Jeremy Corbyn (Labour - Sozialdemokraten - 68 Jahre)

Status: Linker Messias - mit zweifelhaften Siegeschancen

Was er über sich selbst sagt: "Ich bin ein Anführer, kein Diktator. Ich will Menschen überzeugen und sie nicht bedrohen oder kontrollieren."

Was andere über ihn sagen: Kommt drauf an, wer. In der Opposition, der Presse und auch in den eigenen Reihen hielten viele Corbyn lange für einen radikalen Altlinken, mit dessen harter Linie keine Wahl zu gewinnen sei. Der einflussreiche Economist bezeichnet ihn gerne als "loony lefty", einen linken Spinner. Hinzu kommen Vorwürfe, dass Corbyn sich nicht klar genug von radikalen Gruppen losgesagt habe, wie der IRA oder der Hamas.

Seine Unterstützer - darunter viele junge Briten - sehen in ihm einen Hoffnungsträger für mehr soziale Gerechtigkeit und lieben ihn dafür, dass das Establishment ihn verabscheut. John McDonnell, sein Schatten-Finanzminister, sagt über ihn: "Jeremy ist ehrlich, anständig und hat Prinzipien."

Woher er kommt: Aus den hintersten Reihen der Labour-Fraktion. Corbyn ist ein traditioneller "Backbencher". 2015 wurde er eher durch Zufall für die Wahl zum Parteivorsitzenden nominiert - man brauchte einen Kandidaten, der den linken Flügel repräsentiert - und Corbyn erklärte sich bereit, diesmal "das Opferlamm" zu sein. Mit der Reaktion hatte keiner gerechnet, am wenigsten wohl er selbst: Zehntausende traten in die Partei ein und wählten ihn zum neuen Chef. Die Basis liebt ihn, die eigene Partei misstraut ihm, so ist es bis heute. Im Juni 2016, nach dem Brexit-Referendum, sprachen ihm drei Viertel der eigenen Fraktion das Misstrauen aus, viele traten zurück. Corbyn machte unbeirrt weiter und ließ sich in einer zweiten Urwahl als Parteichef bestätigen - noch mal mit mehr als 60 Prozent der Stimmen der Parteimitglieder. Da Labour Anfang Juni in den Umfragen aufgeholt hat, ist die beißende Kritik der Parteifreunde zumindest leiser geworden.

Was er will: All das, was ein Linker alter Schule eben will: Bessere öffentliche Schulen, die Wieder-Verstaatlichung von privatisierten Unternehmen wie der Bahn, der Post und Energieversorgern, starke Gewerkschaften, weniger Kriege und höhere Steuern für Reiche.

Haltung zum Brexit: Unklar, aber er steht eher für einen "soft Brexit". Corbyn selbst sagte einmal, er sei zu 75 Prozent Pro-Europäer. Die 25 Prozent Zweifel kommen wohl daher, dass er in der EU ein Elitenprojekt sieht. Letztlich unterstützte er halbherzig die "Remain"-Kampagne seiner Partei. Der Sieg der "Leave"-Seite wurde auch seiner wankelmütigen Haltung vor dem Referendum angelastet. Im Wahlkampf verspricht er, die Rechte der in Großbritannien lebenden EU-Bürger garantieren zu wollen - gleiches soll für Briten gelten, die in Spanien oder Deutschland wohnen.

Fun fact: Liebt Fahrräder. "Fahrrad fahren ist der Gipfel des menschlichen Bestrebens - ein fast neutraler Umwelteffekt gepaart mit der Fähigkeit, erhebliche Distanzen zu fahren, ohne jemanden zu stören. Das Fahrrad ist die perfekte Verbindung von Technik und menschlicher Energie." Hat 2016 zum siebten (!) Mal infolge den Titel "Parlamentsbart des Jahres" gewonnen.

Lieblingsausdruck: Der Wahlkampfslogan "for the many, not the few" (für die vielen, nicht die wenigen) trifft Corbyns Überzeugungen recht gut.

Bild: AFP 6. Juni 2017, 16:142017-06-06 16:14:42 © SZ.de/mati