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Unabhängigkeitstag in den USA:Weltmacht in Trümmern

Die Corona-Epidemie ist außer Kontrolle, die Wirtschaft am Boden, die gesellschaftliche Stimmung historisch schlecht: Amerika zahlt den Preis für Trumps Präsidentschaft.

Von Alan Cassidy, Washington

Am 4. Juli begehen die Amerikaner den Independence Day, den 244. Unabhängigkeitstag ihrer Geschichte. Donald Trump wird vom Rasen des Weißen Hauses aus zuschauen, wie die von ihm bestellten Kampfjets über seinen Kopf donnern. Danach wird der Präsident das traditionelle Feuerwerk beklatschen, laut seinem Innenminister "das größte der jüngeren Geschichte". Doch historisch bedeutsam ist in diesen Tagen nicht die Anzahl der Raketen am Nachthimmel von Washington. Bedeutsam ist das Ausmaß der Unzufriedenheit, Wut und Angst, die sich im ganzen Land breitmachen. Zu feiern gibt es an diesem 4. Juli nichts. Nicht für die Vereinigten Staaten - und nicht für Trump.

Das Coronavirus ist außer Kontrolle geraten. Erstmals seit Beginn der Pandemie verzeichneten die USA zuletzt mehr als 55 000 Neuinfektionen pro Tag. In 36 von 50 Bundesstaaten steigt die Zahl der neuen Fälle an, alleine in Florida waren es diese Woche mehr als 10 000 Infektionen pro Tag. 130 000 Menschen sind an den Folgen des Virus bereits gestorben. Eine Reihe von Bundesstaaten musste deshalb die Lockerung von Corona-Einschränkungen zurücknehmen. Selbst in Texas, wo viele Menschen in jeder neuen Verkehrsregel einen Schritt in die Knechtschaft sehen, hat der Gouverneur nun eine Maskenpflicht angeordnet.

Die Schneise der Zerstörung, die das Virus durch die größte Volkswirtschaft der Welt zieht, ist breit. Zwar sank die Arbeitslosigkeit von 13,3 Prozent im Mai auf 11,1 Prozent im Juni. Doch erhoben wurden diese Zahlen just wenige Tage vor dem drastischen Anstieg der Corona-Fälle. Viele Amerikaner werden ohnehin erst in diesem Sommer richtig spüren, was die Wirtschaftskrise für sie bedeutet. Die im Frühling beschlossenen Zuschüsse zum Arbeitslosengeld sind bis Ende Juli befristet. Bereits am 1. Juli liefen vielerorts Räumungsstopps aus, die Mieter davor schützten, bei verpasster Mietzahlung auf die Straße gesetzt zu werden. Noch mehr Amerikaner drohen obdachlos zu werden.

Trump träumt von einem fulminanten Comeback der Konjunktur im dritten Quartal - doch solange sich das Virus weiter ausbreitet, ist es wahrscheinlicher, dass sich die ökonomische und soziale Krise verschärft. Was dies langfristig für die US-Wirtschaft bedeutet, was es mit der Rolle Amerikas in der Welt macht, das lässt sich zurzeit nur erahnen. Ziemlich klar ist dagegen, wie die Misere den Blick der Amerikaner auf ihr Land verändert. Nach einer Umfrage des Pew-Instituts sind fast neun von zehn Amerikanern unzufrieden mit dem Zustand der USA. 71 Prozent sind wütend, 66 Prozent haben Angst. Gerade mal 17 Prozent sind noch stolz auf ihr Land. Happy 4th of July.

Für einen Präsidenten sind solche Zahlen verheerend. Es ist nicht nur seine Bewältigung der Pandemie, welche die Wähler im Herbst beurteilen werden, sondern auch die Art und Weise, wie er sich zu den Anti-Rassismus-Protesten verhält. Am gleichen Wochenende, an dem der erzkonservative Bundesstaat Mississippi seine mit einem Konföderierten-Kreuz versehene Flagge abschaffte, twitterte Trump ein Video mit rassistischen Parolen. Das mag 2016 funktioniert haben, 2020 sind die USA ein anderes Land.

Die Umfragen zeigen denn auch ein deutliches Bild: Donald Trump fällt exakt vier Monate vor dem Wahltag hinter seinen demokratischen Herausforderer Joe Biden zurück. Durchschnittlich zehn Prozentpunkte beträgt der Abstand auf nationaler Ebene. Auch in den wenigen Bundesstaaten, die für den Ausgang der Wahl entscheidend sind, ist Trumps Rückstand beträchtlich. Viele Kommentatoren haben ihre Zurückhaltung abgelegt, die Erinnerung an 2016, als alle schon Hillary Clinton zur Siegerin ausgerufen hatten, scheint verdrängt. Stattdessen macht sich strahlende Gewissheit breit: "Trumps Präsidentschaft ist am Ende", erklärte Robert Reich, der frühere Arbeitsminister von Bill Clinton. Der Guardian ätzte: "Trump wirkte noch nie so erbärmlich. Ein Geruch der Niederlage umweht ihn." Und die New York Times setzte nur noch pro forma ein Fragezeichen, als sie titelte: "Ist Trump erledigt?"

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Es sind aber nicht mehr nur die üblichen Trump-Gegner, die das so sehen. Auch in konservativen Kreisen klingt es zunehmend ähnlich. Anonyme Mitarbeiter geben gegenüber Journalisten zu Protokoll, der Präsident sei "verzweifelt" und "deprimiert" über seine Aussichten. Laut New York Times sollen Trumps Vertraute ihn gedrängt haben, den Wahlkampf ganz neu auszurichten, um eine Niederlage abzuwenden. Die Republikaner fürchten inzwischen sogar um ihre Mehrheit im Senat, falls die Wähler Trump abstrafen.

Noch bleibt Trump Zeit, das Blatt zu wenden. Doch wenn sich nicht etwas Dramatisches ändert, werden viele Amerikaner am 3. November einen neuen Independence Day feiern: die Befreiung von Trump.

© SZ vom 04.07.2020/bix

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