USA und Zentralasien:Jenseits von Afghanistan

USA und Zentralasien: Abziehen, aber nahe bleiben? So wie in Camp Anthonic übergeben US-Truppen nach und nach Lager dem afghanischen Militär. Es gibt Indizien, dass die USA nun Stützpunkte in den zentralasiatischen Nachbarstaaten suchen.

Abziehen, aber nahe bleiben? So wie in Camp Anthonic übergeben US-Truppen nach und nach Lager dem afghanischen Militär. Es gibt Indizien, dass die USA nun Stützpunkte in den zentralasiatischen Nachbarstaaten suchen.

(Foto: AP/AP)

Die USA suchen für die Zeit nach dem Abzug vom Hindukusch eine Bleibe in der Nähe. Zentralasien käme für eine Militärbasis infrage - wäre aber gleichzeitig riskant.

Von Frank Nienhuysen, München

Es gibt sie schon: kleine Zeremonien des Abzugs, wie Anfang Mai in Helmand, als die Stars and Stripes in Camp Anthonic vom Fahnenmast gezogen wurde. Die USA verlassen also Afghanistan. Aber verlassen sie auch die Region? Das Wall Street Journal berichtete, dass US-Kommandeure bereits nach Möglichkeiten für Militärbasen außerhalb Afghanistans suchen, Stützpunkte zur Stationierung von Truppen, Drohnen, Artillerie, mit denen die USA der afghanischen Regierung in der Not zur Seite springen könnten gegen "die Taliban und andere Extremisten". Was liegt näher, als dass dabei jene Staaten eine besondere Rolle spielen, die direkt an Afghanistan grenzen: vor allem Usbekistan und Tadschikistan. Zwei Länder, die dem WSJ zufolge Zalmay Khalilzad neulich aufgesucht hat, der Sonderbeauftragte der USA für Afghanistan.

Auch Kirgisistan gilt in Zentralasien offenbar als denkbares Gastgeberland, und es wäre nicht einmal ein geostrategisches Novum. Im gebirgigen Kirgisistan hatten die Amerikaner schon einmal einen Stützpunkt. Vom Bischkeker Flughafen Manas aus versorgten die USA von 2002 bis 2014 ihre Soldaten in Afghanistan. In Usbekistan gab es die US-Basis in Chonobod, auch das tadschikische Kulob nutzten die US-Streitkräfte sowie französische Einheiten für eine kurze Zeit. Für deutsche Soldaten wiederum war viele Jahre lang der usbekische Stützpunkt Termes eine Heimat in der Fremde.

Militärbasen direkt jenseits der afghanischen Grenze wären für die USA die praktischste Variante, um nach dem Abzug im September mit einem Sicherheitskontingent in der Nähe zu bleiben. Washington dürfte sich in dem Fall finanziell äußerst großzügig zeigen gegenüber den klammen zentralasiatischen Staaten, die zudem akut unter den Folgen der Pandemie leiden. Kirgisistans Parlament ließ in der vergangenen Woche sogar seinen Ärger darüber durchschimmern, dass sich im April in Kirgisistans blutigem Grenzstreit mit Tadschikistan die von Russland dominierte "Organisation des Vertrags der Kollektiven Sicherheit" sehr zurückhaltend verhielt. Dagegen bot das US-Außenministerium den zentralasiatischen Staaten sofort seine Hilfe an. Und Kasachstan pflegt sowieso Kontakte zur Nato. Wären die USA also willkommen?

Es wäre jedenfalls riskant. Zentralasien ist ein politisches Minenfeld, Afghanistan ohnehin, aber auch die ehemaligen Sowjetrepubliken Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan, Kasachstan, Turkmenistan. Denn um Einfluss in der Region ringen auch Russland und China, seit Jahren Amerikas politische Rivalen. "Die USA spielen das große Spiel gegen Russland und China", schrieb vergangene Woche die russische Zeitung Nesawissimaja Gasjeta über eine mögliche Rückkehr von GIs.

Moskau hatte nach den 9/11-Terroranschlägen die US-Militärstützpunkte in Zentralasien mitgetragen. Doch das änderte sich, als nach Massenprotesten in Georgien und der Ukraine auch die kirgisische Bevölkerung gegen ihre Führung aufstand, die beste Verbindungen zu Moskau hatte. Russland misstraute der US-Präsenz in Zentralasien. Und es trug erheblich dazu bei, dass Kirgisistan den Stationierungsvertrag nicht verlängerte und die US-Soldaten das Land verlassen mussten. Aus Usbekistan mussten sie schon 2005 gehen.

Auch China verstärkt seinen Einfluss in der Region

Andererseits legen die fünf Staaten großen Wert auf ihre Unabhängigkeit und versuchen ihren Spielraum für eine außenpolitische Balance zu nutzen. Usbekistan etwa, das bis zur brutalen Niederschlagung des Andischan-Aufstandes 2005 und der massiven Kritik aus Washington den USA überaus freundlich verbunden war, zeigt sich seit dem Tod des Diktators Islam Karimow wieder deutlich offener gegenüber dem Westen. Vor allem gegenüber westlichen Investitionen. Für Kasachstan gilt das ohnehin. Außerdem sind alle Staaten der Region besorgt darüber, dass der US-Rückzug aus Afghanistan die Sicherheitslage in Bezug auf islamische Extremisten beeinträchtigen könnte.

Russland aber empfindet Zentralasien als sein selbstverständliches Interessengebiet und muss schon mit ansehen, wie China dort deutlich seine Spuren legt. Die Region liegt mitten auf der neuen Seidenstraße und gilt für Peking als Tor Richtung Europa. China kauft dort nicht nur viel Gas ein, Öl und Metalle, weil die eigenen Vorräte nicht reichen. Es investiert massiv in die Infrastruktur, treibt gerade eine Zugstrecke von Lanzhou über Kirgisistan bis in die usbekische Hauptstadt Taschkent voran, baut den kasachischen Grenzort Khorgos zu einer modernen Stadt aus. Derart sichtbar ist der Einfluss Chinas vor allem in der Hauptstadt Nursultan, dass die kasachische Führung nur mit Mühe gegen ein anti-chinesisches Misstrauen der Bevölkerung ankämpfen kann. Denn die Regierung ist sehr an den engen Banden zu Peking interessiert.

"Die zentralasiatischen Staaten wollen ihren eigenen Kuchen, und sie wollen ihn auch essen", sagte Paul Stronski, Russland- und Zentralasien-Experte bei Carnegie, dem Wall Street Journal. Umso mehr ist Russland daran gelegen, dass außer China nicht auch noch die USA an Einfluss in der Region gewinnen, von dem Russland in den vergangenen Jahren ohnehin verloren hat - bis hin zur schleichenden Verdrängung der russischen Sprache.

Die Gerüchte über mögliche neue US-Militärstützpunkte haben deshalb die russische Führung "ernsthaft aufgeschreckt", berichtete die Nesawissimaja und schrieb lakonisch: Russland und China hätten sich so lange eine multipolare Welt gewünscht, bald könnten sie das volle Programm in ihrer eigenen Interessenzone haben. Der Leiter des russischen Auslandsgeheimdienstes, Sergej Naryschkin, sagte nach einem Bericht der Zeitung, dass die US-Regierung nach dem Afghanistan-Abzug nicht die Kontrolle über das Gebiet verlieren wolle und deshalb einen Teil ihrer Ressourcen in Nachbarstaaten verlegen wolle. Er wisse, dass es diese Versuche gebe. Und er warnte die mit Russland verbündeten Staaten, "diesen Weg nicht zu gehen".

Moskau reagierte sofort. Verteidigungsminister Sergej Schoigu reiste in die Hauptstädte von Tadschikistan und Usbekistan, und der tadschikische Dauerherrscher Emomali Rachmon, Moskau seit Jahrzehnten bestens bekannt, sprach darüber bei der Siegesparade am 9. Mai mit Kremlchef Wladimir Putin. Russlands Präsident zeigte sich dabei sehr wohl bewusst, dass der Abzug der USA aus Afghanistan den tadschikischen Nachbarn umtreibt. Und machte sogleich einen Vorschlag, den Tadschiken zu helfen, ohne dass es die USA tun. Putin sprach über den eigenen, russischen Militärstützpunkt in dem zentralasiatischen Land und sagte: "Wir arbeiten daran, dass er ausgebaut wird."

© SZ/bac
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