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US-Republikaner im Wahlkampf:Er will auch auf den Mars

Frontier Spirit ist eine in Amerika fest verwurzelte Geisteshaltung, auch weil die Ressourcen des Westens in der Pionierzeit grenzenlos erschienen. Sie sind es nicht, hat man festgestellt. Und weil es im Westen nichts mehr zu besiedeln gibt und auch im Rest der Welt die Amerikaner gerade eher den Rückzug antreten, ist der Mond für viele Wähler gar nicht mehr so weit weg. Vor allem nicht für die Wähler in Florida, wo viele Nasa-Angestellte leben, die um ihre Arbeitsplätze fürchten, nachdem im vergangenen Jahr das Spaceshuttle-Programm eingestellt worden war. Der amtierende US-Präsident Barack Obama hatte außerdem schon im Jahr 2010 das Mondlandeprogramm gestrichen - um nicht noch mehr Schulden machen zu müssen.

Gingrich zuckt beim Thema Schulden nur mit den Schultern. Er will seine Vorschläge mit privaten Investoren realisieren und denkt sowieso weniger an die Machbarkeit denn an die Wähler, denen er seine Utopie als Vision verkauft: "Ich wurde gerade dafür angegriffen, dass ich grandios bin", sagte er. "Doch ich hätte gern, dass ihr wisst: Lincoln war grandios in Council Bluffs. Die Gebrüder Wright waren grandios in Kitty Hawk. John F. Kennedy war grandios. Ich akzeptiere die Anklage, dass ich grandios sei - und dass die Amerikaner instinktiv grandios sind." Kunstpause. Dann: "Bedeutet das, dass ich ein Visionär bin? Darauf könnt ihr wetten."

Gingrich ist so visionär, dass er sich sogar einen US-Bundesstaat auf dem Mond vorstellen kann: "Wenn erst einmal 13.000 Amerikaner auf dem Mond leben, könnten die einen eigenen Staat beantragen." Und: "Ich will, dass jeder junge Amerikaner zu sich selbst sagt: Ich könnte einer dieser 13.000 sein, ich könnte ein Pionier sein. (...) Ich könnte tatsächlich die Zukunft leben, ich könnte auf das Sonnensystem schauen und Teil einer Generation von mutigen Menschen sein, die etwas Großes, etwas Gewagtes, etwas Heroisches tun." Jubel in Florida. Doch nicht einmal der Mond ist Gingrich genug. Er will auch auf den Mars. Schon im Jahr 2020.

Gingrich zum Ikarus machen

Seine Gegner haben bislang noch keine gute Antwort auf den Visionär Gingrich gefunden. Sie versuchen, seine Ideen lächerlich zu machen - und ihn auf die Erde zurückzuholen, mit allzu irdischen Problemen. Vor allem Mitt Romney intensiviert seine Attacken: Er zweifelt Gingrichs Integrität an, nagelt ihn immer wieder auf seine Vergangenheit als Berater von Freddie Mac fest, einer Hypothekenbank, die mit Steuergeld gerettet werden musste. "Er hat 1,6 Millionen Dollar von Freddie Mac bekommen, als Freddie Mac die Leute hier in Florida Millionen über Millionen kostete", rief Romney auf einer Wahlkampfveranstaltung.

Doch mit dieser Taktik wird er Gingrich kaum zum Ikarus machen können. Wenn einer mit extrem hochfliegenden Visionen den Blick von den irdischen Problemen ablenkt, ist es schwierig, ihm mit rationalen Argumenten den Wind aus den Segeln oder besser, den Treibstoff aus den Raketentanks zu nehmen. Darauf jedenfalls setzt Newt Gingrich - der im Mond den Wahlsieg sieht.

© Süddeutsche.de/mikö/holz
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