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Historische Städtereise in Istanbul:Eine App, die aufdeckt

Istanbul Türkei Städtereise Die Ortakoy Moschee mit der Bosporus-Brücke

Eine Stadt, viele Religionen: Die Ortaköy-Moschee mit der Bosporus-Brücke.

(Foto: Michael Abid/mauritius images)

Armenier, Griechen und Juden: Gebäude in Istanbul erinnern daran, wie vielfältig die Stadt einst war. Die App "Kardes" führt dorthin - und erklärt, wer die Meerjungfrau vom Bosporus war.

Ein Lokal in einer schmalen Seitengasse der Istanbuler Fußgängerzone, der Istiklal. Die Tische stehen eng, an einer Wand hängt eine weiße Kochschürze, unter Glas, in einem großen Bilderrahmen. Sie gehörte dem Besitzer des Restaurants: İsmail Şahin, 2019 ist er gestorben. Bei der Beerdigung waren Reiche und Arme, Schuhputzer, Messerschleifer und Bettler, die hat er oft durchgefüttert. Aber auch Geschäftsleute mit viel Geld in den Taschen vergossen Tränen im langen Trauerzug.

Das Kochen soll der Mann, das Lokal gibt es seit 1967, bei einem Istanbuler Griechen gelernt haben. Mittags ist es immer voll, der Sohn hat übernommen. Die Hamsi, die Sardellen aus dem Schwarzen Meer, gedämpft mit Zwiebeln und Tomaten zu einem Paket verschnürt, sind eine Spezialität.

Istanbul Wie Orhan Pamuk Istanbul sieht
SZ-Magazin
Fotografie

Wie Orhan Pamuk Istanbul sieht

Mehr als 8 000 Mal hat der Literaturnobelpreisträger den Ausblick aus seiner Wohnung fotografiert. Die Bilder erzählen viel über seine Heimatstadt, über die Türkei - und über Pamuk selbst.

Wer Istanbul kennenlernt, kann sich zuerst in das Essen verlieben und in die Art, wie man isst. Gemeinsam, im Gespräch, genießerisch. Und dazu als Beigabe gibt es die Geschichten, die man sich erzählt, wie die von Şahin, dem freigiebigen Koch.

Offiziell beruft sich die Stadt Istanbul heute gern wieder auf ihr reiches kulturelles Erbe

Diese Geschichten sind wie das, was auf den Tisch kommt, ein Produkt der Vielfalt der Kulturen. Und diese Vielgestaltigkeit wäre undenkbar ohne die Vergangenheit der Stadt, in der so viele Bevölkerungsgruppen - darunter die Minderheiten der Armenier, Griechen und spanischen Juden - zu einem einzigartigen Kulturmix beitrugen. Das Osmanische Reich war multiethnisch.

In den Jahren seines Zerfalls und während der vielen Kriege, die daraus folgten, wurden Millionen Menschen entwurzelt. Vom Balkan flohen Muslime nach Istanbul, und an der kleinasiatischen Küste mussten die Griechen die ihnen vertrauten Städte und Dörfer verlassen, im Osten erlebten die Armenier Tod und Vertreibung.

Die Hagia Sophia war einst Kirche, dann Moschee. Heute ist sie ein Museum.

(Foto: Matthew Dixon/mauritius images/Westend61)

In Istanbul ging es den Minderheiten lange noch besser als im Rest des Reiches, aber mit Gründung der Türkischen Republik 1923 zog vor fast einem Jahrhundert auch ein neuer Nationalismus ein. Dazu kamen politische Spannungen mit den Nachbarn und andere Krisen, und das bekamen die Minderheiten dann immer besonders zu spüren. Heute leben nur noch ein paar Zehntausend Christen und Juden in der Stadt, die sich offiziell wieder so gern auf ihr reiches kulturelles Erbe berufen.

Zeugen der Vergangenheit, von Schutt bedeckt

Das aber lebt vor allem von der Erinnerung und zeigt sich in Gebräuchen und Gebäuden. In Kirchen, Friedhöfen, Schulen und Stadthäusern, manche so groß wie Paläste, denen man häufig ansieht, dass sie bessere Tage erlebt haben.

Man kann an vielen dieser stummen Zeugen in Istanbul achtlos vorübergehen, weil sie irgendwo in einem Hinterhof versteckt sind, von Schutt bedeckt oder von Unkraut überwuchert. Andere sind unübersehbar, wie die Kirchtürme oder die großen Friedhöfe so vieler Religionen und Nationen, mit ihren hohen Mauern, mitten im Stadtgebiet.

Beim Entdecken des Unerwarteten hilft jetzt die kostenlose App Kardes. Kardeş ist das türkische Wort für Bruder. Zwölf "Memory Tours" zu fast 900 Orten, jede etwa zwei Stunden lang, kann man damit in Istanbul unternehmen: vom einst hochherrschaftlichen Pera im Zentrum bis ins heute noch dörfliche Stadtviertel Sarıyer im Norden oder auf die große Prinzeninsel im Süden.