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Klippenspringen in Acapulco:Männer am Rande des Abgrunds

"Das erste Mal vergisst du nie": Das Klippenspringen in Acapulco ist seit 75 Jahren ein touristisches Spektakel - und auch der Tod sieht zu.

Tom Noga

Das erste Mal? "Das vergisst du nie, wie die erste Freundin." Eligio Álvarez lächelt. Er trägt braune Shorts, Badelatschen und ein weißes T-Shirt mit dem Aufdruck "Clavadistas Profesionales de La Quebrada de Acapulco" - professionelle Klippenspringer von La Quebrada in Acapulco. Seine Freunde nennen ihn Cuadrito.

Das passt zu seiner Figur: Er ist muskulös und fast so breit wie hoch. Und doch leitet sich der Spitzname von seinem Vater ab, den sie El Cuadro genannt haben.

Da oben, Cuadrito deutet auf ein Felsplateau, von dort ist er gesprungen. Eine blaue Gebetssäule steht darauf, zu Ehren der Jungfrau von Guadelupe, einer Marienerscheinung aus dem 16. Jahrhundert, die in Mexiko als Nationalheilige verehrt wird. Der Felsen fällt senkrecht ab, 35 Meter tief in die Quebrada, eine enge Schlucht.

Unten ist sie nur vier Meter breit. Eine in die Klippen gehauene Treppe führt in weiten Bögen hinunter auf eine Aussichtplattform direkt gegenüber dem Felsen. Cuadrito war vierzehn, als er zum ersten Mal von ganz oben sprang: "Anderthalb, zwei Sekunden ist man in der Luft - das kam mir vor wie eine Ewigkeit. Ich spannte meinen Körper an, tauchte ins Wasser ein. Und als ich wieder hochkam, war ich beschwingt, als hätte ich einen Gipfel erklommen."

Cuadrito sitzt oben auf der Treppe neben einem weißen Kassenhäuschen. Ein Schild informiert über die nächsten Shows der "Todesspringer" - so jedenfalls werden sie in der Reiseliteratur verklärt. Täglich um halb eins mittags sowie abends zwischen halb acht und halb elf jeweils zur halben Stunde stürzen sie sich hinab. Sprünge nach Stundenplan, das sieht geschäftsmäßig aus.

Aber Cuadrito ist nervös. Er wechselt von einem Bein aufs andere.

Der erste Sprung nach dem Unfall

Seit einem Unfall vor acht Monaten ist er nicht mehr gesprungen. Was genau passiert ist, weiß er nicht, nur, dass er mit der Brust auf dem Wasser aufschlug und einen Herzstillstand erlitt. Seine Kollegen haben ihn ohnmächtig aus dem Wasser gezogen. Danach lag er acht Tage auf der Intensivstation, drei davon ohne Bewusstsein.

Mexiko Acapulco Klippenspringer, AFP

Wie ein Raubvogel schwebt dieser Springer kurzzeitig über der Quebrada.

(Foto: Foto: AFP)

Am Kassenhäuschen der Clavadistas wird es rummelig. Fliegende Händler bieten T-Shirts, Sombreros, Badetücher und allerlei Souvenirs an. An den Ständen gibt es Getränke und Eis und für den kleinen Hunger zwischendurch perros calientes - Hot Dogs.

Reiseführer in weißen Hosen und knallbunten, sogenannten Acapulco-Hemden karren im Minutentakt Touristen von den Kreuzfahrtschiffen heran, die unten im Hafen vor Anker liegen. 35 Pesos kostet der Eintritt pro Person, rund drei Euro.

Cuadrito stammt aus dem Barrio de la Adovería, einem ehemaligen Fischerviertel, drei Straßenblöcke von der Quebrada entfernt. Fischer waren es der Legende zufolge auch, die den Klippensprung erfanden. Wenn sich ihre Netze im Riff verfingen, sprangen sie in die Schlucht, um sie zu lösen. Später wurde eine Mutprobe für junge Männer daraus.

Die ersten Sprünge von der Spitze des Felsens datieren aus dem Jahr 1934. Die Clavadistas feiern dieses Jahr also ihr 75. Jubiläum. Heute sind sie so etwas wie das touristische Aushängeschild Acapulcos. Das macht Cuadrito stolz. Ebenso stolz ist er auf seine Familientradition.

Sein Vater war auch Klippenspringer. "Er hat die Saat gelegt", wie Cuadrito sagt, "und diese Saat trägt heute Früchte." Außer ihm sind sein Bruder, dessen Tochter und insgesamt acht Neffen bei den Clavadistas aktiv.

Damit stellt die Familie Álvarez die größte Fraktion unter den insgesamt 70 Mitgliedern der Vereinigung der Klippenspringer. Mitglied wird man auf Lebenszeit. Wer nicht mehr aktiv ist, schiebt Dienst an der Kasse, im Büro der Organisation oder verkauft Fotos an Touristen. "Länger als bis Ende 30, Anfang 40 springt kaum einer", sagt Cuadrito. Es gibt Ausnahmen.

Berufsrisiko: Geplatztes Trommelfell

Mexiko Acapulco Klippenspringer, AFP

Mit bis zu 90 Stundenkilometern treffen die Springer auf die Wasseroberfläche.

(Foto: Foto: AFP)

Ricardo ist 44, trägt einen Clark-Gable-Bart und strahlt aus dunklen, fast schwarzen Augen. Dabei hat er Gründe genug, nicht so gut gelaunt zu sein. Seine Frau ist zu Hause ausgezogen, sie hat Ricardos Leidenschaft fürs Springen nie geteilt. Und dann hat er einen Monat pausieren müssen: geplatztes Trommelfell, die Standardverletzung der Klippenspringer.

Heute ist er zum ersten Mal wieder dabei und er ist ähnlich nervös wie Cuadrito. Mit dem Glatzkopf Kevin und Nando, einem Schlacks mit geölten Haaren und narbigem Gesicht, bilden sie das Team für die ersten beiden Shows des Abends. Nando war schon heute Mittag dabei und bei zwei außerplanmäßigen Shows am Nachmittag. Damit kommen die Klippenspringer heute auf insgesamt sieben Veranstaltungen. "Das ist unterer Durchschnitt", sagt Ricardo.

Cuadrito, Kevin und Nando bahnen sich ihren Weg durch die rund 150 Zuschauer hinunter zur Aussichtsplattform. Scheinwerfer tauchen die Schlucht in gleißendes Licht. Links auf dem offenen Meer dümpeln zwei Yachten, rechts auf der Landseite thront das El Mirador, früher ein Luxushotel mit einem der mondänsten Nachtclubs der Welt, dem La Perla.

Teddy Stauffer, ein Schweizer Swing-Musiker und Playboy, hat es gegründet und jahrelang gemanagt. In den 1950er und 1960er Jahren war das La Perla der Treffpunkt der Stars schlechthin, von Errol Flynn über Rita Hayworth bis zu Horst Buchholz. Stauffer war es auch, der die Clavadistas Anfang der 1950er Jahre als Attraktion für seinen Nachtclub verpflichtete.

Das La Perla erstreckt sich über vier Terrassen, die meisten Tische an der Balustrade sind belegt. Wie die Logen in einem Opernhaus, die Tische schwach erleuchtet, die Gäste nur schemenhaft zu erkennen - so wirkt es aus der Schlucht. Der Felsen, von dem sich die Klippenspringer stürzen, sieht von hier unten noch furchteinflößender aus: Wie hoch doch 35 Meter sind!

Und er ist nicht senkrecht, sondern hat tückische Vorsprünge. Die Springer müssen sich kräftig abstoßen, um sich nicht daran zu verletzen.

Salto mortale und El Avion

(Foto: Karte: SZ)

"Permiso!" Cuadrito bittet ein paar Zuschauer zur Seite, klettert über die Brüstung der Aussichtsplattform und hechtet kopfüber ins Wasser. Nando und Kevin folgen. Sie schwimmen durch die Bucht und erklimmen die Felswand bis zu einem Sockel, vielleicht zehn Meter unter der Gebetsäule. Dort oben steht plötzlich Ricardo.

Es gibt also noch einen anderen Weg hinauf auf den Felsen. Kevin hebt den Arm. Alle Blicke richten sich auf ihn. Er breitet die Arme aus, wippt kurz in den Zehen und springt ab, aus gut 25 Metern Höhe. El avión nennen sie diesen Sprung, das Flugzeug. Kurz bevor er ins Wasser eintaucht, ballt Kevin die Fäuste. Auch Cuadrito springt den el avión, Nando dagegen den Salto mortale, einen Sprung mit doppelter Drehung.

Und nun Ricardo als Höhepunkt der Show.

Noch einmal Dehnen und Strecken. Er küsst die Marienfigur, bekreuzigt sich und nimmt an der Felskante Aufstellung. Ein, zwei Minuten steht er bewegungslos über dem Abgrund. Ricardo breitet die Arme aus und stößt sich ab. Für den Bruchteil einer Sekunde schwebt er waagerecht in der Luft, wie ein Raubvogel über der Quebrada. Dann schießt er im Steilflug hinab und taucht ins Wasser ein. Die Zuschauer schaudert es wohlig.

Ein gewisser Nervenkitzel bleibt, auch wenn jeder weiß, dass wahrscheinlich alles glattläuft. Und so ist es: Ricardos Kopf taucht in den Wellen auf. Oben an der Kasse steht Kevin mit einem Plastikbeutel in der Hand. Auch Ricardo greift sich einen. "Ich hoffe, die Show hat Ihnen gefallen", ruft er, "wir würden uns über ein Trinkgeld freuen." Kevin setzt auf Englisch noch eins drauf: "Die Klippenspringer haben überlebt und bitten um Trinkgeld."

Blickkontakt bringt Geld

Die beiden stehen mitten auf der Treppe. Eine gute Position, niemand kommt ohne Blickkontakt an ihnen vorbei. Und kaum jemand verweigert sich der Aufforderung. Nando und Cuadrito bitten derweil die Gäste aus dem La Perla um Trinkgeld. Im Nachtclub werden 35 Pesos Eintritt verlangt, auch dieses Geld geht an die Organisation der Klippenspringer. Außerdem ist sie mit fünfzehn Prozent am Umsatz des Nachtclubs beteiligt.

Pause zwischen zwei Shows. Cuadrito setzt sich auf eine Rattancouch in der Lobby. Die Polster sind zerschlissen, die Bar ist geschlossen. Das Hotel hat bessere Tage gesehen, wie ganz Acapulco.

Seit Jahren sind die Besucherzahlen rückläufig, bis auf zwei Flüge von Dallas und Los Angeles sind alle internationalen Direktverbindungen gestrichen. Die Stars kommen längst nicht mehr, dafür lebt Acapulco von Kreuzfahrern und Wochenendbesuchern aus der gut dreieinhalb Autostunden entfernten Hauptstadt Mexiko-Stadt.

"Früher hatte das La Perla Hotel 400, 500, manchmal sogar 600 Gäste pro Abend, heute sind es 200, wenn's hoch kommt, 300", erzählt Cuadrito. Und damit gehen auch die Einnahmen der Klippenspringer zurück. Alle Mitglieder der Vereinigung beziehen ein monatliches Fixum, Funktionäre wie Cuadrito, der für die Organisation der Shows und die Einteilung der Springer verantwortlich ist, erhalten ein zusätzliches Gehalt.

Hinzu kommen die Trinkgelder: Sie werden unter den Springern jeder Show aufgeteilt. "Das reicht, um über die Runden zu kommen", sagt Cuadrito.

"Der Adrenalinstoß ist gigantisch"

Einen, maximal zwei Sprünge absolviert er pro Tag. Früher ist er bis zu sechs Mal gesprungen, wie Nando heute, aber der ist ja auch zehn Jahre jünger. Cuadrito hat Löcher in den Trommelfellen beider Ohren, er hat sich das Schlüsselbein gebrochen, die Schulter, beide Handgelenke und drei Finger, als er die Faust beim Eintritt ins Wasser einmal auch nur leicht geöffnet hatte. Von Schürfwunden, Prellungen oder Quetschungen nicht zu reden, auch nicht von den Beulen, wenn man nicht genug Spannung in den Körper bringt und es einem die Arme gegen den Kopf schlägt.

Andere leiden unter Spätfolgen.

Raúl García etwa, der vor ein paar Jahren verstorbene Veteran, ist noch mit über 70 Jahren gesprungen, selbst als er schon unheilbar krank war. "Parkinson, vielleicht gibt es da einen Zusammenhang", mutmaßt Cuadrito.

Die zweite Show, diesmal mit Cuadrito als Hauptspringer: Er geht durch die Außenanlagen des Hotels. Es besteht aus rund hundert Bungalows, die wie Waben in den Klippen kleben. Hinter einer Bungalowreihe führt eine von Gummibäumen überwucherte Steintreppe in die Klippen. Cuadrito öffnet ein verrostetes Tor und steigt über ein paar Felsbrocken hinunter zur Gebetsäule zu Ehren der Jungfrau von Guadelupe. Deren Rahmen ist gespickt mit Glühbirnen.

Die Kulisse ist gigantisch, vom La Perla über die Menschenmenge auf den Aussichtplattformen bis hinüber zur Straße, die sich auf der anderen Seite der Bucht einen Hügel hinauf erstreckt. An der Leitplanke stehen Schaulustige, sie sehen sich das Spektakel von weitem und vor allem gratis an.

Ein Blick von der Absprungstelle hinunter in die Quebrada. Unten schlagen die Wellen wütend an die Felsen. Ein dunkler Abgrund. Kaum vorstellbar, dass Menschen hier freiwillig hinabspringen. Viereinhalb Meter ist das Wasser dort unten tief. Das ist nicht viel, schließlich kommen die Klippenspringer mit bis zu 90 Kilometern pro Stunde angerauscht.

"Du musst den Sprung mit den Wellen synchronisieren", erläutert Cuadrito, "und sofort nach dem Eintritt ins Wasser eine Wende machen, um dem Riff auszuweichen."

Diesmal ist Ricardo als Erster dran. Vom Sockel aus 25 Metern Höhe. Nando und Kevin springen synchron, die holandesa, den anderthalbfachen Rückwärtssalto. Alle Augen richten sich nun auf Cuadrito. Er kniet vor der Marienfigur nieder, verharrt eine Minute im Gebet, bekreuzigt sich, küsst sie. Man merkt, wie schwer ihm der Moment fällt. Cuadrito geht zur Kante, strafft den Körper, breitet die Arme aus und springt.

Eine halbe Stunde später sitzt er wieder neben der Kasse. Die Zukunft? Er ist pessimistisch.

Überall auf der Welt kriselt es, auch in Mexiko. Aber sich deshalb einen anderen Job suchen? Für Cuadrito kommt das nicht in Frage: "Ohne diesen Cocktail aus Angst und Anspannung vor dem Sprung kann ich nicht leben. Und der Adrenalinausstoß, wenn du abhebst, ist einfach gigantisch."

Informationen

Anreise: Hin- und Rückflüge nach Mexico-Stadt mit Air France, Lufthansa oder Mexicana kosten zwischen 450 und 700 Euro.

Klippensprung: Die Shows der Klippenspringer finden täglich um 12.30, 19.30, 20.30, 21.30 und 22.30 Uhr statt, an Wochenenden auch außer der Reihe. Der Eintritt kostet 35 Pesos. Den besten Blick hat man von der unteren Aussichtsterrasse. www.clavadistasdelaquebrada.com

Weitere Auskünfte: Mexikanisches Fremdenverkehrsamt, Tel.: 0080011112266

© SZ vom 23.07.2009

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