bedeckt München
vgwortpixel

Historische Städtereise in Istanbul:Mehr als nur eine App für Istanbul: ein Archiv an Geschichten

Die App ist ein digitales Geschichtenarchiv, in Englisch und Türkisch, aufbereitet für das Schlendern durch die Stadt, mit Fotos und Zeitzeugeninterviews.

Recherchiert und aufbereitet hat diesen kulturellen Schatz die Hrant-Dink-Stiftung. Sie ist nach dem im Januar 2007 in Istanbul ermordeten armenisch-türkischen Journalisten Dink benannt. Dink wurde das Opfer von nationalistischem Furor, die Stiftung hat sich dem Brückenbau zwischen den Kulturen verschrieben. Sie erforscht, kartiert und registriert.

Es gibt auch eine Webseite, auf der man sich fast vergessene Kulturstätten in Anatolien ansehen kann (turkiyekulturvarliklari.hrantdink.org). Und es sind weitere Stadtführer geplant, dafür fehlte bislang allerdings das Geld. Kardes haben die Gulbenkian-Stiftung und die norwegische Botschaft in der Türkei mitfinanziert.

Wer in Pera mitten in der Stadt beginnt, wird ins Ara Kafe geführt, über dem der berühmteste Foto-Chronist Istanbuls lebte und arbeitete: Ara Güler. Er ist 2018 mit 90 Jahren gestorben.

Ara Güler, der Chronist Istanbuls, war auch Armenier.

(Foto: Ozan Kose/AFP)

Seine Aufnahmen der Fischer auf der Galatabrücke, von Lastenträgern, Musikern und Matrosen, haben das Istanbul-Bild von Generationen in und außerhalb der Türkei geprägt. Eigentlich hieß er Güleryan, und der Namen sagt es, er war Armenier. Viele Armenier mussten ihre Namen ändern, sie sollten türkisch klingen.

Von Hrant Dink stammt die aus Erfahrung gewonnene Mahnung: Zwei Türken sollten sich nie über ihre Herkunft streiten, denn sie könnten, auch wenn sie es nicht ahnen, verwandt sein. Eine "Welt frei von Rassismus" und eine "freiere Türkei", das wünschte sich Dink.

Eine Muslima auf der Bühne? Skandal!

In Kadıköy, auf der asiatischen Seite der Stadt, führt die App auch zu einer historischen Polizeistation, in der die Schauspielerin Afife Jale vor 100 Jahren festsaß, nachdem sie sich als Muslima auf eine Bühne gewagt hatte. Das war damals noch ein Skandal.

Übrigens war Jale für eine armenische Schauspielerin eingesprungen, die das Land verlassen hatte. 2014 wurde das längst verlassene Polizeigebäude von jungen Leuten besetzt. Sie wollten es zum "Museum in Erinnerung an Polizeigewalt" machen. Und wie zu erwarten war: Die Polizei kam und räumte. Auch das erfährt man auf dem Kadıköy-Spaziergang.

Heilige Orte in Istanbul sind irgendwie doch allen Religionen heilig

Mit dem Schiff geht es dann vom Anleger in Kadıköy auf die große Prinzeninsel, türkisch: Büyükada. Dorthin schickte man in byzantinischer Zeit Prinzen und Prinzessinnen zur Verbannung.

Die Insel ist autofrei, bis vor Kurzem gab es Pferdekutschen. Tierschützer protestierten, weil viele Pferde schlecht gepflegt wirkten und sichtlich litten. Dann wurden vor ein paar Wochen viele Pferde krank, es gab eine Quarantäne. Jetzt hat die Stadtverwaltung den Kutschern die Lizenzen und die Pferde abgekauft.

April 23 2014 Buyukada Istanbul Turkey Young Muslim woman lighting a candle near the monaster

Auf der großen Prinzeninsel zünden muslimische Türkinnen Kerzen vor dem griechisch-orthodoxen Kloster an.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Künftig soll es Elektrokutschen geben. Bis dahin heißt es zu Fuß gehen, ist ja ohnehin viel schöner - vorbei an den prächtigen, weißen Villen aus Holz und den üppigen Gärten. Die große Tour führt hinauf bis zum Kloster des Heiligen Georg (Türkisch: Aya Yorgi). Dort zünden auch muslimische Türkinnen schlanke Wachskerzen an. Das soll bei Kinderwunsch helfen, so sagen sie hier.

Heilige Orte in Istanbul sind irgendwie doch allen Religionen heilig oder zumindest ist ihre Zerstörung heute ein Tabu.

Die Meerjungfrau vom Bosporus

Mit Kardes kann man sich erzählen lassen, wie die Griechen früher auf Büyükada im Fastenmonat Ramadan Rücksicht auf ihre muslimischen Nachbarn nahmen und ebenfalls erst nach Sonnenuntergang aßen. Christen wiederum bekamen Glückwünsche zu ihren Hochfesten.

Im Norden Istanbuls, am Bosporus, im Fischerort Sarıyer, da lebte die "Meerjungfrau". Eigentlich hieß sie Eftalya Georgiadou und war eine Griechin, geboren 1881 in Istanbul. Sie hatte eine besonders schöne Stimme, und ihr Vater spielte das Saiteninstrument Saz. Der Vater spielte auch, wenn er auf einem Boot auf dem Bosporus fuhr, und Eftalya sang dazu, andere Boote folgten den beiden. Die Sängerin erinnerte sich: "Nachts haben sie meiner Stimme gelauscht, ohne zu wissen, wer ich war. So nannten sie mich Meerjungfrau."

Die Geschichte von Şahin, dem Wirt, fehlt noch in der Geschichtensammlung. Aber die soll ja auch noch erweitert werden, dann werden sicher auch noch einige der noch fehlenden Übersetzungen nachgeliefert.

© SZ vom 23.01.2020/kaeb
Reiseregion Tempel des Transports

Neuer Airport Istanbul

Tempel des Transports

Ein religiöses Bauwerk aus dem 16. Jahrhundert ist das architektonische Vorbild für den neuen Flughafen Istanbuls. Er könnte bald zum größten der Welt werden. Aber steht er auch für Weltoffenheit?   Von Christiane Schlötzer

Zur SZ-Startseite