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Republikaner im US-Wahlkampf:Fremd im eigenen Land

Scott Walker, Donald Trump

Beharken sich viel untereinander: Die Republikaner Scott Walker (l.) und Donald Trump.

(Foto: AFP)

In den USA hat der Wahlkampf begonnen, aber die Republikaner kämpfen vor allem mit sich selbst. Chancenlos sind sie deswegen keinesfalls.

Von Nicolas Richter, Washington

Nach der Niederlage ihres Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney im Jahr 2012 haben Amerikas Konservative etwas getan, das ihnen sonst eher fremd ist: Sie haben sich selbst infrage gestellt. Die Parteispitze der Republikaner studierte ihre Wirkung auf Amerikas Wähler und kam zu dem Ergebnis, dass sie wie ein Club "spießiger alter Männer" wirke, "abschreckend", "borniert", "wirklichkeitsfremd".

Die Wähler glaubten, hieß es in der Selbstdiagnose, dass sie den Republikanern schlicht egal seien und dass besonders die jüngeren Wähler nur noch die Augen verdrehten ob der rechten Ideen. Wenn sich die Partei nicht grundlegend ändere, so das Fazit, werde es ihr schwerfallen, eine landesweite Abstimmung zu gewinnen.

Amerika ändert sich schnell und pausenlos

In 15 Monaten nun wählen die USA ihr nächstes Staatsoberhaupt, eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger für den Demokraten Barack Obama, der nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten darf. Vermutlich entscheidet diese Wahl weniger über die Zukunft des Landes als über die der Republikanischen Partei: Amerika ändert sich schnell und pausenlos; offen ist nur, ob die Republikaner den Wandel mitgestalten oder ihn bloß, wie seit Beginn der Obama-Jahre, zornig kommentieren.

Das alte, weiße Amerika, das die Republikaner verkörpern, ist fixiert auf äußere Gefahren, auf Erzfeinde wie Iran und Kuba, auf Ausländer, die illegal eingewandert sind. Dieses Amerika zeigt wenig Toleranz, etwa für Homosexuelle, und wenig Mitgefühl, etwa mit Armen und Benachteiligten. Es hält Umweltschutz für überflüssig bis gefährlich. Das neue, bunte Amerika, für das Obama steht, befürwortet dagegen eine pragmatische Außenpolitik, die eine Versöhnung ermöglicht mit alten Feinden. Dieses Amerika ist weniger gläubig, offen für Homo-Ehe und Gleichberechtigung, sieht Ungleichheit und Klimawandel als echte Probleme dieser Zeit.

Weiße stellen 63 Prozent der Bevölkerung

Es gibt mehrere Gründe dafür, dass die Republikaner sich fremd vorkommen im eigenen Land. Ein Grund ist schlicht demografisch: Heute stellen die "non-hispanic whites", also Weiße, die keine Latinos sind, noch 63 Prozent der Bevölkerung, Mitte des Jahrhunderts nur noch knapp 50 Prozent.

Aber es ändern sich auch die Ansichten: Eine klare Mehrheit befürwortet inzwischen die Homo-Ehe, gegen die viele Republikaner seit Jahren erbittert ankämpfen. Und auch in der Außenpolitik ändern sich die Überzeugungen: Die junge Generation der "Millennials" etwa sieht einer neuen Studie des libertären Cato-Instituts zufolge militärischen Interventionismus deutlich kritischer, als es ältere Amerikaner tun, dies liegt auch am Irak-Krieg 2003 und dessen Folgen.

All dies spricht dafür, dass die Demokratin Hillary Clinton gute Chancen hat, Obama zu beerben. Sie würde dessen Politik im Wesentlichen fortsetzen, seine historische Gesundheitsreform verteidigen, sich für den Klimaschutz, für Frauen und Minderheiten einsetzen, Außenpolitik nicht bloß durch militärische Stärke definieren. Die meisten Ideen Obamas und Clintons sind landesweit mehrheitsfähig.

Clinton bietet viele Angriffsflächen

Die Republikaner aber sind deswegen keineswegs chancenlos. Ihre Forderungen nach Haushaltsdisziplin, Deregulierung und niedrigen Steuern verfangen noch immer, und Clinton bietet ihnen viele Angriffsflächen, weil sie eine alteingesessene Karrierepolitikerin ist, die oft künstlich und zuweilen sogar unehrlich wirkt. Ob sie als Multimillionärin die Existenzängste der US-Mittelschicht begreift, ist tatsächlich zweifelhaft.

Vor allem aber haben etliche republikanische Kandidaten begriffen, dass sich die Partei öffnen muss, dass sie Minderheiten umwerben und das Land einen muss, statt es zu spalten. Manche Lebensläufe erzählen sogar von den neuen, bunteren Zeiten: Ex-Gouverneur Jeb Bush ist mit einer Latina verheiratet, Senator Marco Rubio der Sohn kubanischer Einwanderer, beide möchten illegal eingewanderten Ausländern den Weg zur Staatsbürgerschaft ebnen.

In einem neuen Ton könnte die Lösung liegen

Der libertäre Senator Rand Paul umwirbt Schwarze, die sich von der Polizei gedemütigt fühlen. Und der Gouverneur John Kasich bekennt, er sei zwar altmodisch und gegen die Homo-Ehe, habe aber trotzdem die Hochzeit eines schwulen Freundes besucht. In diesem Ton, der konservative Haltung mit Toleranz und sogar Empathie verbindet, könnte eine Lösung für die republikanischen Probleme liegen.

Allerdings kämpfen die Republikaner mit zwei weiteren Schwierigkeiten. Die erste ist strukturell: In den Vorwahlen ist die streng konservative Parteibasis besonders einflussreich, und wer die interne Abstimmung gewinnen möchte, muss weit nach rechts rücken, was später nachteilig ist in der landesweiten Hauptwahl. Das zweite Problem heißt Donald Trump: Der Kandidat und Geschäftsmann lenkt alle Aufmerksamkeit auf sich. Wie kein anderer Kandidat verkörpert er, was die Republikaner nicht mehr sein wollen: das alte, weiße Amerika, das sich an die immer gleichen Feindbilder klammert.

© SZ vom 08.08.2015/fie
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