USA: Sarah Palin:Stolz darauf, nichts zu kapieren

Lesezeit: 4 min

Sarah Palin wird niemals US-Präsidentin - sie ist nicht einmal zur Praktikantin geeignet. Dennoch ist sie eine Gefahr für die amerikanische Demokratie. Eine gute und eine schlechte Nachricht für alle Europäer, die Angst vor ihr haben.

John Hulsman

John Hulsman, 41, Mitglied des Council on Foreign Relations in Washington ist Senior Research Fellow am Centre for Strategic Studies in Den Haag.

Sarah Palin

Selbstgenügsam, kess, zungenfertig, simpel, offen religiös, gierig und oberflächlich - der Alptraum jedes Europäers: Sarah Palin

(Foto: AP)

Vor kurzem hatte ich ein Erlebnis, allerdings nicht zum ersten Mal. Ich saß in einem gemütlichen Kaffeehaus, zusammen mit ein paar intelligenten und wohlmeinenden Europäern. Nachdem die Höflichkeiten ausgetauscht waren, sagten sie sehr unverblümt, also sehr uneuropäisch: "Was Sarah Palin betrifft - haben die Amerikaner jetzt völlig den Verstand verloren?"

Ich will es erklären. Ich verstehe vollkommen, dass Sarah Palin all das verkörpert, was Europäer verachten. Sie ist selbstgenügsam, kess, zungenfertig, simpel, offen religiös, gierig und oberflächlich. Wenn Europäer einen schlechten Tag haben, dann finden sie: Palin ist genau das, was aus Amerika geworden ist. Und nun sorgen sie sich, die Frau könnte irgendwie zur Präsidentin des mächtigsten Landes der Welt gewählt werden.

Zuerst die gute Nachricht...

Jeder darf durchatmen, sämtliche Meinungsumfragen kommen zu dem Schluss: Sie wird niemals Präsidentin sein. Ein Viertel bis ein Drittel der konservativen Basis der Republikaner bewundert sie fanatisch, aber zwei Drittel der Amerikaner sind der Ansicht, dass sie die Fähigkeiten dazu nicht hat. Sogar eine Mehrheit der Tea-Party-Bewegung - ihre natürliche Wählerschaft eigentlich - denkt, dass sie das Weiße Haus nicht besetzen sollte. Anders gesagt, viele Menschen mögen Sarah Palin, aber sie soll weiß Gott nicht in die Nähe der Atom-Codes.

Etwas Schlimmeres für Palin kommt hinzu: Sie löst ebenso viel Hass wie Liebe aus. Ihre Negativwerte (das heißt die Zahl der Wähler, die unter keinen Umständen für sie stimmen würden) sind mit Abstand die höchsten unter allen möglichen Präsidentschaftskandidaten; im Vergleich zu ihnen sind die Negativwerte des gegenwärtigen Präsidenten winzig.

Sicher ist Palin eine aussichtsreiche, furchteinflößende Kandidatin für die Vorwahlen der Republikaner - und imstande, frühe Abstimmungen in konservativen Gegenden wie Iowa und South Carolina zu gewinnen. Die endgültige Nominierung aber könnte sie nur gegen ein schwaches Konkurrentenfeld gewinnen. Und selbst dies würde keine Welle für sie bedeuten. Sie wäre lediglich das Vorspiel für einen Triumph von Präsident Obama im Ausmaß von Reagans Sieg 1984 gegen Mondale oder von Nixon 1972 gegen McGovern. Sarah Palin kann die Republikanische Partei zerstören, indem sie antritt - aber sie kann nicht die Präsidentenwahl gewinnen.

Wenn man ihre schüchternen Statements dazu hört, darf man vermuten: Sie weiß das. Deshalb ist es wahrscheinlicher, dass sie sich dazu entschließt, Maklerin der Macht zu sein. Die Patin der Rechten will sie sein, deren Segen jeder Kandidat brauchen wird. Sollten ihre Wünsche und Personalvorstellungen nicht übernommen werden, wird sie einen gemäßigten Republikaner von rechts sabotieren. Dies wird die Partei dazu verdammen, in der Außenpolitik neokonservativ und in der Innenpolitik nicht wahrnehmbar zu sein.

Das ist schon beängstigend genug. Und nun die schlechte Nachricht...

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB