Deutsche Inseln: Sylt:Auch Wolfgang Schäuble ist Stammgast auf der Insel. Nur mag er keine lauten Clubs

Die Insel, sagt die Goldschmiedin, musste schon immer dieses Spannungsverhältnis zwischen den Besuchern und den Dauerbewohnern aushalten; das ist der Preis der Attraktivität. Früher war das Verhältnis noch einigermaßen im Gleichgewicht. "Es gab viele Kreative, Künstler, die hier bewusst anders leben wollten, die hier ihren Lebensunterhalt verdienten. Wo haben die heute ihren Platz?" Die 67-Jährige ist nicht die Frau für ein großes Lamento, auch sie versteht sich ja als Dienstleisterin; sie braucht die Touristen genauso wie es die Hotels und die Restaurants tun. Sie hat da allerdings ein paar Fragen, die die anderen gar nicht mehr stellen: "Wie können wir es schaffen, dass nicht alles zugebaut wird von den Investoren und ein paar Freiräume erhalten bleiben?"

Ein paar Orte weiter, die Fahrt geht an Westerland vorbei in den Süden. Herbert Seckler hat sich seinen Freiraum mit Fleiß und Beharrlichkeit erarbeitet. Längst genießt er Kultstatus auf der Insel oder wie er sagen würde: "den Reschpekt der Leut". Wenn Seckler ins Plaudern gerät, klingt er fast wie Wolfgang Schäuble, der ebenfalls zu den Sylter Stammgästen zählt, aber lieber Klassikkonzerte als laute Restaurants besucht. Am späten Vormittag hat der Chef des "Sansibar" gerade noch Zeit für ein Gespräch, bevor hier der Sturm losbricht: Zwischen 3000 und 4000 Gäste suchen jeden Tag das Lokal in den Dünen auf. Der Mann von der Schwäbischen Alb, der seinen Heimatdialekt nie abgelegt hat, sitzt im Weinkeller, erst später mischt er sich unter die Stammgäste, die er braucht, "um richtig in Schwung zu kommen".

Ob er sich selbst erklären kann, wie aus einem winzigen Strandkiosk im Lauf von fast vier Jahrzehnten ein Restaurant geworden ist, für das die Leute jeden Mittag und jeden Abend Schlange stehen? Seckler wiegelt ab: "Ich hatte nie einen Plan, ich hab immer nur gemacht, was die Kunden wollen. Die Kunden haben mich erzogen, das ist die ganze Geschichte." Man könnte auch sagen: Die Gäste suchen sich eine Insel und machen daraus, was sie wollen.

Später am Abend kann man dann bei einem dramatisch bewegten Abendhimmel erleben, warum das Sansibar das Lieblingslokal für Leute ist, für die Sylt ein Lebensgefühl ist. Im Sansibar kann man einerseits sehr gut essen und andererseits mit all den anderen Verrückten eine Party feiern, wobei hier jeder seine Rolle spielt, so gut er kann: die unverschämt gut gelaunten Bedienungen genauso wie die Gäste, die sich von der guten Laune anstecken lassen. Am Nachbartisch prosten sich gerade Johannes B. Kerner und Jürgen Klopp zu, die offenbar Teil der verschworenen Gemeinschaft von Freizeit-Piraten sind - nicht wenige Sansibaristas tragen das Logo des Lokals sogar auf dem Poloshirt.

Seckler schüttelt den Kopf, wenn man ihn fragt, ob manche Gäste hier etwas besser behandelt werden als andere. "Ach, die Promis, die sind doch inflationär hier. Die meisten unserer Gäste würden sagen: Wir kommen nur wegen der Natur. Aber dann redest du fünf Minuten mit ihnen und sie fangen an zu erzählen: Wir haben den gesehen und den . . ." Der 63-Jährige selbst legt größten Wert darauf, nicht prominent zu sein. Auf Partys, sagt er, würde er nie gehen, ihm reicht seine Familie, seine Frau; mit dem Lokal ist er ohnehin verheiratet.

Ob er nicht manchmal auch die Insel genießen kann, einfach so? "Das geht nur bei mir im Garten in Rantum - mit Blick aufs Wattenmeer, wenn kein Mensch da ist."

Nicht jeder Sylt-Liebhaber braucht die aufgepeitschten Wellen. Es geht auch mal stiller. Bis zum nächsten Sturm, der kommt garantiert.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB