Deutsche Inseln: Peißnitzinsel:Bürgerblüte an der Saale

Lesezeit: 7 min

Peißnitzhaus in Halle an der Saale

Das Peißnitzhaus: Der verpestete Begriff des Kollektivs hat hier einen neuen Sinn bekommen.

(Foto: Peißnitzhaus e.V.)

"Wird nüscht", sagten Experten nach der Wende über das "Landesklubhaus der Jungen Pioniere" in Halle. Dank engagierter Bürger geht jetzt alles auf der Peißnitzinsel - von Theater bis Kohlrabiweitwurf.

Von Cornelius Pollmer, Halle

Als ein Kollege vor Jahren nach Halle fuhr, das erste Mal in seinem Leben, da sah er auf dem Weg vom Bahnhof einen Jungen, der ziemlich gelangweilt eine tote Taube übers Pflaster kickte. Wie verhält man sich idealerweise in solchen Situationen? Man behält die Ruhe und erinnert sich daran, dass der Zufall kein zuverlässiger Markenbotschafter ist, sondern ein unsteter Fiesling. Und wie verhält man sich wirklich? Man erzählt hernach natürlich stürmisch, wie das war, mit dem Jungen und der Taube. Flump, flump. Musst du gesehen haben.

Als man nun selbst mal wieder nach Halle fährt, in der Brüllhitze dieses Sommers, da wünscht man sich den Kollegen an seine Seite, als Mitläufer und Markenbotschafter des Prinzips zweite Chance. Der Wagen knackt noch erschöpft im Halbschatten, da schlurft man bereits über die Bürgerbrücke zur Peißnitzinsel. Die Postkarte dieses Besuchs ist da im Grunde schon gemalt und geschrieben.

Als Erstes nämlich sieht man keine tote Taube, sondern einen lebenden Schwan. Der weiße Riese, vermutlich in den besten Jahren, rastet am Ufer der Wilden Saale und schnäbelt vergnügt an seinem Hals herum. Als Zweites sieht man immer noch keine tote Taube, sondern einen Laternenpfahl (tot) sowie eine Nutria (lebend), die aussieht wie ein Biber. Auf dem Pfahl pappt ein Sticker, darauf eine Frage: "Was ist dir wirklich wichtig?" Man hätte diese Frage vermutlich überlesen, lungerte nicht diese Nutria im Gras und schaute sie nicht so treudoof und doch überlegen, als würde sie einem genau diese Frage stellen.

Die Fighter-Crew wartet geduldig auf den ersten Sonnenbrand

Was, also, ist wirklich wichtig? Auf der Peißnitzinsel können die heiteren Antworten an diesem Tag nur Jetzt! und Hier! lauten, womit man eigentlich schon bei Roland Gebert und seinem Peißnitzhaus wäre, ist man ja aber noch nicht. Vorher geht es noch vorbei an der Zeltbühne und der Fighter-Crew, die davor geduldig auf den ersten Sonnenbrand des Sommers wartet. Großraumdisco blecht aus Handylautsprechern, die Herren lupfen nur kurz ihre grundfarbenen Oakley-Brillen, als sie den Arbeitsmigranten an seinem Block erkennen.

Vorbei geht es schließlich an lauter anderen Naherholungsmenschen und ihrer Muße, die sich zu erkennen gibt in der kaum zu imitierenden Langsamkeit, mit der sie nach Ankunft ihre Rucksäcke vom Rücken ins Gras sacken lassen. Herrlich hier. Bisschen zu heiß vielleicht, aber das bringt einen schon nicht um. Flump. Hihi.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB