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US-Wahl:Sanders' Sturheit hilft nur einem: Donald Trump

Bernie Sanders campaigns in Oregon

Bernie Sanders bei einem Wahlkampfauftritt in Oregon

(Foto: AFP)

Der Außenseiter hat keine Chance mehr, doch er bleibt im Rennen. So zwingt Sanders Hillary Clinton in einen Zwei-Fronten-Wahlkampf.

Von Nicolas Richter

Bernie Sanders wird die demokratischen Vorwahlen nicht gewinnen. Zwar siegt er noch immer in einzelnen Staaten gegen seine Rivalin Hillary Clinton. Sieht man allerdings den Wettbewerb als ganzen, so ist Clinton praktisch nicht mehr einzuholen. Sie hat Millionen Stimmen mehr bekommen als er, und die komplexe Delegierten-Arithmetik spricht ohne Zweifel für sie.

Trotzdem will Sanders im Rennen bleiben, er kündigt sogar eine Machtprobe beim demokratischen Parteitag an. Diese Unnachgiebigkeit oder Sturheit passt zwar zu Sanders, der als Außenseiter gegen ein ungerechtes Wirtschaftssystem antritt; dieser Kampf ist richtig, er darf kein Verfallsdatum kennen. Und doch sollte sich Sanders fragen, ob er inzwischen nicht dem Falschen hilft: dem Republikaner und Milliardär Donald Trump, der genau jenes turbokapitalistische System verkörpert, das Sanders so verachtet.

Bernie Sanders ist nicht umsonst in diesen Wahlkampf gezogen. Er hat Clinton viel weiter nach links gedrängt, als es vor einem Jahr irgendjemand für möglich gehalten hätte, beim Freihandel zum Beispiel. Und je länger er durchhält, desto mehr ändert sie ihr Programm in seinem Sinne: In dieser Woche ist sie ihm beim Gesundheitsschutz entgegengekommen. Die Clintons stehen seit Langem für den "Dritten Weg", für eine sozialdemokratische, aber wirtschaftsfreundliche Agenda. Dieser Weg ist der Partei heute schwerer zu vermitteln als einst, dafür haben Wirtschaftskrise, Exzesse im Finanzsektor, neuer Argwohn gegen die Globalisierung gesorgt. Besonders die Jungen sehnen sich nach sozialer Gerechtigkeit und nach einem Staat, der den freien Markt eindämmt. Es ist die Leistung von Bernie Sanders, dass er diesen Menschen eine Stimme gegeben hat.

Amerika steht vor der Wahl zwischen zwei angreifbaren Kandidaten

Es könnte sich sogar herausstellen, dass er Clinton mit seinen Inhalten in der Hauptwahl hilft. Der designierte Gegner Trump spricht nämlich oft selbst wie ein Linker, rügt den Freihandel und den Verlust von Arbeitsplätzen, verachtet blinden Interventionismus im Ausland und fordert einen allgemeinen Mindestschutz für Kranke. Trump empört damit zwar die Konservativen in seiner eigenen Partei, dafür hofft er aber in der Hauptwahl auf Wechselwähler und sogar eingefleischte Demokraten, besonders im industriellen Nordosten. Dass Clinton also seit Langem nach links rückt, könnte sich im Duell mit Trump noch als strategischer Vorteil erweisen.

Aber inzwischen ist es Mai, und das ist die Zeit, da Amerikas Parteien die Vorwahlkämpfe allmählich hinter sich lassen und sich auf den eigentlichen Gegner im Herbst einstellen. Je länger Sanders im Wettbewerb bleibt, desto länger zwingt er Clinton zwischen zwei Fronten, wo sie schon mit Trump und noch mit ihrem eigenen Parteifreund kämpft. Das dürfte ihr vor allem deswegen schaden, weil Sanders sie sehr persönlich angreift, er stellt ihre Integrität und ihr Urteilsvermögen infrage.

Tatsächlich ist die Nähe der Clintons zum großen Geld problematisch, und Clinton wirkt zuweilen, siehe Irak-Krieg, zu interventionistisch. Offensichtlich ist aber auch, wer am Ende von Sanders' Angriffen profitiert: Trump. Er hat bereits angekündigt, dass er die Sanders-Zitate über Clintons "schlechtes Urteilsvermögen" in seinen Wahlwerbespots benutzen wird.

Amerika steht im Herbst voraussichtlich vor der Wahl zwischen zwei angreifbaren Kandidaten. Beide verkörpern das alte Establishment und die Nähe zum großen Geld, beide sind letztlich unbeliebt. Aber Trump wäre ohne jeden Zweifel das größere Übel; sein Charakter lässt befürchten, dass seine Präsidentschaft sogar gefährlich wäre. Bernie Sanders muss jetzt dazu beitragen, Trump zu verhindern. Je früher er Hillary Clinton dabei hilft, desto besser für Amerika und die Welt.

© SZ vom 12.05.2016/pamu

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