Reisebuch "Zwischen Sansibar und Lüderitz":Einmal quer durch Afrika

Reisebuch "Zwischen Sansibar und Lüderitz": Ein Geschäftsmann in Nkhata Bay, einer Stadt am Ufer des Malawisees.

Ein Geschäftsmann in Nkhata Bay, einer Stadt am Ufer des Malawisees.

(Foto: Simon Riesche/Knesebeck Verlag)

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch sieben Länder im Süden Afrikas: Der ARD-Korrespondent Simon Riesche lässt sich Zeit für spannende Begegnungen.

Von Stefan Fischer

Ohne konkreten Zweck, einzig aus Vergnügen zu reisen, das kann der Mann noch irgendwie nachvollziehen. Auch wenn er es selbst nie täte und wohl auch nicht könnte. Aber selbst wenn doch, dann gewiss nicht in überfüllten Sammeltaxen über holprige Pisten oder in unkomfortablen Zügen.

Einmal mehr erlebt Simon Riesche in diesem Gespräch mit einer Reisebekanntschaft die Diskrepanz zwischen Besuchern wie ihm und Einheimischen. Er, der deutsche Autor, erlebt als exotisches Abenteuer, was für die Bewohner der Länder im südlichen Afrika, die Riesche durchquert, ein lästiger und lähmender Alltag ist.

In anderen Momenten wird das noch viel augenfälliger, etwa, als er die Victoriafälle besucht: Da lassen sich reiche Touristen in Helikoptern über die imposanten Wasserfälle fliegen, während die Menschen, die die Tickets dafür verkaufen, derweil nach gebrauchten Schuhen fragen, die man womöglich nicht mehr brauche. "Die Armut mag an anderen Orten Simbabwes größer sein", schreibt Riesche in seinem Reisebericht "Zwischen Sansibar und Lüderitz", doch "kaum irgendwo ist die Ungleichheit der Welt so spürbar wie in diesem afrikanischen Disneyland."

Reisebuch "Zwischen Sansibar und Lüderitz": Der Autor wartet auf eine Gelegenheit, seine Reise fortzusetzen.

Der Autor wartet auf eine Gelegenheit, seine Reise fortzusetzen.

(Foto: Simon Riesche/Knesebeck Verlag)

Simon Riesche, der seit Beginn dieses Jahres als Korrespondent der ARD aus Kairo berichtet, hat im vergangenen Jahr eine zweite Afrika-Durchquerung unternommen. Bereits 2010 war er von Ägypten aus auf dem Landweg nach Südafrika zur Fußball-WM unterwegs gewesen. Dieses Mal führt ihn die Reise von Ost nach West, von Tansania über Malawi, Mosambik, Simbabwe und Sambia bis nach Botswana und schließlich Namibia. Stets mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Und auf den Spuren eines fragwürdigen Abenteurers.

Paul Graetz war ein vormaliger Offizier der deutschen Schutztruppen in der Kolonie Deutsch-Ostafrika, der sich in den Kopf gesetzt hatte, den afrikanischen Kontinent als erster Mensch in einem Auto zu durchqueren - was ihm unter Mühen gelingen sollte. Graetz brauchte in Summe beinahe zwei Jahre, von 1907 bis 1909. Über dieses Abenteuer hat er das Buch "Im Auto quer durch Afrika" geschrieben.

Mit diesem Buch im Gepäck macht sich Simon Riesche auf die Reise, wobei er es erst vor Ort liest, parallel zum eigenen Vorankommen. Und dabei zunehmend verstört wird von Graetz' Weltsicht. Der Autor war ein überzeugter Kolonialist und Herrenmensch, und Riesche schreibt bereits im Vorwort, dass er diese Lektüre mit jeder Seite weniger ertrage.

Reisebuch "Zwischen Sansibar und Lüderitz": Eine Zugfahrt nach Kigoma, in den äußersten Westen Tansanias.

Eine Zugfahrt nach Kigoma, in den äußersten Westen Tansanias.

(Foto: Simon Riesche/Knesebeck Verlag)

Wozu das Ganze also? Nun, zum einen bewundert Riesche Graetz trotz allem für den Willen, nie aufzugeben, und den Ideenreichtum, mit dem dieser auf unvorhergesehene Situationen reagiert. Zum anderen und vor allem aber erlebt Simon Riesche vom ersten Tag an: "Die Themen der Gegenwart vermischen sich mit den Geschichten der Vergangenheit." Kritisch gelesen, hilft Graetz ihm, diese Geschichten besser kennenzulernen.

Wer wie Riesche in öffentlichen Verkehrsmitteln und zumeist abseits von touristischen Hochburgen unterwegs ist, trifft kaum einmal andere Menschen, die ebenfalls nicht aus Afrika stammen. Entsprechend wird er immer wieder zur Personifizierung "des Westens". Zu "dem" Nachfahren der Kolonialisten. Riesche muss sich mehrfach Massaker der Europäer vorhalten lassen. Und wird aber auch sehr oft sehr privilegiert behandelt.

Er sucht Begegnungen, auch die unangenehmen. Gleich zu Beginn trifft Riesche in Tansania den betagten Isaria Meli, einen Enkel Mangi Melis. Dieser ist 1900 als vermeintlicher Verschwörer von den Deutschen hingerichtet worden, sein Schädel wurde ins Kaiserreich gesandt. Und ist bis heute nicht zurückgegeben worden. Offenkundig ist er nicht mehr auffindbar.

Reisebuch "Zwischen Sansibar und Lüderitz": Regen auf dem Weg zum Kilimandscharo.

Regen auf dem Weg zum Kilimandscharo.

(Foto: Simon Riesche/Knesebeck Verlag)

Alte Wunden, eine tief verwurzelte Skepsis. Aber es gibt daneben ein großes gegenseitiges Interesse aneinander. Riesches Bericht ist weder Abenteuer-Angeberei noch Selbstbespiegelung. Das Buch ist in erster Linie die Schilderung von Gesprächen und Begegnungen. Von Zuständen. Es ist der Versuch, dem Alltag der Menschen nahezukommen. So gut das geht für einen Fremden. Mit Aufgeschlossenheit, Neugier und Respekt kommt Simon Riesche dabei ziemlich weit.

Simon Riesche: Zwischen Sansibar und Lüderitz. Auf Roadtrip und Zeitreise im Süden Afrikas. Knesebeck Verlag, München 2023. 224 Seiten, 19,99 Euro.

Zur SZ-Startseite
Bali Java Roadtrip Wünschel

SZ PlusRoadtrip
:Mit dem Scooter durch Indonesien

Unser Autor ist 1300 Kilometer auf einer roten Honda durch Java und Bali gefahren. Ein Roadtrip zu Vulkanen, Stränden und gastfreundlichen Menschen. Aber ohne ein paar Schrammen geht das nicht.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: