USA Das sind die Gewinner und Verlierer der Midterms

In West Virginia siegt der einzige Demokrat, der Brett Kavanaugh an den Supreme Court gewählt hat. In der Bronx verliert ein Republikaner historisch hoch. Und Colorado hat jetzt einen schwulen Gouverneur.

Von Johanna Bruckner, New York

Die Demokraten haben die Mehrheit im Repräsentantenhaus zurückerobert, im Senat bauen die Republikaner ihren Vorsprung deutlich aus: Die Midterms haben Gewinner und Verlierer auf beiden Seiten des politischen Spektrums hervorgebracht. Ein Überblick.

Gewinner

Jared Polis, Demokrat, Colorado

Die Midterms sollten die Wahlen des Wandels werden. Und in vielerlei Hinsicht ist es so gekommen. In Colorado etwa, einem der Mountain States im Westen, wurde Geschichte geschrieben: Mit dem Demokraten Jared Polis wurde zum ersten Mal überhaupt in der amerikanischen Geschichte ein offen schwuler Mann zum Gouverneur gewählt. Sechs Prozentpunkte Vorsprung hatte der 43-Jährige am Ende auf seinen republikanischen Gegner. Und das obwohl - oder gerade weil? - Polis im Wahlkampf offen einen der treuesten Gefolgsmänner von Präsident Donald Trump kritisiert hatte. In Anspielung auf die homophobe Rhetorik von Vizepräsident Mike Pence sagte Polis: Colorado habe bei der Wahl die Möglichkeit, ein Dorn im Auge des Vizepräsidenten zu sein. Pence' Bild von Amerika grenze Menschen aus, die ihn Wahrheit längst zu Amerika gehörten.

Jared Polis

(Foto: dpa)

Ted Cruz, Republikaner, Texas

Ted Cruz war der Hoffnungsträger der Republikaner: Konservativ, in einer Partei der weißen alten Männer vergleichsweise jung, smart und mit einer makellosen Haarwelle gesegnet. 2016 bewarb er sich als republikanischer Präsidentschaftskandidat. Es sollte die Krönung seiner politischen Laufbahn werden - es wurde eine Schmach. Ins Weiße Haus zog Trump ein. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Cruz nun, zwei Jahre später, ausgerechnet gegen einen Mann seinen Senatssitz verteidigt hat, der quasi sein demokratischer Gegenentwurf ist. Minus Gel-Frisur. Beto O'Rourke gilt als uneitel (seine wohldokumentierten Schweißflecken werden von seinen Anhängern als Beleg angeführt, dass sich hier einer abschuftet für die politische Sache) - und als Hoffnungsträger seiner Partei. Cruz dürfte das bekannt vorkommen.

Ted Cruz

(Foto: REUTERS)

Joe Manchin, Demokrat, West Virginia

Kaum ein republikanischer Kandidat traute sich bei diesen Zwischenwahlen, dem Präsidenten allzu laut zu widersprechen. Und sogar mancher demokratische Bewerber pflichtete Trump bei, um seine Chancen zu erhöhen. So wie Joe Manchin, Demokrat aus West Virginia - jenem Staat, in dem Trump 2016 besonders gut abschnitt. Knapp 70 Prozent der Stimmen holte der Republikaner hier, so viel wie in keinem anderen Bundesstaat. Um seinen Senatssitz zu verteidigen, brauchte Manchin also ein kleines Wunder. Oder eine günstige Gelegenheit. Die bot sich, als Trump Unterstützer für eine zunehmend umstrittene Personalie suchte: Brett Kavanaugh, den der US-Präsident unbedingt ins Amt eines Supreme-Court-Richters heben wollte. Am Ende einer unwürdigen politischen Schlammschlacht stimmte Manchin als einziger Demokrat für den umstrittenen Juristen. In Washington sorgte das für Entsetzen, in der Heimat hat es ihm wohl die Wiederwahl gesichert.

Joe Manchin

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Kristi Noem, Republikanerin, South Dakota

Präsidententochter Ivanka Trump hat im vergangenen Jahr ein Buch veröffentlicht, das nach Feminismus klingt. Tatsächlich aber stellt "Women Who Work" klar, dass es selbstverständlich nicht genügt, wenn eine Frau arbeitet. Der Rest der weiblichen Pflichten muss auch erfüllt werden: Küche, Kinder, Körperpflege. Gut möglich, dass Kristi Noem das Buch gelesen hat. Jedenfalls entspricht sie genau dem, was sich Konservative unter einer modernen Frau zwischen Kindern und Karriere vorstellen. Zwischen Tweets, in denen sie Trumps Steuerreform lobt, streut die 46-Jährige Bilder ihrer Kinder. "Warning ... Mom post", ist ein Beitrag betitelt. Dass Noem nun für einen kleinen Meilenstein in der Frauenbewegung sorgt, wirkt da eher zufällig: Sie wurde als erste Frau zur Gouverneurin von South Dakota gewählt.

Kristi Noem

(Foto: AP)

Deb Haaland, Demokratin, Arizona

Auch Deb Haaland hat Geschichte geschrieben: Sie zieht als eine der zwei ersten Vertreterinnen der Native Americans, der Ureinwohner Nordamerikas, in den Kongress ein. Haaland, die künftig für den 1. Distrikt in New Mexico im Repräsentantenhaus sitzt, will sich dafür einsetzen, dass Native Americans mehr Mitspracherechte bekommen, vor allem bei den Themen Gesundheitsvorsorge und Umwelt. Letzteres liegt der 57-Jährigen besonders am Herzen: "Die Zukunft des Planeten hängt davon ab, dass wir jetzt tun, was wir können. Anstatt den Reichsten Steuererleichterungen von 1,5 Billionen Dollar zu geben, hätten wir in Infrastruktur für erneuerbare Energien investieren sollen." Eine Kampfansage an den Klimaskeptiker im Oval Office.

Deb Haaland

(Foto: REUTERS)

Verlierer

Stacey Abrams, Demokratin, Georgia

Für das schwarze Georgia war der Dienstag eine Enttäuschung. Die hochgehandelte Demokratin Stacey Abrams hat wohl knapp gegen den Republikaner Brian Kemp verloren. Sie hätte als erste afroamerikanische Gouverneurin in die Geschichte eingehen können. Ihre Niederlage wollte die 44-Jährige vorerst aber nicht eingestehen: Die Auszählung der Stimmen laufe noch und es sei zu knapp, um eine Aufholjagd auszuschließen.

Stacey Abrams

(Foto: AP)

Barbara Comstock, Republikanerin, Virginia

Die "Me Too"-Debatte war in den USA stets mehr ein gesellschaftliches als ein politisches Thema. Dass sich ausgerechnet eine Republikanerin dafür einsetzt, dass Frauen im Kongress besser vor sexuellen Übergriffen geschützt werden, mag auf den ersten Blick überraschen. Schließlich hat der Präsident oft genug deutlich gemacht, wie wenig er von dem Thema - und von Frauen generell - hält. Barbara Comstock musste also befürchten, dass ihr ihre Opposition zu Trump (aus der sie im Gegensatz zu Kollegen nie einen Hehl machte) schaden könnte. Abgehalten hat sie das nicht. Und tatsächlich schaffte sie es, als Republikanerin eine durchaus beachtliche weibliche Wählerschaft hinter sich zu versammeln. "Wenn sie 2018 überlebt, könnte sie ein Handbuch darüber schreiben, wie man in der Ära Trump gewinnt", schrieb Politico vor den Midterms. Das Buch wird es nun nicht geben - Comstock hat deutlich gegen ihre demokratische Kontrahentin verloren.

Barbara Comstock

(Foto: AP)

Andrew Gillum, Demokrat, Florida

Repräsentantenhaus? Senat? Von nachrangiger Wichtigkeit im Sunshine State. Dort waren alle Augen auf das Rennen um den Gouverneursposten gerichtet. Schließlich stand das Duell von Ron DeSantis (Republikaner) und Andrew Gillum (Demokrat) in gewisser Weise symbolisch für den Kulturkampf, der in Amerika tobt. Auf der einen Seite der glühende Trump-Anhänger DeSantis, 40 Jahre, der nicht nur beim für den Küstenstaat Florida so wichtigen Thema Klimawandel auf einer Linie mit dem Präsidenten liegt. (Heißt in diesem Fall ausnahmsweise: Bloß kein Alarmismus!) Auf der anderen Seite der Bernie-Sanders-Unterstützer Gillum, 39, Bürgermeister von Tallahassee, der eine progressive Agenda verfolgt. Gillum war der erste afroamerikanische Kandidat für das Gouverneursamt in Florida - in Umfragen führte er zuletzt. Umso bitterer nun die Niederlage. "Es tut mir ehrlich leid, dass ich den Sieg nicht für euch nach Hause bringen konnte", entschuldigte sich Gillum bei seinen Anhängern. Auch DeSantis wusste, an wen er sich zu wenden hatte: Er dankte nach seinem Sieg dem Präsidenten für dessen Unterstützung.

Andrew Gillum

(Foto: dpa)

Jason Gonzales, Republikaner, New York

Viel war über den republikanischen Kandidaten im New Yorker Stadtteil Bronx vor der Wahl nicht herauszubekommen. Nicht mal ein Foto von Jason Gonzales fand sich im Netz. Möglicherweise sparte sich der Republikaner die Wahlkampfmühen schlicht - schließlich war lange vor Dienstag klar, dass er haushoch verlieren würde. Die Bronx, die Gegend der USA mit der größten demografischen Diversität und einer immer noch berüchtigten Kriminalitätsrate, ist fest in demokratischer Hand. Trotzdem geht Gonzales nun in die Annalen dieser Midterms ein. Als Kandidat, dem 92 Prozentpunkte auf seinen demokratischen Mitbewerber fehlten: mit nicht einmal 5000 Wählerstimmen erreichte er nur etwa 4,0 Prozent der Stimmen, sein demokratischer Kontrahent 96 Prozent.

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