Vom unauffälligen Leben der NSU-Mitglieder Zschäpe hielt die sozialen Kontakte

Intensiv sind Heike K. und die anderen Zeugen von den Ermittlern befragt worden, was Lisa über sich und die beiden Männer so erzählt habe. Nicht viel offenbar. Sie konnte zuhören, aber gab nicht viel preis. Mit Frau K. redete sie einmal über Sex in Beziehungen. Dass sie mal mit Max (Mundlos) ein Liebesverhältnis hatte, sagte sie nicht. Sie soll nur erzählt haben, sie sei seit 19 Jahren mit Gerry (Böhnhardt) zusammen.

Wenn sich die Bewohner der Polenzstraße 2 im Hof trafen, um ein bisschen zu trinken, über Gott und die Welt, den Schimmel in den Wohnungen und die Wassereinbrüche zu reden, waren "Gerry" und "Max" nie dabei. Ähnliches berichten auch Nachbarn der anderen Wohnungen. Zschäpe hielt die sozialen Kontakte und erklärte die kleine Welt.

Zufällig bekam in der Polenzstraße eine Nachbarin einmal mit, dass die Männer, als sie die Fahrräder hochbrachten, über Waffen redeten. Sie meinte aufgeschnappt zu haben, dass die damit "auf Leute schießen" würden. Zschäpe soll ihr gesagt haben, die beiden seien im Schützenverein, alles andere sei ein Missverständnis.

Eigentlich waren Gerry und Max schattenhafte Wesen, die, wenn sie nicht im Keller werkelten, vor ihren Computern Ballerspiele spielten. Solche Geschlechter-Geschichten gibt es auch in anderen Milieus. Aber konspirativ taten die beiden schon. Zwar gehört zum Terrorismus die Konspiration wie ein Zwilling, aber braucht es das Versteckspiel, wenn Terroristen auf jede Erklärung für ihre Mordtaten verzichten, wie die vom NSU? Wenn niemand weiß, dass es diesen Terror überhaupt gibt, braucht es da Mimikry?

Am ehesten vergleichbar mit der Konspiration der NSU-Mörderzelle waren die RAF-Aussteiger, die sich einst im sehr nahen Osten, in der DDR, versteckt hatten und dort mit neuen Papieren und neuen Identitäten ausgestattet worden waren. Ihre Unterstützer saßen im Politbüro und bei der Stasi. Wenn die Ehemaligen von der RAF brave DDR-Bürger mimten, und sich in einem Ferienheim trafen, ging es nicht mehr um die Weltrevolution, sondern um Themen wie Urlaub, Wohnung, Nachbarn und die aktuelle Versorgungslage.

Aus Sicht der Opfer zumindest (die RAF hat 33 Menschen getötet) ist "linker Terror" oder "rechter Terror" übrigens wie Jacke und Hose. Andreas Baader, einer der Gründer der RAF, fuhr vorzugsweise schnelle BMW oder Porsche, natürlich ohne Führerschein. Das braune Trio fuhr fast immer Rad und mit dem Auto nie zu schnell. Mancher Nachbar hielt sie für Grüne. Gutverdienende Grüne natürlich. Sie könne sich nicht vorstellen, auf jeden Cent achten zu müssen, soll Lisa gesagt haben. Manchmal kaufte sie für Heide K. groß ein und zahlte alles selbst - bar. Sie konnte sehr spendabel sein.

Über Politik, sagt Heike K. habe sie nur einmal mit der Lisa gesprochen. Im Fernsehen sei ein Film über rechte Krawallos gelaufen und ihr Sohn habe aus Spaß gesagt: "Und ich war nicht dabei." Da sei die Lisa ernst geworden: "Lass die Finger davon", soll sie gesagt haben. "Das bringt nur Unglück." Sie wisse, wovon sie rede, denn sie habe selbst "schon mal mit einem halben Bein im Knast" gestanden. Heike K. hat nicht nachgefragt.