Westaustralien Zurück zur Natur von 1801

In einem australischen Nationalpark versuchen Wissenschaftler, die Natur in den Zustand vor der Ankunft der Europäer zurückzuversetzen. Doch das "Project Eden" ist ein mühsames Unterfangen.

Von  Ingrid Brunner

Stop and go. Wer mit Capes im Busch unterwegs ist, muss sich darauf einstellen, dass dieser Mann unvermittelt auf die Bremse steigt. Das tut er immer dann, wenn er etwas sieht. Und er sieht mehr als unsereiner. Aus einem Schatten, einem Busch oder auch nur einer Spur im Sand materialisiert sich dann wie aus dem Nichts ein Dornteufel, ein Blauzungenskink, ein Wallaby. Wie er das hinkriegt? Eine Antwort ist: Capes ist ein Aborigine, und er stammt aus der westaustralischen Region Shark Bay. Er ist somit Teil der ältesten Kultur der Welt. Und die ersten Australier, wie sich die Aborigines selbst auch nennen, haben eine sehr enge Beziehung zur Natur. Eine andere Antwort: Es ist sein Job. Capes ist Guide, er führt Gäste ins Outback von Shark Bay.

Aber bevor es auf den "red carpet"geht, wie er die rote Sandpiste des François-Péron-Nationalparks nennt, heißt es erst einmal Luft aus den Reifen lassen. Capes bricht ein paar dürre Zweige von einem Busch, damit drückt er das Reifenventil nach innen, bis der Reifen breit aufliegt. "So gräbt sich der Jeep nicht so leicht ein", erklärt er. Capes heißt eigentlich Darren Capewell, aber das steht nur auf offiziellen Schriftstücken. Für alle anderen heißt er einfach Capes. In seinen Jeep hat er alles geladen, was der Mensch im Outback zum Überleben braucht. Trinkwasser, Werkzeug, Tisch, Stühle, Eisboxen voller Essen. Und natürlich die Swags, eine Mischung aus Ein-Mann-Zelt und Schlafsack.

Der François-Péron-Nationalpark ist nicht irgendein Park, vielmehr ist er Schauplatz eines seit 1995 laufenden wissenschaftlichen Experiments: Project Eden. Und weil schon das Paradies von einer Mauer umgeben war, trennt ein elektrischer Zaun den Park vom Rest der Péron-Halbinsel ab. Der Zaun kann nicht untergraben, überklettert, umschwommen werden. Anders als mit dem Eisernen Vorhang während des Kalten Kriegs oder womöglich bald an der US-Grenze zu Mexiko sollen dort nicht Menschen, sondern Tiere an der Migration gehindert werden.

Ziel ist es, dieses 525 Quadratkilometer große Stück Land in den Zustand des Jahres 1801 zurückzuversetzen, als der französische Biologe François Péron während der Baudin-Expedition die Halbinsel erkundete. Wie dieser Urzustand aussah, weiß keiner mit letzter Sicherheit. Doch Pérons Aufzeichnungen dienen heutigen Wissenschaftlern als Grundlage für ihre Arbeit. Péron hat damals 23 Säugetierarten auf der Halbinsel beschrieben. Davon war 1990 nur noch die Hälfte übrig.

Capes kennt das Projekt seit seinen Anfängen. "Zunächst ging es darum, die Ziegen, Schafe, Ratten, Füchse, Wildkatzen zu eliminieren", erklärt er. Invasive Arten, die Siedler mitgebracht und die im Laufe der Jahrhunderte die heimische Flora und Fauna an den Rand der Auslöschung gebracht hatten. Schafe und Ziegen fraßen nach und nach alles kahl, Wildkatzen, Ratten und Füchse jagten kleine Nager, fraßen Vogeleier und Jungvögel. Bisher, schätzt Capes, seien an die 5000 Wildkatzen und 4000 Füchse abgeschossen oder mit Fallen gefangen worden. "Jetzt müssen die Leute ihre Katzen in den Häusern halten, das gefällt natürlich nicht allen."

Wer sich nicht dran hält, setzt sein Haustier einer neuen Gefahr aus: Poison 1080, oder Natriumflouracetat. Es ist ein Gift, das in etwa 40 australischen Wildpflanzen vorkommt. Heimische Arten sind dagegen immun, invasive Arten nicht. Die Giftköder sollen die restlichen Katzen töten oder zumindest deren Zahl in Schach halten. "Die Fauna erholt sich langsam. Plötzlich wachsen hier Pflanzen, die ich nur vom Hörensagen von den Großeltern kannte", sagt Capes. Früher, sagt er, standen die Dingos und die Adler an der Spitze der Nahrungskette. Die Dingos sind verschwunden aus der Region. Adler finden nun wieder Beute. "Einige kleine Reptilien und Beuteltiere sind zurückgekommen", sagt Capes. Andere versucht man wieder einzuführen. Den Bilby und das Thermometerhuhn hat man aus anderen Gegenden Westaustraliens erfolgreich umgesiedelt. Hingegen schlugen Versuche mit dem Nasenbeutler und dem Kleinen Pinselschwanzbeutler fehl. Die Natur lässt sich eben nicht so einfach reparieren wie eine kaputte Uhr.