Vatikan:Papst Franziskus nahm dem Amt die klerikale, sakrale Schärfe

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Natürlich ziemt es sich nicht, diese Zahlen wie TV-Einschaltquoten zu behandeln. Doch genau das tun die beiden Lager, die Pro- und die Anti-Bergoglio. Unlängst tönte es aus der unliebsamen Ecke, Franziskus sei ein "Flop", das zeigten die Präsenzzahlen. Worauf dem Papst wohlgesinnte Kreise über "Fake News" schimpften und die Statistiken publizierten.

Der Vatikanexperte von La Stampa, Andrea Tornielli, der auch den bekannten Blog "Vatican Insider" betreut, sagt es so: "Es gibt kleine Gruppen, die Franziskus im Netz hart angreifen." Und da sie das Spiel der sozialen Medien beherrschen, werde ihre Macht heillos überschätzt. "Auf meinen Reisen durch Italien", sagt Tornielli, "spüre ich eine große Nähe zu diesem Papst." Die Massen auf der Piazza seien nicht mehr ganz so groß wie zu Beginn des Pontifikats. "Aber das ist doch normal." Normal - das ist ein gutes Stichwort. Jorge Mario Bergoglio kommt gut an, weil er normal wirkt, weil er redet, wie Menschen eben reden, auch mal gerade raus.

Und weil er dem Amt mit seinem Stil die klerikale, sakrale Schärfe nahm. Franziskus schert sich nicht ums Protokoll. Er will auch mal eine Pizza essen gehen, einfach raus aus den vatikanischen Gemäuern. Das stresst dann seinen Sicherheitsdienst, die Römer aber finden das ganz sympathisch. Sein deutscher Vorgänger war ein respektierter Mann, weil er gebildet war, ein feiner Geist. Doch mehr war nicht mit den Römern. Auch Johannes Paul II., der erste Popstar der Kirche, war irgendwie entrückter als Franziskus, obschon er sehr populär war. Der Pole schwebte über allem. Er gab zum Beispiel nie Interviews, sein Wort war rar.

Bergoglio dagegen gibt ständig Interviews. Er sei ein "chiacchierone", sagen die Römer, eine Plaudertasche. Das passt gut, die Römer sind selbst ein Volk von "chiacchieroni". Er klagt über die Stadt, wie sie es tun - abzüglich Blasphemie. Als Franziskus am 8. Dezember zum Fest des Unbefleckten Empfängnis bei der Spanischen Treppe vorbeischaute, wie das Päpste immer tun, klagte er so eindringlich über die Dekadenz Roms, dass man hätte meinen können, es rede die politische Opposition. "Viva il Papa!", tönte es aus dem Publikum. Dann fuhr er wieder weg in seinem grauen Ford Focus, dem fahrenden Understatement.

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