Wahlkampf in Österreich:4. Die Schmutzkübeleien

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Gleich zum Beginn des Wahlkampfes hatte ÖVP-Chef Kurz ganz sanft geklungen. Man werde sich nicht daran beteiligen, Mitbewerber "anzupatzen", sagte er im Juni mit Blick auf die austriakische Tradition, den politischen Gegner mitunter brachial anzugreifen. Inzwischen ist klar: Es bleibt auch in der neuen Kurz-ÖVP alles beim Alten.

Efgani Dömnez, früher bei den Grünen, nun "Kurzist" mit Listenplatz 5, hat sich auf SPÖ-Spitzenkandidat Kern eingeschossen. Der Vorwurf: Fernsehmoderator Tarek Leitner, der im ORF auch Sendungen mit dem Kanzler moderiert, sei mit ihm im Urlaub gewesen. Das waren beide Familien tatsächlich - allerdings zu einer Zeit, als Kern Bahn-Manager war und kein Kanzler.

Die Optik, wahrlich, ist keine gute. Denn klar ist, dass Leitner und Kern sich über deren Kinder privat kennen - und dass Leitner Kern trotzdem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen interviewen darf. Doch wie Dönmez beide attackierte, ging vor allem vielen Journalisten gegen den Strich: Sie sahen die Kampagne als gezielte Einschüchterung eines kritischen Kollegens, als richtige Schmutzkübelkampagne, wie man in Österreich sagt.

Dass die Kurz-ÖVP in ihren Angriffen auf die Kanzlerpartei SPÖ ein wenig übers Ziel hinausschießt, zeigt eine zweite Angelegenheit, die inzwischen sogar die Gerichte beschäftigt. ÖVP-Mann Kurz hatte behauptet, ein reicher Industrieller habe über "irgendwelche Briefkastenvereine und Vereinskonstruktionen" 100 000 Euro an die SPÖ gespendet. Inzwischen verklagen die Sozialdemokraten ihren Noch-Koalitionspartner - ein einmaliger Vorgang.

5. Das Parteizerbröseln

Zu dieser Wahl treten 16 Parteien an - so viele wie noch nie. Das liegt auch an nicht wenigen Spaltungen: Nach dem Rauswurf der Spitzenfunktionäre der Salzburger FPÖ gründeten diese die Freie Liste Österreich, kurz FLÖ. Die neue Partei liegt ideologisch fast auf einer Linie mit der FPÖ und könnte ihr Stimmen abluchsen.

In der Hofburg amtiert zwar als Bundespräsident Alexander Van der Bellen, aber dessen frühere Partei zerlegt sich: Die Grünen hatten bei der Listenaufstellung mit Peter Pilz einen ihrer profiliertesten Veteranen durchfallen lassen. Pilz, der schon vor Jahren in Hintergrundgesprächen seinen Zorn auf die Parteiführung kaum verborgen hat, machte kurzerhand seine eigene Wahlliste auf. Er setzt auf eine Melange von Stammtisch, Parteienverdrossenheit und der Marke Pilz.

Die Grünen-Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek lässt sich derweil auf dem geschwundenen Dachstein-Gletscher ablichten und setzt auf Wahlplakate, auf denen Wortspiele mit den Namen "Kern" und "Kurz" gedruckt sind. Momentan liegen sowohl die Pilz-Liste als auch die Grünen nur knapp über der Vier-Prozent-Hürde. Im für sie schlechtesten Fall kommen beide nicht in den Nationalrat. Und auch die liberalen NEOS sind in ihrer parlamentarischen Existenz gefährdet, weil Shootingstar Kurz sie Stimmen kosten dürfte.

6. Das Grausige

Schon 2016 waren auf Wahlplakaten des nunmehrigen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen Sprüche wie "baltischer Jud" gekritzelt. Und auch in diesem Wahlkampf gibt es antisemitische Auffälligkeiten.

Der FPÖ-Abgeordnete Johannes Hübner verzichtete auf eine neue Kandidatur, nachdem antisemitische Bemerkungen publik geworden waren. Seine Äußerungen fielen 2016 bei einem rechtsextremen Kongress in Thüringen, bei der der Österreicher als Redner eingeladen war.

Einen weiteren Aufreger gab es in der bis dahin einigermaßen spaßigen Mini-Partei GILT, ein Projekt des Kabarettisten Roland Düringer. Deren Spitzenkandidat, ein Esoteriker mit Miraculix-Bart namens Günther Lassi, präsentierte auf seiner Homepage einen Link zum antisemitischen Pamphlet "Protokolle der Weisen von Zion". Lassi zog sich von der Kandidatur zurück, doch es war zu spät: Er bleibt Frontmann auf der Wahlliste und kann erst nach dem Urnengang ein mögliches Mandat zurückgeben.

Das alles passierte zum Beginn des Wahlkampfes in Österreich. Die heiße Phase startet erst jetzt.

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