bedeckt München 18°
vgwortpixel

100 Jahre Frieden von Versailles:"Für die Franzosen waren die Deutschen Verbrecher"

Frieden von Versailles 1919

Vertragsunterzeichnung im Spiegelsaal von Versailles: Wo die Kriegsversehrten als Mahnung für die deutsche Delegation platziert wurden, ist auf dem Foto nicht zu erkennen.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Mit dem Versailler Vertrag zerstoben die Hoffnungen der deutschen Demokraten auf einen milden Frieden. Historiker Gerd Krumeich über eine erniedrigende Inszenierung, linke Illusionen und das Trauma der deutschen Niederlage.

Am 28. Juni 1919 wurde der Versailler Friedensvertrag unterzeichnet. Damit endete formell der Erste Weltkrieg. In Deutschland hatte man sich nach dem Sturz des Kaiserreichs im November 1918 Hoffnungen auf mildere Friedensbedingungen gemacht. Doch die Realität sah anders aus. Den Deutschen wurden harte Reparationen auferlegt - und sie mussten die Schuld für den Krieg auf sich nehmen. Historiker Gerd Krumeich erläutert, welche Demütigungen die Deutschen beim Friedensschluss hinnehmen mussten, wie Versailles den Verlauf der Weimarer Republik belastete und warum man auch auch heute noch auf die Verlierer einer Situation besonderes Augenmerk richten sollte.

Krumeich gilt als einer der führenden deutschen Weltkriegsexperten. Zuletzt hat er ein Buch über die Folgen des Kriegsendes in Deutschland veröffentlicht (Die unbewältigte Niederlage, Herder-Verlag, München 2018).

SZ: Herr Krumeich, wie lief die Unterzeichnung des Friedensvertrages im Schloss von Versailles vor 100 Jahren ab?

Gerd Krumeich: Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs hatten sich eine spezielle Inszenierung ausgedacht. Im Spiegelsaal von Versailles, dort wo Bismarck 1871 das Kaiserreich ausgerufen hatte, wurde der Delegation aus Berlin ein lebendiger "Beweis" für die deutschen Menschheitsverbrechen vor Augen geführt. Vor den deutschen Abgesandten wurde eine Gruppe von fünf Gueules cassées platziert, also Soldaten mit schweren Gesichtsverwundungen. Einem fehlte die Nase, einem anderen das halbe Kinn, einer hatte eine Binde überm Auge. Das war offensichtlich so traumatisierend, dass kein beteiligter Deutscher in seinen Memoiren oder Berichten über Versailles in einem Wort darauf eingegangen ist. Auf den üblichen Bildern von der Vertragsunterzeichnung ist diese Szene nicht zu sehen. Deshalb ist die Geschichte auch völlig verschüttet gewesen. Erst vor etwa zehn Jahren hat der französische Historiker Stéphane Audoin-Rouzeau eine Postkarte entdeckt, auf der die Gueules cassées zu sehen sind, und das öffentlich gemacht.

Diese Szenerie stand ja in einer ganzen Reihe von Demütigungen, denen die deutschen Kriegsverlierer ausgesetzt waren.

So ist es. Die erste große Demütigung war, dass die Deutschen nicht zu den Friedensverhandlungen eingeladen wurden. Dann stellte die Verantwortlichkeitskommission im März 1919 in ihrem Bericht fest: Die Deutschen haben diesen Krieg geplant und brutalst durchgeführt. Dafür müssen sie bestraft werden. Drittens reisten die Deutschen Mitte April nach Versailles. Auf dem Weg dorthin wurden sie übrigens, wie der Journalist Victor Schiff so anschaulich berichtet hat, langsam durch das verwüstete Gebiet gefahren mit ihrem Zug. Die deutschen Delegierten konnten das kaum aushalten und weinten - so hatte sich keiner von denen den Krieg vorgestellt. In Versailles angekommen, wurden sie in ihrem Hotel eingesperrt wie Verbrecher. Sie durften nur in schriftlicher Form mit den Siegern verkehren. Und so ging es weiter, bis hin zur Übergabe der Friedensbedingungen, bis hin zur Unterzeichnung des Vertrags.

Geschichte "In Weimar entstand die wohl liberalste Verfassung ihrer Zeit"
Historiker Robert Gerwarth

"In Weimar entstand die wohl liberalste Verfassung ihrer Zeit"

Robert Gerwarth erklärt, warum 1919 die meisten Deutschen die neue Republik als positiv begrüßten - und warum er nicht glaubt, dass es heute eine Radikalisierung gibt wie in den Jahren vor Hitlers Machtergreifung.   Interview von Oliver Das Gupta

Dabei hatte sich die neue demokratische Regierung in Berlin nach dem Sturz des Kaiserreichs ganz anderes erhofft - nämlich mildere Friedensbedingungen. Woher rührte diese Erwartung?

US-Präsident Woodrow Wilson hatte Anfang Oktober 1918 in einem Briefwechsel gesagt, er verhandle überhaupt nur mit einer demokratisch gewählten Regierung. Mit den alten Gewalten könne es nur Kapitulation geben. In Deutschland war diese Aussage auch eines der großen Motive für die Demokratisierung der Reichsverfassung. Deshalb erwarteten die Deutschen, nun auch vernünftige Friedensbedingungen zu bekommen - und mussten schließlich erkennen, dass das absolut nicht der Fall war. Sie fühlten sich betrogen.

Der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner ging in seiner Distanzierung von der alten Reichsführung sogar so weit, explizit die alleinige Kriegsschuld Deutschlands einzuräumen. Genau dieses Bekenntnis wurde dann aber von den alliierten Mächten als Beweis gegen Deutschland gewendet. Geradezu tragisch, oder?

Max Weber hat es als "Narretei" bezeichnet. Weber hat aufgrund der Eisnerschen Veröffentlichungen in der Frankfurter Zeitung im Januar 1919 einen sehr berühmten Artikel geschrieben über Schuld und Krieg. Da klagt er über diese banausischen Narren, die sich das so vorgestellt haben.

Aber war es denn völlig abwegig, dass sich das revolutionäre Deutschland bessere Friedensbedingungen erhoffte?

Man kann viel erhoffen. Doch die deutsche Zivilbevölkerung, auf deren Gebiet der Krieg ja nicht stattgefunden hatte, für die die Front letztlich sehr fern war, konnte sich einfach nicht vorstellen, was der Krieg in Frankreich angerichtet hatte. 13 Departements waren nahezu zerstört und 500 000 Häuser. Der ganze Norden Frankreichs war kaputt. Die Franzosen verlangten, dass Deutschland zahlen muss, auch weil sie Geld brauchten. Die Franzosen waren hochverschuldet bei den Amerikanern; Briten und Deutsche waren im Übrigen auch aufs Äußerste verschuldet. Dazu kam natürlich der über vier Jahre ungeheuer propagandistisch aufgestachelte Zorn auf den deutschen Aggressor, auf den Boche, den Barbaren. Für die Franzosen waren die Deutschen Verbrecher, weil sie 1914 den Krieg angefangen hatten.

Ging es bei der Frage der Kriegsschuld nicht vor allem um die Rechtfertigung der massiven Reparationsforderungen? Haben die Deutschen dem Vorwurf erst selbst so hohe Bedeutung verliehen, indem sie so darauf herumritten?

Die Deutschen spitzten es tatsächlich auf diese Frage zu, aber sie waren damit nicht alleine: Wer hat Schuld am Weltkrieg - diese Frage stand im Zentrum des Interesses aller Länder. Das hat damals natürlich sehr viel geheißen. Da waren, wie Clemenceau am 17. Juni 1919 sagte, sieben Millionen Tote - man wusste ja damals nicht, dass es noch sehr viel mehr waren. Das Blut von sieben Millionen Toten, so Clemenceau, "düngt den Boden Europas" und die Deutschen sollten alleine daran schuld sein. Wie konnte man mit diesem Vorwurf leben? Wo die Deutschen doch bisher dachten, sie hätten einen Verteidigungskrieg geführt.

Geschichte Der Weg in die Hölle hat erst begonnen
Folgen des Ersten Weltkriegs

Der Weg in die Hölle hat erst begonnen

Der Krieg hinterlässt 1918 eine neue Welt, doch friedlicher ist sie nicht. In Deutschland untergraben Republikfeinde die junge Demokratie - denn der alte Machtapparat blieb von der Revolution unangetastet.   Von Robert Probst

Hätten die Deutschen den Versailler Vertrag auch einfach nicht unterschreiben können?

Wer will's wissen? Der deutsche Reichsministerpräsident Philipp Scheidemann hielt den Vertrag für unannehmbar - und trat zurück. Auch Max Weber riet als Sachverständiger der deutschen Delegation dazu, nicht zu unterschreiben. Ob der Krieg dann tatsächlich wiederaufgenommen worden wäre? Kenner der Materie in Frankreich bezweifeln das. Sie sind der Ansicht: Die französischen Frontsoldaten wären auf keinen Fall mehr marschiert.

Die empfundene Schmach und die harten Bedingungen des Versailler Vertrags befeuerten in Deutschland die Debatte darüber, ob nicht die Revolution verantwortlich sei für diese extreme Niederlage, die sogenannte Dolchstoßlegende entstand. Sie sehen darin einen realen Kern - das müssen Sie erklären.

Der Gedanke, dass Deutschland noch hätte siegen können und nur von kommunistischen Juden oder jüdischen Kommunisten in der Heimat daran gehindert worden sei - das ist die Dolchstoßlegende, wie die Nazis sie propagiert haben. Und die verbreitete nach Versailles ihre ganz zerstörerische Kraft. Doch der Punkt für die meisten Zeitgenossen war nicht die Frage: Hätten wir noch siegen können? Der Krieg war verloren, das wussten sogar die verantwortlichen Militärs. Es ging um die Frage: Hätten wir einen milderen Frieden bekommen können?

Und das war nach der Revolution nicht mehr möglich?

Sehen Sie, noch am 30. Oktober 1918 sagte der alliierte Oberkommandierende, Marschall Ferdinand Foch, im Alliierten Rat, man dürfe den Deutschen nicht zu schwere Bedingungen stellen, sonst könnte sie das dazu bewegen, noch einmal zu kämpfen. Die Deutschen standen da noch in Nordfrankreich und Belgien. Nicht nur die deutschen, auch die französischen und die britischen Soldaten wollten angesichts eines offenbar bevorstehenden Friedens nicht mehr kämpfen, das ist ganz klar. Keiner wollte mehr sterben zu dem Zeitpunkt. Doch am 8. November vormittags - die Revolutionäre hatten in München bereits die Macht übernommen und die Revolution in Berlin war in vollem Gange - sagte Foch in Compiègne zum deutschen Verhandlungsführer Matthias Erzberger sinngemäß: "Sie haben nichts mehr zu verhandeln." Das war der riesige Unterschied. Noch "im Feindesland stehend", wie es damals hieß, hätte man womöglich bessere Friedensbedingungen erzielen können als nach einer Kapitulation.