US-Wahlen:Die Hexe, die auf der Wut-Welle reitet

Lesezeit: 4 min

Im US-Staat Delaware kämpft Rechtsaußen-Kandidatin O'Donnell um einen Senatssitz - auf skurrile Weise. Sie fälschte ihren Lebenslauf, bezahlte Mietschulden mit Wahlkampfspenden - und früher, da hexte sie ein bisschen.

C. Wernicke

Alle sind gegen sie. Jedenfalls alle Mächtigen. Zum Beispiel die Chinesen, von denen Christine O'Donnell seit langem weiß, "dass sie einen ausgeklügelten und strategischen Plan haben, um Amerika zu übernehmen." Oder all die Demokraten, die hier daheim in Delaware, dem ersten Staat, der einst die amerikanische Verfassung ratifizierte, nun seit mehr als einem Jahrzehnt den Ton angeben. Und die nationalen Fernsehsender, deren Talkshow-Master keinen TV-Abend verstreichen lassen, ohne irgendeinen Witz zu reißen auf Kosten dieser Tea-Party-Kandidatin.

Republican candidate O'Donnell responds to Democratic candidate Coons during a televised debate in Newark

Christine O'Donnell will Sentarin Delawares werden - und führt einen zuweilen skurrilen Wahlkampf gegen den demokratischen Kandidaten Chris Coons (links).

(Foto: REUTERS)

Selbst in den eigenen Reihen lauert der Feind: Etliche Republikaner, in deren Namen sich die 41-jährige Frau mit den jugendlichen Pausbäckchen und den langen braunen Haaren nun bewirbt für einen Sitz im US-Senat zu Washington, wünschen ihr heimlich die Krätze an den Hals. "Die wird nicht mal zum Hundefänger gewählt", hat der örtliche Vorsitzende der Grand Old Party öffentlich gelästert.

Eine Hexe reitet auf der Welle der Wut

Christine O'Donnell lächelt zu alledem. Trotzig und tapfer und oft gewinnend. So wie jetzt, da sie nach der Debatte im Rotary-Club von Wilmington langsam durch den Ballsaal des edelsten Hotels am Ort schreitet und Hände schüttelt. Irgendwie kreuzt Bernie Daney ihren Weg, der galante, über 90 Jahre alte Rentner. O'Donnell strahlt, da der Großvater ihr sagt, "was für einen tollen Job" sie da eben vollbracht habe im Rededuell mit ihrem demokratischen Herausforderer: "Respekt!" Dankbar ergreift sie Bernies Hand und flüstert ihm eine Bitte ins Ohr: "Sir, ich hoffe, Sie denken an mich, wenn Sie am 2. November in der Wahlkabine stehen." Daney grinst. Und schweigt.

Nein, wirklich überzeugt hat Christine O'Donnell kaum jemanden unter den 200 Honoratioren, die hier - unter prunkvollen Kronleuchtern und bei paniertem Hühnchen mit Brokkoli - arg giftige politische Kost verdauten. Sämtliche Umfragen verheißen Christine O'Donnell eine herbe Niederlage, mit bis zu 20 Prozentpunkten Rückstand. Weshalb sie mit dem Mut der Verzweiflung zur Attacke bläst, sobald Chris Coons, der so biedere wie blasse Demokrat, in ihrer Nähe ist. "Mein Gegenkandidat will nur nach Washington, um dort alles abzusegnen, was ihm Obama vorlegt", wettert O'Donnell.

Überall im Land versucht die konservative Tea-Party-Bewegung, auf der Welle der Wut gegenüber der Hauptstadt zu reiten. Obamas Schuldentreiberei, seine ungeliebte Gesundheitsreform, sein angeblicher Plan für eine teure Benzinsteuer - mit all diesem Horror wartet auch O'Donnell auf. "Eine Stimme für meinen Gegner wird eine durchschnittliche Familie in Delaware 10.000 Dollar Steuern mehr im Jahr kosten", hat sie diese Woche im TV-Duell bei CNN behauptet. Einen Beweis für diese kühne Zahl hat sie nicht.

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