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Zweiter Weltkrieg:Ein Plan mit Sprengkraft

70 Jahre Bretton Woods

US-Finanzminister Henry Morgenthau (Mitte) war 1944 auch treibende Kraft hinter der Schaffung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank. Hier bei einem informellen Gespräch mit Kanadas Finanzminister J. L. Lesley (links) und dem sowjetischen Delegierten M. S. Stepanow am Rande einer Tagung.

(Foto: dpa)

Er wollte nach dem Krieg nicht zur Tagesordnung übergehen. Deshalb entwickelte US-Finanzminister Henry Morgenthau vor 75 Jahren die Idee, Deutschlands Industriekraft zu zerstören.

Im September 1944 war die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg nicht mehr eine Frage des Ob, sondern des Wann. Im Juni waren die Alliierten in der Normandie gelandet und hatten die Wehrmacht in kürzester Zeit aus Frankreich verdrängt. Mit täglichen Bombardierungen setzten sie deutsche Städte in Schutt und Asche und im Osten rückte die Rote Armee immer weiter Richtung Berlin vor.

Angesichts des nahenden Siegs befassten sich die USA und Großbritannien bereits im Herbst 1944 mit der Frage, was nach dem Krieg aus Deutschland werden würde. Für kurze Zeit sah es so aus, als würden US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premier Winston Churchill Deutschland in einen Agrarstaat verwandeln wollen. Fabriken, Bergwerke, Kohlegruben - alles, was die Nazis zur Herstellung von Waffen genutzt hatten, sollte dem Erdboden gleichgemacht werden. Nie wieder würde der Staat in der Mitte Europas, der so viel Grauen über die Welt gebracht hatte, zu einem Krieg fähig sein. Deutschlands Zukunft sahen Roosevelt und Churchill in einem "landwirtschaftlichen und pastoralen" Charakter.

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Auch wenn es anders kam: Im September 1944 standen die vom amerikanischen Finanzminister Henry Morgenthau erdachten Pläne, Deutschland zu deindustrialisieren, ernsthaft zur Debatte. Roosevelt und Churchill unterzeichneten am 15. September bei einem Treffen im kanadischen Québec sogar eine Erklärung mit den Worten: "Die Leichtigkeit, mit der die Metall-, Chemie- und Elektroindustrien Deutschlands vom Frieden in den Kriegsmodus schalten können, wurde uns bitterlich vor Augen geführt." Die Industriegebiete an Ruhr und Saar sollten unter internationale Kontrolle gestellt werden.

Die ursprünglichen Pläne Morgenthaus waren sogar noch radikaler. Deutschland sollte nicht nur Waffen, Kriegsmaterial und Rüstungsindustrie verlieren, sondern auch große Teile seiner Fläche. Morgenthau, ein enger Freund des Präsidenten, wollte die Kriegsnation in einen Süd- und einen Nordstaat teilen und dabei deutsche Gebiete an Frankreich, Dänemark, Polen und die Sowjetunion übertragen. Das Ruhrgebiet, "Herz der deutschen Industriekraft", sollte Deutschland gänzlich entrissen, Deutsche zur Zwangsarbeit ins Ausland verbracht werden. Im In- und Ausland galt der Urheber des Morgenthau-Plans als Radikaler. Woher kam sein unbedingter Wille, Nachkriegsdeutschland nicht so schnell wieder auf die Beine zu helfen?

Sein Vater erlebte als Botschafter den Völkermord an den Armeniern

Henry Morgenthau wurde 1891 als Sohn eines deutschen Auswanderers in New York geboren. Sein Vater, ein in Mannheim geborener Jude, hatte es bis zum amerikanischen Botschafter gebracht. In Konstantinopel setzte sich der Diplomat während des Ersten Weltkriegs persönlich gegen den von Osmanen begangenen Völkermord an den Armeniern ein, konnte seine Regierung jedoch nicht zum Eingreifen bewegen. Frustriert von seiner Machtlosigkeit und der Zurückhaltung seines Landes zog sich der Botschafter aus Konstantinopel zurück. Ein Erlebnis, das sein Sohn Henry Morgenthau "nie vergaß", wie der Hamburger Historiker Bernd Greiner 1995 in seinem Buch "Die Morgenthau-Legende" schrieb.

Morgenthau selbst war kein geborener Politiker. Er interessierte sich für Landwirtschaft, besaß große Flächen Land. Greiner beschreibt ihn als einen, "der nichts mehr scheute als das Rampenlicht und von einem seiner häufigen Migräneanfälle heimgesucht wurde, wenn eine kleine Rede vor heimischen Farmern auf dem Programm stand". Dass er 1934 Finanzminister wurde, verdankte er einem Zufall. Morgenthau lebte an der Peripherie New Yorks in der kleinen Gemeinde Poughkeepsie am Hudson River. In seiner Nachbarschaft wohnte auch: Franklin D. Roosevelt. Die beiden wurden Weggefährten. Roosevelt holte den begabten Morgenthau schließlich in sein zweites Kabinett.

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Während des Zweiten Weltkriegs ist Morgenthau einer der ersten Minister, die sich intensiv auf einen Krieg mit Hitler vorbereiten. Als die Vereinigten Staaten schließlich 1941 in den Krieg eintreten, ist das Finanzministerium "praktisch ein zweites Kriegsministerium", so Greiner. Im Verlauf des Krieges kommen allmählich die Verbrechen der Nazis ans Licht. Die Weltöffentlichkeit erfährt von den Konzentrationslagern und Gaskammern, in denen massenweise Juden ermordet werden. Doch in den USA bleibt die große Empörung aus. "Der Völkermord in Europa wurde in amerikanischen Zeitungen unter 'Verschiedenes' gemeldet", schreibt Historiker Greiner. Dass die USA nicht stärker eingreifen und zum Beispiel gezielt die Gaskammern und Krematorien der Nazis ins Visier nehmen, macht Morgenthau fassungslos. Dessen Sohn erinnert sich in einer Biographie: "Morgenthau nahm die Rolle desjenigen ein, der einen einsamen, unpopulären Kampf gegen die Gleichgültigkeit seiner Kollegen und der Regierungen befreundeter Nationen führte sowie gegen den Antisemitismus, der im Außenministerium vorherrschte."

1944 ist abzusehen, dass Deutschland den Krieg verlieren wird. In der US-Regierung werden bereits Pläne geschmiedet, wie das Land nach der Nazi-Herrschaft wiederaufgebaut werden kann. Vor allem die amerikanische Wirtschaftselite, die noch während des Krieges eng mit deutschen Unternehmen verflochten ist, hat Interesse daran, schnell zur Tagesordnung überzugehen. Morgenthaus Ministerium nimmt große Konzerne wie Ford, Standard Oil und die International Telephone and Telegraph Corporation ins Visier, die - mehr oder weniger legal - Geschäfte mit dem Feind tätigen. Er sagt: "Es gibt eine ganze Menge reicher Leute in diesem Land, die schon morgen ihren Frieden mit Hitler machen würden."

Eine Handreichung für die zukünftige Militärregierung empört Morgenthau

Als der Finanzminister schließlich vom "Handbook" der künftigen Militärregierung in Deutschland erfährt, hat er genug. Darin steht zwar kaum etwas über die Bestrafung der Kriegsverbrechen, dafür umso detaillierter, wie man "die Dinge wieder zum Laufen" bringe. "Morgenthau kocht vor Wut", beschreibt Greiner die Reaktion des Ministers. Der fasst nun den Entschluss, einen eigenen Plan für Deutschland zu entwerfen - so radikal, dass alle in der Regierung begreifen müssen, wie fatal es wäre, nach der Nazi-Herrschaft zum "business as usual" überzugehen. Deutschlands Wirtschaftskraft solle zerschlagen, das Ruhrgebiet demontiert und das Land geteilt werden. Selbst Morgenthaus Berater finden dessen Plan zu extrem. Sie befürchten Chaos in Europa.

Doch durch seinen guten Draht zu Präsident Roosevelt gelingt es Morgenthau im September 1944, seine Ideen beim amerikanisch-britischen Gipfeltreffen in Québec zu platzieren. Am Ende der Konferenz übernehmen Roosevelt und Churchill sogar Teile des Morgenthau-Plans in ihre streng-geheime Abschlusserklärung, in der sie Deutschlands Zukunft als Agrarstaat skizzieren. Ein Teilerfolg für den Finanzminister.

Doch das ruft Morgenthaus Gegner auf den Plan. US-Kriegsminister Henry L. Stimson geht massiv gegen die Vorschläge vor. Er teilt Roosevelt mit, Morgenthaus Plan würde den Tod von Millionen Menschen bedeuten und sei "ein offenes Bekenntnis des Bankrotts jeder Hoffnung für eine vernünftige Politik zur Verhütung eines zukünftigen Krieges". Auch Außenminister Cordell Hull stellt sich gegen Morgenthau und weist darauf hin, dass sich wohl nur 60 Prozent der Deutschen landwirtschaftlich ernähren könnten. Das US-Kabinett ist in diesen Tagen heillos zerstritten.

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Am 21. September erscheinen erste Presseberichte über Morgenthau. Drew Pearson, einer der prominentesten Journalisten der Zeit, berichtet in seiner Kolumne in der Washington Post erstmals über Morgenthaus Groll über das "Handbook" der Militärregierung. Der US-Historiker Michael R. Beschloss vermutet, ein enger Mitarbeiter des Finanzministers könnte die Informationen an Pearson weitergegeben haben, um eine positive Berichterstattung in die Wege zu leiten. Doch das Gegenteil tritt ein. In den folgenden Tagen enthüllen Medien den Morgenthau-Plan. Das Umfeld von Kriegsminister Stimson sticht Informationen an die Presse durch. Die Washington Post nennt den Plan "ein Urteil, das für etliche Millionen Deutsche den Tod oder Hungersnot bedeuten würde".

Die Nazis instrumentalisieren den Plan für ihre Propaganda

Morgenthau, nun als "fanatischer Nazihasser" dargestellt, entwickelt sich für Roosevelt wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen zur Belastung. Sein republikanischer Herausforderer Thomas Dewey ätzt, die Regierung habe den deutschen Kriegswillen gestärkt wie "zehn frische Divisionen". Tatsächlich nutzen die Nazis die Enthüllungen für ihre unerbittliche Propaganda. Hitler und Goebbels feuern angesichts des "jüdischen Mordplans", der zur "Versklavung Deutschlands" führen werde, den Widerstand gegen die Alliierten weiter an.

In einer Rede vor Fabrikarbeitern sagt Goebbels am 4. Oktober: "Hass und Rache von wahrlich alttestamentarischem Charakter sprechen aus diesen Plänen, die von dem amerikanischen Juden Morgenthau ausgeheckt wurden. Das industrialisierte Deutschland soll buchstäblich in einen riesigen Kartoffelacker verwandelt werden." Innen- und außenpolitisch unter Druck, rückt Roosevelt von seinem Freund ab und sagt im Gespräch mit Kriegsminister Stimson: "Henry Morgenthau hat einen Bock geschossen." Mit dem Morgenthau-Plan will er nichts mehr zu tun haben, die Wahlen am 4. November 1944 entscheidet Roosevelt für sich.

Henry Morgenthau bleibt nur noch bis zum Tod des Präsidenten im April 1945 Finanzminister. In Deutschland setzt sich jedoch weit über den Zweiten Weltkrieg hinaus eine Erzählung fest, die Morgenthau als "Racheengel" sieht, der das Chaos über Deutschland bringen wollte. Nicht nur in rechtsextremen Kreisen muss der leidenschaftliche Landwirt als Feindbild herhalten. Für den Hamburger Historiker Bernd Greiner ist die Geschichte des Henry Morgenthau jedoch die Geschichte eines Mannes, der "am Ende eines verheerenden Krieges nicht zur Tagesordnung übergehen" wollte.

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