer das durchsteht, zählt zu einer inoffiziellen Gemeinde der Geweihten. "Das ist der Ritterschlag für jeden Hobby-Radsportler, das durchzufahren", sagt der österreichische Ex-Profi Thomas Rohregger, der das Rennen in diesem Jahr als Experte kommentiert. Es handelt sich um einen Ritterschlag, in der Tat - um einen sehr festen, in etwa in die Magengegend.

Zum 36. Mal wurde das Ötztaler Rennen am vergangenen Sonntag ausgetragen. Radfahrer aus Österreich, Deutschland, Italien, Belgien, den Niederlanden und 29 weiteren Nationen waren am Start. Der Nimbus des Ötzis speist sich aus der fordernden Strecke und auch daraus, dass es so viel Glück braucht, um einen Startplatz zu bekommen. Den ganzen Februar über läuft die Anmeldung, dann wird gelost. Hotels im Ötztal verkaufen Trainingswochen, zu denen - Eins-a-Verkaufsargument - ein garantierter Startplatz zählt. Wer auf jeden Fall dabei sein will, der bucht direkt nach seinem Zieleinlauf: "Sichern Sie sich jetzt Ihren Startplatz für 2017", steht auf Werbetafeln, die in Sölden aufgestellt sind. Im Sommer lebt das ganze Tal von dem Rennen, etwa vier Millionen Euro Wertschöpfung und 25 000 zusätzliche Übernachtungen ergeben sich aus der Veranstaltung.

Der Bestattungsunternehmer Rudy aus Belgien, um die 50 Jahre alt, dröhnende Lache, immer einen Spruch parat und immer Durst auf ein Bier, hat bereits mehrmals das Paket mit Startplatzgarantie gebucht. Zur Trainingswoche im Juli ist Rudy, man duzt sich unter Radlern, wieder ins Hotel Bergland nach Sölden gekommen. Nur mitfahren wird er diesmal nicht. "Der Arzt hat es mir verboten", sagt er. Zu viele Bestattungen, zu wenig Training, angereist ist er dennoch. Sein Kumpel Frank Martens, Jahrgang 1966, Schreiner aus der Nähe von Antwerpen, wird fahren. Der verschmitzt-goofyhafte Schlacks fährt erst seine zweite Saison Rennrad - und steht schon seinen zweiten Ötzi durch. "Er ist ein Beißer", sagt Urban Gstrein, der im Ötztal eine Bikeschule betreibt und mit Geisterprozessions-Anwärtern wie Frank, Rudy und anderen an den Tiroler Anstiegen trainiert.

Ein Summen Tausender teurer Rennräder hebt an. Der Schwarm bricht auf

Vorglühen für die ganz großen Schmerzen im Spätsommer - auf diese Weise formuliert, klingt es fast absurd, dass sich das an Touristen verkaufen lässt. "Die meisten sind Männer über 40", sagt Urban, "die Kinder sind aus dem Gröbsten raus, im Beruf sind die Weichen gestellt, und jetzt wollen sie es sich noch mal beweisen." Auch die Zahlen decken das Klischee von den alternden Männern in Funktionswäsche: Von 4700 Teilnehmern sind nur 280 Frauen, und mehr als ein Drittel der Starter sind zwischen 40 und 49 Jahre alt. Der Älteste ist Furio Camillo Isolani, 74, aus Italien.

SZ-Karte

(Foto: )

Und die Alten sind stark. Am Timmelsjoch zieht ein grauhaariger Radler jenseits der 60 an einem Häuflein Elendsradler vorbei. "Schau dir die alten Säcke an", keucht ein Mittvierziger, "die lassen uns einfach stehen." Nein, das sollten wir anders betrachten: Wie tröstlich, welche Leistung auch in kommenden Jahren noch - theoretisch - möglich ist. Linkes Bein, rechtes Bein, irgendwann kommt man oben an, die einen schneller, die anderen langsamer, die einen jünger, die anderen älter. Alle leiden, fast alle rollen irgendwie weiter.