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Liebeserklärungen an "Mein Sylt":Sand für die Seele

Prominente, Stammgäste und Bewohner zeichnen ihr ganz persönliches Sylt - die Landkarten sind zugleich Liebeserklärungen an die Insel. Wer Ortschaften sucht, wird sich schwertun, dafür findet sich anderes.

Diese Insel ist alles - sie ist Frau, sie ist Mann. Sie ist ein Dampfschiff, eine Banane, ein Schmusekissen. Sie ist das Chaos und die Ruhe. Sie ist die ganze Welt. Untergebracht auf knapp 100 Quadratkilometern oder auch: auf gerade einmal 80 Buchseiten.

Ulla Mothes hat Menschen gebeten, eine weitgehend leere Karte zu gestalten, die ursprünglich lediglich die Küstenlinie von Sylt zeigt und das Rantumbecken. 68 Landkarten der Insel sind auf diese Weise entstanden, die zusammen einen "Atlas voller Liebeserklärungen" ergeben, wie der von Mothes herausgegebene Band "Mein Sylt" im Untertitel heißt. Wer auf diesen eigenwilligen Karten die Ortschaften Sylts sucht, Westerland etwa oder Kampen, wird sich schwertun. Manch einer hat die eine oder andere Ortsbezeichnung auf seine Karte gekrakelt. Aber den wenigsten dieser Kartografen geht es darum, die reale Infrastruktur der Insel darzustellen - und wenn, dann in einer individuellen Sichtweise.

Reisebuch über Sylt

Atlas voller Liebeserklärungen

Ole von Beust, ehemals Hamburgs Bürgermeister, hat die Route seiner Lieblingswanderung eingezeichnet, sie führt vom Jugenderholungsheim Puan Klent nach Hörnum. "Sonne von vorn, Wind von hinten + Kindheitserinnerung", hat Beust in einer schwer zu entziffernden Schrift hinzugefügt. Am entgegengesetzten Ende der Insel wähnt Johannes King, Koch im Rantumer Sternelokal Söl'ring Hof, die beste Boßelstrecke.

Einige der Illustratoren sind prominent, andere leben auf der Insel, wiederum andere sind gewöhnliche Stammgäste. Ulla Mothes schreibt in ihrem Vorwort über das Sammeln der Karten, das auch ein Sammeln persönlicher Inselgeschichten war: "Ich wurde eingeladen, weitergeschickt und wiederum freundlich aufgenommen." Auf etlichen Karten geht es um private Erlebnisse - der Ort eines Picknicks bei Sonnenuntergang ist markiert, ein "ganz, ganz mieser Radweg" und wo eine Illustratorin "mit Eva barfuß im Regen getanzt" hat. Teilweise stehen die Karten sogar auf dem Kopf, halten sich also nicht an die klassische Nord-Süd-Ausrichtung, da ist List dann ganz unten - so nehmen diese Menschen diese Insel eben wahr. Zu entdecken sind auf ihnen Biotope und Soziotope.

Andere schreiben der Insel nicht ihre (Urlaubs-)Biografie ein, sondern personifizieren Sylt, spielen mit der ungewöhnlichen Gestalt der Insel, haben eine Bild-Metapher gefunden für den Charakter Sylts - oder für ihre Verbundenheit mit der Insel. Der farbige Fußabdruck eines 15 Monate alten Jungen ist eine hinterlassene Spur - des Jungen auf der Insel, aber auch die eines bleibenden Eindrucks, den die Insel bei dem Jungen gemacht hat. Und ist damit ein Versprechen auf Wiederkehr, auf eine dauerhafte Beziehung. Der Dichter Franzobel hat aus Sylt einen Fußballer gemacht, der Keitumer Töpfer Till Bruttel eine Tänzerin, mit der kleinen Anzüglichkeit, dass das Rantumer Becken die Scham der Frau darstellt. Nur die Brüste musste er selbst hinzufügen, da hat das an der Insel nagende Meer nicht mehr genug übrig gelassen für eine natürliche Oberweite.

Bei der Lichtdesignerin Setbyol Oh wird Sylt zur deutschen Hauptstadt, sie verpflanzt Berlins Viertel von der märkischen Steppe auf die Nordsee-Insel: Köpenick ganz im Osten, dort, wo der Hindenburgdamm endet, an der Westküste Charlottenburg, Schöneberg, Wedding und Pankow. Tiergarten und Mitte bilden den Nabel, gehen also auf in Westerland. Und die Braderuper Heide verschmilzt mit dem Prenzlauer Berg. Noch einen Schritt weiter geht ein Lehrerehepaar - Sylt bietet bei ihnen Platz für eine ganze Weltkarte, mit Ozeanen und Kontinenten. Eine Welt, die hier, am "wilden, kilometerlangen Strand zwischen Kampen (Bühne 16) und der Strandhalle List" noch in Ordnung ist, notiert auf seiner Karte Jochen Schildt, Chefredakteur des Greenpeace Magazins.

Ulla Mothes (Hrsg.): Mein Sylt. Ein Atlas voller Liebeserklärungen. Fuchs & Fuchs Verlag, Berlin 2015. 80 Seiten, 12 Euro.