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Zweiter Weltkrieg:"Ihr edlen Polen zu Pferde"

Die letzten Repräsentanten des feudalen Polen: Kavalleristen auf dem Weg an die Front 1939. Eine andere Quelle schreibt dieses Bild einem Manöver vor Kriegsbeginn zu.

(Foto: AFP)

Polen erinnert sich an die ersten Tage des Zweiten Weltkriegs - und wieder wird von Attacken der Kavallerie gegen deutsche Panzer erzählt werden. Was ist dran am Mythos vom Kampf der Reitersoldaten?

Die Männer in ihren eng taillierten, grün-braunen Uniformen zeigen keine Angst. Stolz sitzen sie auf ihren Pferden und reiten in schönster Formation dem Feind entgegen. Die Sicht ist gut, das Gelände übersichtlich. Der Feind, die Wehrmacht, ist nicht vorbereitet auf den Angriff der polnischen Kavallerie. Die Infanterieabteilung campiert mit Motorrädern, Kastenwagen, kleinen Kettenfahrzeugen und einem Spähpanzer auf offenem Feld.

Die Polen haben altertümliche Gewehre und Säbel. Die Schlacht beginnt, Pulverdampf steigt auf, ein Schuppen brennt. Die Deutschen geraten in Panik - dann bauen sie ihre Maschinengewehre auf. Die Polen verlieren; stolz ziehen die Überlebenden davon. Die Zuschauer im Dorf Krojanty sind beeindruckt und klatschen Beifall.

Überfall auf Polen 1939

Wie das Grauen des Zweiten Weltkriegs begann

Die Veranstalter sprechen von einem "unvergesslichen Abenteuer und einer echten Begegnung mit der Geschichte". Das Spektakel, bei dem das "Gefecht von Krojanty" nachgestellt wird, lässt sich auf Youtube-Videos nachempfinden. Der veranstaltende Verein ist stolz auf diese "älteste und größte historisch-militärische Kavallerievorstellung Polens". Sie findet seit 2001 statt. Zu Beginn wird eine Feldmesse zelebriert und danach ein Kranz am Denkmal des 18. Pommerschen Ulanenregiments niedergelegt. Ulanen sind eine ursprünglich mit Lanzen bewaffnete Kavalleriegattung. Auch an anderen Orten in Polen werden solche Szenen nachgestellt, gern um den 1. September herum, etwa in Łomianki bei Warschau.

Der wahre Kern der Legende

Doch die Legende erzählt noch mehr: Die polnische Kavallerie hat 1939 deutsche Panzer attackiert, todesmutig sich der Mordmaschinerie entgegenwerfend! Mit Lanze und Säbel gegen tonnenschwere Stahlungeheuer! Waffen des 18. Jahrhunderts gegen Waffen des 20. Jahrhunderts! Tradition gegen den "totalen Krieg"! Hartnäckig hielten sich solche Erzählungen, der Hitler-Biograf Joachim Fest etwa wusste von "tödlichen Donquichoterien" der polnischen Reiter zu berichten. All das haben Historiker bereits vor Jahrzehnten als Humbug entlarvt, doch die Legende hält sich zäh, wenn auch nicht mehr in Schulbüchern, so doch in Internet-Foren.

Der Zweite Weltkrieg ist den Nachgeborenen aufgrund der Bilder und Filmsequenzen von zahllosen Panzergefechten, dem millionenfachen Abschießen von Mörsern, Haubitzen und Kanonen und des Bombenkriegs auf Europas Städte als eine durch und durch mechanisierte, gigantische Materialschlacht in Erinnerung. Allerdings waren Pferde in fast allen beteiligten Kriegsnationen noch immer ein unverzichtbarer Bestandteil bei den Landstreitkräften.

Sie wurden selbstverständlich beim Materialtross und der bespannten Artillerie eingesetzt; aber auch berittene Kavallerieeinheiten waren in vielen Ländern noch Standard - als schnelle Eingreiftruppe der Infanterie oder als wendige Aufklärungseinheiten. Allein das Deutsche Reich hatte zwischen 1939 und 1945 fast 2,8 Millionen Pferde im Einsatz gehabt.

Sie erwiesen sich vor allem nach dem Überfall auf die Sowjetunion bei Treibstoffknappheit und strengem Frost oft als die einzig verfügbaren Fortbewegungsmittel der Wehrmacht - entsprechend hoch war der Verschleiß. Der Spiegel nannte den Zweiten Weltkrieg einmal das "größte Pferde-Massaker der Geschichte".

In industriell noch unterentwickelten Staaten spielten die Pferde naturgemäß eine weitaus stärkere Rolle in der Armee, dazu gehörten am Vorabend des Krieges vor allem die Sowjetunion, Rumänien und Polen.

Die Zweite polnische Republik, die nach dem Ersten Weltkrieg einen weiteren Krieg gegen das bolschewistische Russland (1919-1921) durchzustehen gehabt hatte, verfügte nicht über die Mittel, ihre Truppen durchgehend durch Fahrzeuge zu mechanisieren. Und so setzte man weiterhin auch auf die zwar stolze, aber nicht mehr zeitgemäße Kavallerie, deren Ruhm bis in die napoleonische Zeit zurückreichte. 70 000 Kavalleristen in elf Brigaden boten die Polen 1939 auf - die Wehrmacht hatte gerade mal eine.

Geschichte "Die Stimmung war fast pathetisch"
Beginn des Zweiten Weltkriegs

"Die Stimmung war fast pathetisch"

Wilhelm Simonsohn hilft als Wehrmachtssoldat, den deutschen Angriff auf Polen vorzubereiten. Als der Adoptivsohn eines Juden das zerstörte Warschau erreicht, gibt er sich ein Versprechen.   Von Benedikt Becker

In allen anderen (technischen) Belangen waren die militärisch hochgerüsteten Deutschen jedoch dem östlichen Nachbarn derart überlegen, dass Polen auch bei einer besseren Vorbereitung, einem klaren Generalplan und besserer Führung keine ernsthafte Chance auf eine länger dauernde Verteidigung gehabt hätte.