Süddeutsche Zeitung

Vom unauffälligen Leben der NSU-Mitglieder:"Ganz nette, sympathische, höfliche Leute"

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13 Jahre lang lebten sie im Untergrund, legten sich Tarnnamen und falsche Identitäten zu: Die Mitglieder der Zwickauer Neonazi-Zelle wurden von Anwohnern sogar für gutverdienende Grüne gehalten. Beate Zschäpe wahrte die bürgerliche Fassade des Terrortrios. Sie soll gar vor rechter Gewalt gewarnt haben.

Hans Leyendecker

Auch Abschiednehmen kann zu einem Ritual werden, an das man sich gewöhnt. Wenn Beate Zschäpe ihre Freundin Heike K. in der Zwickauer Polenzstraße 2 besuchte, verabschiedete sie sich meist mit einem Kuss auf die Wange.

Am Abend des 1. November 2011 aber war der Abschied wie eine Trennung. Als sie an diesem Tag nach Hause gekommen war, erzählte Heike K., habe ihre Freundin bereits auf sie gewartet. Sie hätten zusammen Abendbrot gegessen, der Fernseher sei an gewesen, und Zschäpe sei "auffällig ruhig" und "in sich gekehrt" dagesessen. Beim Lebewohl habe die Zschäpe sie "bestimmt eine ganze Minute" an sich gedrückt und Tränen in den Augen gehabt. Als dann das Taxi gekommen sei, habe Zschäpe sich "komischerweise noch einmal verabschiedet". Das habe sie sonst nie gemacht. Dann sei sie "fast weggerannt".

Drei Tage später überfielen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, mit denen Zschäpe mehr als ein Jahrzehnt im Untergrund gelebt hatte, eine Sparkasse in Eisenach. Als sie sich von der Polizei eingekesselt wähnten, nahmen sie sich das Leben. Zschäpe zündete daraufhin die gemeinsame Wohnung in Zwickau an, und das Land entdeckte staunend die Terrorvereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU), die neun Einwanderer und eine Polizistin ermordet hat.

Hatte Zschäpe eine Vorahnung, als sie sich von Heike K. verabschiedete oder suggeriert nur der rückblickende Zugang zu den Ereignissen das vorgeblich Besondere des Abschieds?

Die Geschichte des NSU ist vor allem die Geschichte der beiden Männer und der Frau, die im Januar 1998 untergetaucht waren, und die Ermittler wollen jede Facette dieser Geschichte erfahren. Das Trio, das nach dem Untertauchen in einem halben Dutzend Wohnungen in Chemnitz und Zwickau lebte, legte sich früh Tarnnamen und Legenden zu. Die Männer nannten sich "Max" und "Gerry", und arbeiteten angeblich in Unternehmen der Eltern.

Zschäpe nannte sich meist "Susann D." und war mal Hausfrau, mal Angestellte. Sie mischten bei ihren Legenden Erfundenes mit Halbwahrheiten. Die drei seien "ganz nette, sympathische, höfliche Leute" gewesen, gab eine Apothekerin, die im Urlaub das Trio kennengelernt hatte, bei einer Vernehmung zu Protokoll. Viele der Zeugen sahen das ähnlich. Besonders Mundlos und Zschäpe sollen sehr hilfsbereit gewesen sein. Aber kein Außenstehender - die Unterstützer der Zelle ausgenommen -, ist den dreien so nahekommen wie die gelernte Eisenbahn-Transportfacharbeiterin Heike K., Jahrgang 1967. Sie hatte kein einfaches Leben: Alleinerziehend, seit 1996 arbeitslos, Mutter von drei Kindern.

Als die Familie K. 2006 in der Polenzstraße 2 einzog, erster Stock links, wohnte Zschäpe mit Max und Gerry schon seit ein paar Jahren in dem Haus - im Erdgeschoss rechts. Auch nach dem Wegzug des Trios in die Zwickauer Frühlingsstraße im Frühsommer 2008 schaute Zschäpe regelmäßig bei Heike K. vorbei.

Die 44-Jährige erinnert sich noch genau, wie die Freundschaft begonnen hat. Sie habe im Hof gesessen und ihre Tochter gerufen, die eigentlich "Lisa-Mary" heißt, aber nur "Lisa" genannt wird. Zschäpe habe gerade gekocht und durch das geöffnete Küchenfenster geantwortet "Hier bin ich, Mutti". Es gab viel Hallo. Zschäpe erklärte, ihr Spitzname sei "Lisa". Daraus wurde eine Freundschaft. Manchmal fragt sich Heike K., wie Zschäpe wohl reagieren würde, wenn sie sich eines Tages vor Gericht begegnen sollten. Obwohl Heike K. fast acht Jahre älter als Zschäpe ist, bezeichnet sie heute noch Lisa als ihre "große Schwester".

Zschäpe hielt die sozialen Kontakte

Intensiv sind Heike K. und die anderen Zeugen von den Ermittlern befragt worden, was Lisa über sich und die beiden Männer so erzählt habe. Nicht viel offenbar. Sie konnte zuhören, aber gab nicht viel preis. Mit Frau K. redete sie einmal über Sex in Beziehungen. Dass sie mal mit Max (Mundlos) ein Liebesverhältnis hatte, sagte sie nicht. Sie soll nur erzählt haben, sie sei seit 19 Jahren mit Gerry (Böhnhardt) zusammen.

Wenn sich die Bewohner der Polenzstraße 2 im Hof trafen, um ein bisschen zu trinken, über Gott und die Welt, den Schimmel in den Wohnungen und die Wassereinbrüche zu reden, waren "Gerry" und "Max" nie dabei. Ähnliches berichten auch Nachbarn der anderen Wohnungen. Zschäpe hielt die sozialen Kontakte und erklärte die kleine Welt.

Zufällig bekam in der Polenzstraße eine Nachbarin einmal mit, dass die Männer, als sie die Fahrräder hochbrachten, über Waffen redeten. Sie meinte aufgeschnappt zu haben, dass die damit "auf Leute schießen" würden. Zschäpe soll ihr gesagt haben, die beiden seien im Schützenverein, alles andere sei ein Missverständnis.

Eigentlich waren Gerry und Max schattenhafte Wesen, die, wenn sie nicht im Keller werkelten, vor ihren Computern Ballerspiele spielten. Solche Geschlechter-Geschichten gibt es auch in anderen Milieus. Aber konspirativ taten die beiden schon. Zwar gehört zum Terrorismus die Konspiration wie ein Zwilling, aber braucht es das Versteckspiel, wenn Terroristen auf jede Erklärung für ihre Mordtaten verzichten, wie die vom NSU? Wenn niemand weiß, dass es diesen Terror überhaupt gibt, braucht es da Mimikry?

Am ehesten vergleichbar mit der Konspiration der NSU-Mörderzelle waren die RAF-Aussteiger, die sich einst im sehr nahen Osten, in der DDR, versteckt hatten und dort mit neuen Papieren und neuen Identitäten ausgestattet worden waren. Ihre Unterstützer saßen im Politbüro und bei der Stasi. Wenn die Ehemaligen von der RAF brave DDR-Bürger mimten, und sich in einem Ferienheim trafen, ging es nicht mehr um die Weltrevolution, sondern um Themen wie Urlaub, Wohnung, Nachbarn und die aktuelle Versorgungslage.

Aus Sicht der Opfer zumindest (die RAF hat 33 Menschen getötet) ist "linker Terror" oder "rechter Terror" übrigens wie Jacke und Hose. Andreas Baader, einer der Gründer der RAF, fuhr vorzugsweise schnelle BMW oder Porsche, natürlich ohne Führerschein. Das braune Trio fuhr fast immer Rad und mit dem Auto nie zu schnell. Mancher Nachbar hielt sie für Grüne. Gutverdienende Grüne natürlich. Sie könne sich nicht vorstellen, auf jeden Cent achten zu müssen, soll Lisa gesagt haben. Manchmal kaufte sie für Heide K. groß ein und zahlte alles selbst - bar. Sie konnte sehr spendabel sein.

Über Politik, sagt Heike K. habe sie nur einmal mit der Lisa gesprochen. Im Fernsehen sei ein Film über rechte Krawallos gelaufen und ihr Sohn habe aus Spaß gesagt: "Und ich war nicht dabei." Da sei die Lisa ernst geworden: "Lass die Finger davon", soll sie gesagt haben. "Das bringt nur Unglück." Sie wisse, wovon sie rede, denn sie habe selbst "schon mal mit einem halben Bein im Knast" gestanden. Heike K. hat nicht nachgefragt.

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SZ vom 20.02.2012/mkoh
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