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Weltkriegsgedenken in Polen:Steinmeiers Gang nach Wieluń

'Schicksalstag der Deutschen' Gedenkstunde im Bundestag

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier - hier bei einem Auftritt im Bundestag - wurde von seinem polnischen Kollegen Andrzej Duda ausdrücklich zu den Gedenkfeiern eingeladen. (Archivbild)

(Foto: dpa)
  • Vor 80 Jahren, in der Nacht zum 1. September 1939 griffen deutsche Truppen Polen an.
  • Bundespräsident Steinmeier trifft in Wieluń, dem Ziel des ersten deutschen Angriffs, den polnischen Präsidenten Duda.
  • Allein die Tatsache, dass die Anwesenheit des Bundespräsidenten erwünscht ist, kann kaum hoch genug eingeschätzt werden.
  • Steinmeier will einer lähmenden Ritualisierung des Gedenkens vorbeugen und besucht deshalb häufig Orte, die im allgemeinen Bewusstsein nicht so präsent sind.

An diesem Sonntag wird Frank-Walter Steinmeier sehr früh am Morgen Józef Stępień treffen. Stępień war ein kleiner Junge, als er in der Nacht zum 1. September 1939 mit seinen Eltern aus dem brennenden polnischen Städtchen Wieluń floh. Auf einem kleinen Handkarren zogen sie ein paar Kleider und ein Federbett hinter sich her. Auf der Straße, so erinnerte sich Stępień später, rumpelte der Karren über eine Leiche. Und ein Stück weiter begegnete die Familie einer verzweifelt weinenden Frau, aus deren aufgerissener Brust das Blut floß. Die Mutter gab ihr den Bezug des Federbettes, ehe die Stępieńs weiter flohen, weil am Himmel schon das Grollen des nächsten Luftwaffengeschwaders zu hören war.

80 Jahre später ist für Józef Stępień und andere noch lebende Zeitzeugen ein gemeinsames Frühstück mit dem deutschen Staatsoberhaupt geplant. Frank-Walter Steinmeier wird in Wieluń gemeinsam mit dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda des deutschen Angriffs auf Polen vor 80 Jahren gedenken. Die Stadt mit heute etwas mehr als 20 000 Einwohnern, rund hundert Kilometer südwestlich von Łódź gelegen, war das erste Ziel, das die Deutschen damals angriffen. Hier begann etwa um 4.37 Uhr der Zweite Weltkrieg, zehn Minuten bevor die Schleswig-Holstein im Hafen von Danzig die Westerplatte beschoss.

Überfall auf Polen 1939

Wie das Grauen des Zweiten Weltkriegs begann

Am Sonntagmittag findet dann die offizielle Gedenkfeier der polnischen Regierung in Warschau statt, zu der neben zahlreichen Staats- und Regierungschefs vor allem aus Osteuropa auch Steinmeier eingeladen ist und zu der sich vor einigen Wochen plötzlich auch noch Donald Trump als Redner angesagt hatte. Nun kommt allerdings Vizepräsident Mike Pence. Solche Reisen in die deutsche Geschichte gehören zu den schwierigsten Aufgaben eines Bundespräsidenten. Aber ein möglicher Auftritt des US-Präsidenten, bei dem das Bewusstsein für die Würde eines Augenblicks nicht unbedingt vorausgesetzt werden kann, hatte im Schloss Bellevue bis hinein ins Amtszimmer Steinmeiers zwischenzeitlich einige zusätzliche Sorgenfalten auf manche Stirn geworfen.

Der Besuch in Wieluń ist gewissermaßen der ausschließlich deutsch-polnische Teil der Erinnerung. Allein die Tatsache, dass die Anwesenheit des Bundespräsidenten erwünscht ist, kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. Der Historiker Peter Oliver Loew vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt beschrieb im Deutschlandfunk, welches Ausmaß das Ereignis hatte, dessen hier gedacht wird: "Das war von Anfang an ein vorgesehener Zerstörungskrieg, der mit einer Versklavung und teilweisen Vernichtung der Bevölkerung in Polen einherging - der Juden natürlich in erster Linie, aber auch der nichtjüdischen Polen."

Steinmeier hatte seinem Kollegen Duda eine Zeremonie in Wieluń während eines Polen-Besuchs im Juni 2018 erstmals vorgeschlagen, Duda hatte die Idee aufgegriffen. Nun besuchen die beiden Präsidenten dort auch ein neues Museum, das über die Ereignisse vor 80 Jahren berichtet und am 1. September eröffnet wird. Steinmeier hat es zu einer Art Programm gemacht, in der Erinnerung an die deutschen Verbrechen auch Orte zu besuchen, die im allgemeinen Bewusstsein wenig präsent sind, "weiße Flecken des Gedenkens", wie das im Bundespräsidialamt beschrieben wird. Damit verfolge der Bundespräsident auch das Ziel, einer lähmenden Ritualisierung des Gedenkens - gleicher Ort, gleicher Kranz, gleiche Worte - vorzubeugen.

Erst am Sonntag war Steinmeier zu einer Gedenkfeier in Italien

So gedachte Steinmeier im August 2017 zusammen mit seiner Frau Elke Büdenbender in der litauischen Gedenkstätte Paneriai der etwa 120 000 Menschen, die während der deutschen Besatzungszeit zwischen 1941 und 1944 ermordet wurden. Im Juni 2018 weihte er in Weißrussland die Gedenkstätte Maly Trostenez ein. Hier hatten die Nationalsozialisten Zehntausende Juden, Widerstandskämpfer, Kriegsgefangene und Zivilisten getötet. In Griechenland besuchte er im Oktober 2018 das Lager Chaidari nahe Athen, in dem bis zu 25 000 Menschen interniert worden waren. Und erst am Sonntag war Steinmeier Gast im italienischen Dorf Fivizzano, wo die SS vor 75 Jahren 400 Bewohner getötet hatte.

Nun ist Steinmeier der erste Bundespräsident in Wieluń, jenem Ort, in dem deutsche Soldaten gleich ein Krankenhaus bombardierten und bis zum frühen Nachmittag 1200 Zivilisten töteten. Befehlshaber für die Piloten der 87 eingesetzten Sturzkampfbomber war Wolfram von Richthofen, der im April 1937 bereits als Stabschef der Legion Condor im spanischen Bürgerkrieg an der Zerstörung der baskischen Stadt Guernica beteiligt gewesen war. Über die Zerstörungskraft der Brandbomben notierte Richthofen in seinem Tagebuch: "Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll." Auch den Angriff auf Wieluń, einen Ort ohne jede strategische Bedeutung, betrachtete er offenbar als eine Art Test für die Schlagkraft der Luftwaffe. In Wahrheit war es schon in den ersten Minuten das erste Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg.

Am Mittag in Warschau werden Duda und Steinmeier auf dem geschichtsträchtigen Piłsudski-Platz der Gedenkzeremonie beiwohnen. Schon bei seinem Antrittsbesuch im Mai 2017 hatte der Bundespräsident hier am Grabmal für den unbekannten Soldaten einen Kranz niedergelegt. So wird es auch diesmal sein, begleitet vom Läuten der Glocken aller Warschauer Kirchen. Zuerst spricht Duda, anschließend Steinmeier, danach Pence. Am Freitag ließ dann die Bundesregierung wissen, dass auch Kanzlerin Angela Merkel auf "ausdrücklichen Wunsch der polnischen Seite" an der Gedenkfeier teilnehmen wird - die überraschende Ankündigung kam nur wenige Stunden nach der Absage Trumps.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Amerika dem Nato-Partner Polen weitere militärische Unterstützung ankündigen wird. Abzuwarten bleibt, ob er in diesem Zusammenhang und im Auftrag seines Chefs auch Spitzen gegen Deutschland setzt, das von Donald Trump wiederholt wegen aus seiner Sicht zu niedriger Beiträge für die gemeinsame Verteidigung kritisiert worden ist. Selbst einen Kommentar zum heiklen Streit zwischen Polen und Deutschen über Reparationszahlungen hielt man im Bellevue für möglich. "Wir wissen nicht, was der Vizepräsident sagen wird", heißt es gleichwohl im Amt, "wir haben aber auch keine Angst davor." Man rechne damit, "dass der Anlass für Würde sorgt und ein Abschweifen in tagespolitische Fragen" verhindere.

Russland ist nicht nach Warschau eingeladen

Neben Präsidenten und Regierungschefs aus vielen osteuropäischen Ländern, dem französischen Premier, der Generalgouverneurin aus Kanada und einem Entsandten der britischen Regierung wird ein Staat indes nicht vertreten sein: Russland. Die Regierung in Warschau hat alle Nato-Partner eingeladen, selbst Island, sowie die Staaten, die zur östlichen Partnerschaft der EU gehören. So wird auch der neue ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij nach Warschau kommen. Nach Moskau aber erging keine Einladung.

Auf deutscher Seite will man das nicht kommentieren. Dies sei allein eine Entscheidung der polnischen Seite, heißt es im Bundespräsidialamt. Man sei dankbar, dass Steinmeier eingeladen worden sei. Dass er in Wieluń und in Warschau aus Anlass des deutschen Überfalls auf Polen spreche, demonstriere zudem, wie weit - bei allen aktuellen Problemen - die Beziehungen zwischen Polen und Deutschen in der Zwischenzeit gediehen seien. "Dass es zwischen Russland und Polen nicht so weit gekommen ist, kann man bedauern, aber es unterstreicht den Wert unserer Freundschaft", heißt es im Bellevue.

Um 17 Uhr am Sonntag erwartet der polnische Präsident seine Gäste zu einem Abendessen im alten Warschauer Königsschloss. Etwa zur Zeit des Desserts könnte Steinmeier dabei noch in die Verlegenheit kommen, ausgerechnet an diesem historisch so beladenen Tag seinen Kollegen das eine oder andere Spezifikum der Ergebnisse bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg erklären zu müssen.

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