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Gemeinsam in den Klettersteig:Kind am Abgrund

Kind beim Klettern im Klettersteig

Ein für Eltern mulmiger Anblick - doch "Klettern ist ein Grundbedürfnis von Kindern, sie steigen einfach auf alles drauf", sagt der Klettertherapeut Wolfgang Satzger

(Foto: Andreas P - Fotolia)

Selbst bergerfahrenen Eltern wird mulmig, wenn ihr Nachwuchs am Abhang entlangbalanciert. Schließlich heißt ein Teilstück des Klettersteigs nicht umsonst recht unverblümt "Schluchtenscheißer".

Klick - ssssst, klick - ssssst! Zwei Karabiner rasten ins Drahtseil ein, rutschen bis zur nächsten Halterung. Das Schnaufen zweier Erwachsenen ist zu hören, dazwischen das Summen eines Kindes, in meditativer Endlosschleife. Das selbstvergessene Vor-sich-hin-Singen, eine Angewohnheit aus frühen Kindertagen, ist ein Hinweis darauf, dass unser Sohn vollkommen absorbiert ist von dem, was er tut. In seinem Kopf ist gerade kein Platz für "Wann sind wir da?" oder "Kann ich später Minecraft spielen?"

Konzentriert öffnet der Elfjährige den ersten Karabiner und hakt ihn in den folgenden Seilabschnitt, dann den zweiten. Der linke Fuß sucht Halt in einer Ritze, die Hand tastet nach einem Vorsprung. Den Blick auf die nächste Steighilfe gerichtet, zieht er sich nach oben auf ein schmales Plateau, das eine Verschnaufpause erlaubt. Der Blick schweift zu den umliegenden Gipfeln des Kaisergebirges - Eltern und Sohn sind ausnahmsweise einer Meinung: Die Sache mit dem Klettersteig war eine geniale Idee.

Mit Vernunft braucht man Kindern nicht zu kommen

Am Fuß der Felswand liegt die Ottenalm, der Ausgangspunkt der Klettertour. Es gibt dort Schaukeln, eine Rutsche und ein Trampolin, viele Familien kommen mit Kindern hierher. Die Kleinsten werden mit Babytragen hochgebracht. Die Größeren womöglich mit der Aussicht auf den Spielplatz oder ein Spezi - ein großes, versprochen! Doch immer mehr Berg-Fans haben erkannt, dass dort, wo die einen ihr Ziel bereits erreicht haben, der Spaß erst beginnt. Und manche haben nicht nur Klettergurte und Helm, sondern auch ihren Nachwuchs dabei.

Wer einmal versucht hat, mit Kindern auf dem Spielplatz mitzuhalten, weiß: Wie gern Kinder wandern, ist weniger eine Frage der Kondition. Sondern eine der Motivation. Wer seinen Nachwuchs zur Bewegung bewegen will, braucht also kein Trainingsprogramm, sondern Fantasie. Mit Vernunft - "die gute Luft!" - braucht man Kindern nicht zu kommen; mit einem Freund als Begleitung und der Aussicht auf eine süße Belohnung in der Hütte lassen sie sich schon leichter überzeugen.

Auf lange Sicht sind Forstwege und endlose Serpentinen jedoch nur selten eine geeignete Unterlage für die Abenteuer, die sich in den Köpfen der Kinder abspielen. Gerade Jungs sind ständig in Bewegung, suchen abseits der Wege nach einem Baum oder Fels, auf dem sie herumkraxeln können. "Klettern ist ein Grundbedürfnis von Kindern, sie steigen einfach auf alles drauf", sagt der Klettertherapeut Wolfgang Satzger. "Leider werden Kinder bei ihren Kletterversuchen viel zu oft von ängstlichen Erwachsenen gebremst."