Neue ICE-Züge:In der neuen Holzklasse

Neue ICE-Züge: Neues Design im ICE: mehr Wolle, mehr Holzdekor. In der ersten Klasse wird die Leitfarbe Grau sein. Gerade noch mal gut gegangen.

Neues Design im ICE: mehr Wolle, mehr Holzdekor. In der ersten Klasse wird die Leitfarbe Grau sein. Gerade noch mal gut gegangen.

(Foto: Carsten Koall/dpa)

Die Bahn präsentiert ihre neuen ICE-Waggons - in schlichtem Blau, Grau und Braun. Gut so!

Glosse von Joachim Becker

Die Bahn macht jetzt auf Scan-Design. In der neuen Holzklasse wurden die Bretterbänke in hauchdünnes Furnier gehobelt und an die Trennwände und Sitze gepappt. Inklusive "Bezügen mit 85 Prozent Wollanteil in nuancierten Farben" ist das helle, teils abgerundete Holzdekor nicht unbedingt innovativ. In der ersten Klasse erfüllt es immerhin die Grundanforderungen an eine moderne (skandinavische) Business-Lounge. Es hätte auch schlimmer kommen können, viel schlimmer.

Dass die Bahn immer ein bisschen hinterherfährt, kann ja auch von Vorteil sein - zumindest in popkulturellen Fragen. Der letzte Schrei bei Freizeit- und Reise-Trends heißt "immersive experiences": das Eintauchen in Welten, die man aus Serien und Filmen kennt. Damit würden womöglich Horden von schreienden und Pommes mampfenden Kindern in der Kluft von "Piraten der Karibik" durch das "rollende Wohnzimmer" toben, das die Bahn ihren Passagieren verspricht.

Die Geister im Kino- und Comic-Stil sind längst unter uns. Um das zu erkennen, braucht man weder virtuelle Welten noch digitale Sehhilfen. Es genügt ein Paar gewöhnlicher Augen am Dampfersteg in Piombino. Da steht man vor so einer schwimmenden Stahlwand und fragt sich, welcher Graffiti-Künstler die haushohe Fläche quasi über Nacht besprüht hat. Bis man einige Meter zurücktritt und in den psychedelisch-wilden Farbkringeln erste Muster erkennt.

Moderne Märchen-Interieurs: der Disney-Konzern ist darin Meister

Schreck lass nach: Unter dem maskierten Blick von Batman im Format einer Kino-Leinwand rollt der Wagen in das offene Maul der Elba-Fähre. Damit nicht genug: Die Wände des Personendecks, ja selbst Tische und Stühle tragen dieselbe Comic-Emblematik; die Spinnenarme der Zeichentrick-Figuren reichen bis in die Flipper-Automaten und Videospiele im offenen Lounge-Bereich.

Solche modernen Märchen-Interieurs lassen sich durchaus noch steigern. Der Disney-Konzern liebt es, die Augen seiner Gäste im Zuckerbäcker-Jugendstil zu verkleistern. In den Freizeitparks und an Bord der markeneigenen Kreuzfahrtschiffe gibt es gleich die passenden Raumfahrer-, Piraten- oder Micky-Maus-Kostüme zu kaufen. Damit können die Besucher noch tiefer in die jeweilige Kinderzimmer-Inszenierung abtauchen. Die Bahn bietet jetzt immerhin eine Steckdose pro Sitzplatz - inklusive Tablet-Halter fürs Videoglotzen oder Gaming bei 300 km/h.

Ob zu Land, zu Wasser oder in der Luft: Was bei öffentlichen Transport-Containern auch nach der Umgestaltung gleich bleibt, ist die Belegungsdichte. Auch wenn die Bahn ihre neu entwickelten Sitze als "persönlichen Rückzugsort" anpreist: Effizient und klimaschonend ist die Massenhaltung auf Flügeln oder Rädern nur in der Verdichtung. Die Kunst besteht darin, möglichst viele Menschen auf engstem Raum ruhigzustellen. Dank der neuen strahlendurchlässigen Zugverglasung soll die Hypnose per Video-Streaming jetzt noch besser funktionieren.

Wer sich nicht solcherart sedieren lässt, dem bleibt das klassische Büchsenbier. Fragt sich nur, ob die neuen wollhaltigen Bezüge unempfindlicher gegen Flecken sind als ihre Vorgänger.

Neue ICE-Züge: Der Autor fährt lieber Boot als Bahn, was im Alltag auch nicht immer praktisch ist.

Der Autor fährt lieber Boot als Bahn, was im Alltag auch nicht immer praktisch ist.

(Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))
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