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Fotografien aus Los Angeles:Süße Erinnerungen

Ashok Sinha hat in Los Angeles Delis und Diner, Autohäuser und Motels aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren fotografiert. Sie sind immer noch sehenswert - nur die Autos sind nicht mehr so schön.

Von Stefan Fischer

Das englische Adjektiv "fond" kann manches bedeuten: liebevoll, kühn, versessen, auch töricht. Wenn der Architekt Jack Esterson von "fond memories" schreibt in seinem Vorwort zu Ashok Sinhas Band "Gas and Glamour", dann schwingen alle diese Nuancen mit: Die Erinnerung an die Fünfziger- und Sechzigerjahre sei die, so Esterson, an eine Zeit der Unschuld, die so nie existiert habe.

Er bremst damit die - auch eigene - Neigung zur Verklärung ein. Denn die Erinnerung ist süß, an das Jahr 1964, als ihn der Vater mitgenommen hat in seinem neuen Wagen, einem Aufsehen erregenden, metallic-türkisfarbenen Ford Mustang. Der amerikanische Traum ist auch damals nicht für jeden wahr geworden, aber er hat prosperiert, wie die Kuratorin Sherri Littlefield in ihrem Begleittext schreibt. Das Vertrauen in die Zukunft war groß, größer als heute jedenfalls.

Niedergeschlagen hat sich diese Zuversicht auch in der Architektur entlang den Hauptverkehrsachsen in Los Angeles. Esterson klassifiziert die in dieser Phase errichteten Bauten als "verführt durch den Optimismus des Raumfahrt-Zeitalters". Sie beherbergten Delis und Diners, Waschstraßen und Tankstellen, die Schauräume von Möbel- und Autohäusern, Motels und Bowling-Center. Es war die perfekte Architektur für diese "capital of car culture", die Autostadt schlechthin.

Es gibt diese Architektur zum Teil nach wie vor, ihr widmet der Fotograf Ashok Sinha seinen Band. Einige der Bauwerke stehen inzwischen leer, andere wurden umgewidmet. Der Ausbau der Freeways hat viel von der alten Infrastruktur zerstört. Sinha dokumentiert jedoch keinen Niedergang. Denn anderes wiederum ist gut erhalten geblieben, wurde restauriert oder wiederaufgebaut, steht inzwischen unter Denkmalschutz. Es sind kühne Konstruktionen, vor allem die Dächer - eine sehr luftige, offene Architektur ist das, die einlädt zu kommen und zu konsumieren.

Ihren Charakter als Gesamtkunstwerk hat diese "Roadside Architecture" jedoch verloren, und das liegt an den Autos. Die Wagen der Nachkriegsjahrzehnte waren Teil des Dekors, die Formen der Kotflügel fanden sich wieder in denen der Fassaden und umgekehrt. Heute sind Autos "keine Objekte des Schönen" mehr, bedauert der Fotograf. Nur in Bob's Big Boy Burger Restaurant neben dem Warner-Bros.-Gelände findet jeden Freitag ein Oldtimertreffen statt.

Ashok Sinha: Gas and Glamour. Roadside Architecture in Los Angeles. Kehrer Verlag, Heidelberg 2020. 72 Seiten, 38 Euro.

© SZ vom 29.10.2020

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