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US-Präsidentschaftswahl:Donald Trumps größter Feind ist sein Ego

Republican presidential nominee Donald Trump speaks during a campaign event in Fairfield , Connecticut

Einer der vielen Auftritte in großen Hallen: Donald Trump in Fairfield , Connecticut.

(Foto: REUTERS)
  • Im Kampf ums Weiße Haus liegt Donald Trump in Umfragen klar hinter Hillary Clinton zurück.
  • Da die Demokratin unpopulär ist, hätte der Republikaner viel bessere Chancen, wenn er weniger polarisierend auftreten und unentschlossene Wechselwähler umwerben würde.
  • Als Kandidat ist Trump undiszipliniert und lässt sich bei Auftritten von der Stimmung des Publikums zu provokanten Sprüchen verführen - dabei sind ihm diese Stimmen ohnehin sicher.

Von Matthias Kolb, Altoona

Die Stimmung bei einem Auftritt von Donald Trump ist immer noch besonders. Die Hallen sind überfüllt, die Besucher warten stundenlang und unter den Trump-Fans herrscht ein für Außenstehende seltsamer Optimismus: Sie sind überzeugt, dass der 70-Jährige seine Versprechen einhalten und Amerika zu alter Größe zurückführen kann.

Neuneinhalb Monate ist es her, dass ich Donald Trump das erste Mal live sah. In Sioux City attackierte er Ende Oktober vor der wichtigen Vorwahl in Iowa die anderen Republikaner, die auch ins Weiße Haus wollten. Die Wut der Trump-Fans (hier Protokolle) war unübersehbar und sein Auftritt wirkte wegen Sprüchen wie "Eigentlich ist unsere Regierung einfach nur dumm. Ich weiß, man soll Leute nicht so bezeichnen, aber was tut man, wenn sie einfach dumm sind?" anders als Events des aalglatten "Liddle Marco" Rubio oder des stets traurigen Jeb "low energy" Bush.

Trumps neue Gegner: die "Mainstream-Medien"

Nun ist Mitte August und bei seiner Rede in Altoona gibt Trump weiter den Außenseiter. Dadurch macht er einen strategischen Fehler: Er tut nichts dafür, um jene zu beruhigen, die zweifeln, ob er das nötige Wissen und Ausgeglichenheit fürs Weiße Haus hat. Stattdessen attackiert er neue Gegner: Als er über die "unehrlichen Medien" spottet, buht das Publikum lautstark.

Bei mehreren Gesprächen in der Warteschlange erzählen mir Trump-Fans, wer Schuld ist an all den Kontroversen wie Trumps Attacke auf die Soldatenfamilie Khan oder dem Spruch über Obama als Gründer der IS-Miliz: Es sind die korrupten "Mainstream-Medien", wozu neben New York Times und Washington Post die Sender CNN, ABC, CBS und NBC gehörten.

Doch wenn seine Anhänger klagen, dass zu wenig über die Rivalin Clinton berichtet werde, dann liegt das nur an Donald Trump. Seit Monaten ist klar (wie hier und hier und hier bei SZ.de beschrieben), dass die Demokratin bei den Wählern unbeliebt ist. Am 8. November muss über den Charakter von Hillary Clinton abgestimmt werden - über diese Siegesformel sprechen Republikaner schon lang. Es gehe darum, die unentschlossenen Wechselwähler (etwa Mütter aus den Vororten diverser US-Großstädten) davon zu überzeugen, dass man der Ex-Außenministerin nicht vertrauen kann.

Stoff für Negativschlagzeilen über Clinton gäbe es genug

Stattdessen hat es der vom eigenen Ego besessene Trump geschafft, dass die Präsidentschaftswahl als ein anderes Referendum wahrgenommen wird: Amerika stimmt ab über ihn, seinen Charakter und seine Vision eines sich abschottenden Amerikas. Die Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der US-Wähler Trump nicht im Weißen Haus sehen will - und dies liegt nur an jenen undecided voters, die maximal 15 Prozent der Wähler ausmachen (die überzeugten Republikaner und Demokraten machen jeweils 40 Prozent aus und sind in ihrer Meinung kaum zu erschüttern).

Hätte der Geschäftsmann nicht zuletzt mit seinen Verbal-Eskapaden alle Debatten dominiert - die vergangenen 14 Tage hätten genug Stoff für Negativschlagzeilen und kritische Nachfragen an seine Gegnerin geliefert. Die Washington Post belegte, dass die Job-Versprechen von Senatorin Clinton unerfüllt blieben (schlecht, wenn die Präsidentschaftskandidatin Clinton zehn Millionen Jobs ankündigt). Neu publizierte E-Mails führten zu pikanten Fragen zu ausländischen Spendern der Clinton-Stiftung (Details hier) und bei einem Auftritt in Florida saß der Vater des Orlando-Massenmörders im Publikum. Dafür kann das "Hillary 2016"-Team nichts, doch im Sommerloch und 24/7-Nachrichtenbetrieb ist ja eigentlich nichts zu klein.

Trumps wütende Krisenbotschaft kommt bei Mehrheit an

Zudem mögen die US-Wähler Abwechslung und wählen selten nach zwei Amtszeiten eines Präsidenten den Kandidaten der gleichen Partei ins Weiße Haus (Ausnahme: Bush 1988). Trumps "Amerika steht vor dem Niedergang, nur ich kann es retten"-Botschaft ist zwar überzogen, aber sie liegt näher am Puls des Volks als das "Alles ist prima"-Motto der Demokraten.

Seit Jahren zeigt Umfrage nach Studie nach Umfrage, dass die Mehrheit der Amerikaner ihr Land in der Krise sehen und das Polit-Establishment für korrupt halten. Und Hillary Clinton wird eben viel stärker mit dieser abgehobenen Washingtoner Elite identifiziert als dafür bewundert, dass sie als allererste Frau von einer großen Partei fürs Weiße Haus nominiert wurde.

Warum hält Donald Trump also nicht öfter den Mund, damit die US-Medien über andere Themen - und die Clintons - berichten? Die eher albernen Spekulationen, wonach Donald Trump aus Angst vor der Verantwortung selbst an seinem Niedergang arbeitet, sollte man ignorieren. Warum sich Trump ständig mit Provokationen gegen die Spitzenpolitiker der eigenen Partei oder Sprüchen über Wahlbetrug ins Gerede bringt, lässt sich anders erklären.

Immerhin hat ihn diese Strategie zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner gemacht - doch dass Trump in den drei Monaten seit seinem Sieg in der Vorwahl sein Auftreten nicht geändert hat, bringt konservative Strategen zur Verzweiflung. Ihr Einfluss ist sehr begrenzt, da der 70-Jährige vor allem auf seinen Instinkt vertraut und sonst nur auf seine erwachsenen Kinder hört.

Die Begeisterung der Fans schadet dem Kandidaten Trump

Also tourt Donald Trump kreuz und quer durch die USA und absolviert Auftritt nach Auftritt. Dass Tausende stundenlang warten und mitunter ausgelagert werden, um seine Rede per Video zu sehen, gefällt ihm sichtlich. Aber diese Rastlosigkeit schadet dem Republikaner aus drei Gründen: Anders als bei seiner Wirtschaftsrede verwendet er keinen Teleprompter, sondern hat nur ein paar Zettel dabei. Die aufgeheizte und enthusiastische Stimmung führt dazu, dass Trump neue provokante Sprüche testet und die nächste Kontroverse auslöst.

Es drängt sich auch der Eindruck auf, dass der große Zuspruch bei seinen Auftritten dazu führt, dass sich Trump trotz allen Drängens seiner Berater aufs Neue bestätigt fühlt. Der Jubel beweise doch, dass er auf dem richtigen Weg sei und ein Wahlsieg quasi garantiert. Das wenig überzeugende Argument "mehr Leute wollen Donald sehen als Hillary, also wird er mehr Stimmen kriegen" höre ich oft von Trump-Unterstützern - sowohl im echten Leben als auch auf Twitter.

Zu Trumps Events kommen die überzeugtesten Fans, die stolz ihre "Hillary for Prison"-T-Shirts tragen und in alle Kameras schimpfen. Was Anhänger als "Lovefest" (mehr hier) beschreiben, hat auf Außenstehende eher abstoßende Wirkung. Daran liegt es wohl auch, dass Reporter bei Trump-Events selten schwankende Wähler treffen. Effizienter wäre, in "swing states" kleine Betriebe zu besuchen oder in einem Lokal aufzutauchen - dies würde nicht nur ein Interesse an Themen zeigen, sondern würde auch signalisieren, dass Trump um jeden Wähler kämpft.

All diese Punkte führen zu einem nur auf den ersten Blick überraschenden Fazit: Solange Trump weiterhin vor Tausenden auftritt und lautstark bejubelt wird, können die Berater von Hillary Clinton beruhigt sein. Erst wenn der Republikaner lernt, öfter den Mund zu halten, das Rampenlicht auch mal zu meiden und effektiver auf die allzu sichtbaren Schwächen der Demokratin hinzuweisen, könnte es in den kommenden 85 Tagen doch noch richtig spannend werden.

© SZ.de/ewid/cag

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