USA Nur gegen Trump zu sein, hilft nicht weiter

Hunderttausende Frauen und Männer demonstrierten am Samstag in Washington gegen Trump und seine Politik.

(Foto: Bryan Woolston/Reuters)

In Washington können so viele Menschen demonstrieren, wie sie wollen. Solange die Demokraten nicht wieder Wahlen gewinnen, werden Trump und Gleichgesinnte an der Regierung bleiben.

Kommentar von Hubert Wetzel

Zahlen waren an diesem Wochenende sehr wichtig in Washington. Und jeder hatte seine eigenen. Donald Trump will bei seiner Vereidigung am Freitag vom Kapitol aus "eine bis eineinhalb Millionen Menschen" gesehen haben, die ihm zujubelten. Andere Zählungen kamen zu einem etwas bescheideneren Ergebnis von 200 000 bis 250 000 Besuchern.

Das waren deutlich weniger Zuschauer als einst bei Barack Obamas Vereidigungsfeiern; und ebenfalls deutlich weniger als bei dem Protestmarsch am Samstag, zu dem gut eine halbe Million Menschen nach Washington kamen. Für Trump, den egomanischen Fernsehmann, der nur in Einschaltquoten denkt, war das eine Demütigung. Und die weinerliche Aggressivität, mit der er antwortete, zeigte, dass er die Wahrheit kannte, auch wenn er sich alle Mühe gab, sie zu leugnen.

Trump hätte viel souveräner reagieren können. Das ist ja oft der Fall, aber es liegt einfach nicht in seinem Charakter. Denn in Wahrheit sagen die Zahlen wenig aus.

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Natürlich kommen in Washington mehr Menschen zusammen, um gegen den Republikaner Trump zu protestieren, als um ihn zu feiern. Die Stadt und ihr Umland sind liberale bis linke Bastionen der Demokratischen Partei. Mehr als 90 Prozent der Wähler in Washington haben im November für Hillary Clinton gestimmt, keine fünf Prozent für Trump. Vielleicht mussten einige Trump-Anhänger, die gerne nach Washington gefahren wären, am Freitag arbeiten, während die Trump-Gegner am Samstag freihatten. Es gibt für Trump also eigentlich keinen Grund, beleidigt zu sein.

Die Demokratische Partei verliert seit Jahren konstant an Einfluss

Für die selbstzufriedene Häme, mit der Trumps Gegner auf die Größe der Proteste hinweisen, gibt es freilich ebenso wenig Grund. Die Demonstrationen haben nur das belegt, was man ohnehin schon wusste: Es gibt sehr viele Amerikaner, die Donald Trump nicht mögen. Wäre es anders, hätte Clinton nicht fast drei Millionen Stimmen mehr als ihr Gegner bekommen. Aber auch das ändert eben nichts an der Tatsache, dass Donald Trump in den richtigen Bundesstaaten gewonnen hat und deswegen Präsident ist.

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Und Trump ist nicht zufällig Präsident geworden. Clintons Niederlage mag knapp gewesen sein, aber sie war beileibe nicht nur ein Betriebsunfall. Die Demokraten verlieren seit Langem im ganzen Land dramatisch an politischer Macht - in den acht Jahren, in denen Obama Präsident war, haben sie mehr als 1000 Mandate in den Parlamenten der Bundesstaaten und in Washington eingebüßt. Obama und Hillary Clinton - für die Partei war das ein desaströses Führungsduo. Trumps Einzug ins Weiße Haus war insofern nur der logische Abschluss einer langen Entwicklung. Solange die Demokraten diesen Niedergang nicht stoppen, können auf der National Mall beliebig viele Menschen mit rosa Strickmützen herummarschieren. Politisch wird sich erst etwas ändern, wenn die Demokraten wieder Wahlen gewinnen.

Und das wird nicht einfach. Im Moment reden sich die Demokraten lieber ein, russische Geheimdienstler und der hinterhältige FBI-Chef hätten Clinton den Sieg gekostet. Doch das verkennt die tieferen Gründe der Niederlage. Wahlsiege werden den Demokraten nur gelingen, wenn sie Trump und dessen Republikanern Wähler wegnehmen. Dazu brauchen sie Kandidaten, die mit diesen Wählern reden können, die diese Wähler ernst nehmen und respektieren, auch wenn sie in den feineren demokratischen Kreisen als "deplorables" und "white trash" gelten. Herablassung und Verachtung sind im Kampf gegen Populisten jedenfalls kein probates Mittel. Zu glauben, irgendein weißer Arbeiter aus Ohio werde beim nächsten Mal demokratisch wählen, weil die Sängerin Madonna bei einer Demonstration in Washington "Fuck" gerufen hat, ist absurd.

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