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Verhandlungen:Völker, hört die Signale

Klimawandel: Chinas Präsident Xi Jinping auf einer Videoleinwand während eines Klimagipfels

Monate voller Aktivitäten: Chinas Präsident Xi Jinping bei einer Videokonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im April; Liveübertragung in einer Einkaufsstraße in Peking.

(Foto: Florence Lo/Reuters)

Rund 40 Staats- und Regierungschefs hat US-Präsident Biden zu seinem Klimagipfel geladen. Warum Umweltschützer rund um den Globus auf einmal hoffen, dass sich in diesem Jahr einiges zum Besseren wenden könnte.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Archie Youngs Biorhythmus ist völlig hinüber. "Wir rotieren die Zeitzonen", sagt Young. Auf alle Staaten wolle man Rücksicht nehmen. Regelmäßig macht er die Nacht zum Tage, um per Videochat mit Delegationen in China, Australien oder auf entlegenen Inselstaaten zu reden. "Am Ende müssen alle mitmachen", sagt Young. Der Chefunterhändler des Vereinigten Königreichs bereitet die Klimakonferenz im November im schottischen Glasgow vor. "Für die Klimadiplomatie", so sagt er, "ist diese Woche ganz entscheidend." Und dafür ist, wenn man so will, US-Präsident Joe Biden verantwortlich.

Rund 40 Staats- und Regierungschefs hat Biden an diesem Donnerstag und Freitag zum Klimagipfel geladen. Schon die Auswahl der Teilnehmer, sagt US-Unterhändlerin Sue Biniaz, sei ein "tricky business" gewesen: eine knifflige Aufgabe. Formal hat das digitale Treffen keine große Bedeutung. Doch die 40 Teilnehmer werden in Reden bekräftigen, wie sehr ihnen das Klima am Herzen liegt. Einige aber werden neue Zusagen machen - und, wenn es gut läuft, damit den Rest der Welt unter Druck setzen.

Den Anfang hat Großbritannien gemacht. Neben ihr bisheriges Ziel von minus 68 Prozent bis 2030 stellen die Briten ein neues für 2035: minus 78 Prozent. Die EU hat gerade noch rechtzeitig ihren Streit um das Klimagesetz beigelegt, sie kann 55 Prozent Minderung bis 2030 zusagen. Biden selbst, so wird erwartet, wird sein Klimaziel für 2030 vorlegen, Staaten wie Japan, Kanada und Südkorea könnten folgen. "Die erste Frage wird sein, wie sehr sich die Industriestaaten-Gruppe G 7 bewegt", sagt Jennifer Tollmann, die für den europäischen Thinktank E3G die Klimapolitik verfolgt. "Davon geht ein Signal an alle anderen aus."

Fortschritte wird es nur geben, wenn China und die USA mitziehen

Es ist das Signal, das auch Archie Young ersehnt. Der UN-Gipfel in Glasgow, den Großbritannien zusammen mit Italien ausrichtet, soll eine gigantische Lücke im Klimaschutz schließen. Denn selbst wenn alle Staaten der Welt hielten, was sie bisher versprochen haben, könnten sie den globalen Temperaturanstieg bestenfalls auf 2,6 Grad Celsius begrenzen, rechnet das UN-Umweltprogramm UNEP vor. Das ist weit jenseits der 1,5 Grad, die das Klimaabkommen von Paris nach Möglichkeit erreichen soll, um katastrophale Folgen für den Globus abzuwenden. "Die Welt muss die Emissionen in der nächsten Dekade halbieren, wenn wir eine Chance darauf behalten wollen", sagt Londons oberster Klimadiplomat.

Rein politisch stehen die Aussichten nicht schlecht, allein die Rückkehr der USA ins Klimaabkommen hilft. "Das Klima wird eine Priorität in den bilateralen Beziehungen", sagt US-Unterhändlerin Biniaz. "Das Schlüsselziel ist, einen Beitrag zu höheren Zielen auf dem Weg nach Glasgow zu leisten." Biniaz war beteiligt, als Bidens Sondergesandter John Kerry kürzlich ein Papier mit seinem chinesischen Counterpart Xie Zhenhua aushandelte - zum gemeinsamen Kampf gegen die, so wörtlich, "Klimakrise".

Das Kalkül ist klar: Fortschritte im Klimaschutz gibt es nur, wenn die beiden größten Emittenten mitziehen, China und die USA. Mit den Europäern an Bord wären die drei größten Wirtschaftsblöcke vereint im Kampf gegen die Erderhitzung. Gemeinsam stehen sie für rund die Hälfte aller CO₂-Emissionen. Gingen diese drei Blöcke voran, müssten andere folgen.

Wie ernst ist es der Volksrepublik mit dem Klimaschutz?

Doch wie ernst ist es der Volksrepublik mit dem Klimaschutz? "China ist im Augenblick eine Blackbox", sagt Susanne Dröge, die an der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik forscht. "Keiner weiß, wie sie ihre Ziele erreichen wollen." Im jüngsten Fünfjahresplan sei von forciertem Klimaschutz wenig zu spüren. Und neben der Erklärung mit Kerry gab Peking jüngst auch eine zusammen mit Südafrika, Brasilien und Indien ab. Darin fordern die vier zwar entschiedenen Klimaschutz. Das allerdings vor allem von anderen: den Industriestaaten. "Das erinnert stark an die Klimapolitik der Neunziger", sagt Dröge. Kann aber auch Taktik sein.

Einen konkreten Plan hat China noch nicht vorgelegt. Zwar will auch die Volksrepublik bis 2060 CO₂-neutral wirtschaften. Ihr einziges Zwischenziel ist aber vage: Irgendwann "vor 2030" will sie den Punkt erreicht haben, ab dem die Emissionen sinken. Dass Staatspräsident Xi Jinping konkretere Daten schon bei Bidens Gipfel nennt, gilt als unwahrscheinlich.

Bidens virtuelles Treffen ist ohnehin nur Auftakt eines bewegten halben Jahres. Schon im Mai reden die Staaten weiter, auf Einladung der Bundesregierung beim "Petersberger Klimadialog". Die Liste der Teilnehmerländer ähnelt der aus Washington. Im Juni steht der G-7-Gipfel an, praktischerweise unter britischer Leitung. Und im Oktober, Tage nur vor Beginn des Glasgow-Gipfels, treten die G 20 zusammen, die Gruppe der Industrie- und Schwellenländer. Die Fäden zieht hier Italien - der Co-Veranstalter der UN-Konferenz in Schottland. Unterhändler Young blühen noch einige schlaflose Nächte.

Am Ende allerdings, sagt E3G-Expertin Tollmann, gehe es um globale Solidarität, auch finanzielle. 100 Milliarden Dollar jährlich haben die reichen Länder dafür versprochen, an öffentlichem und privatem Geld. Auch hier klafft eine Lücke. "Es wird immer viel darüber gesprochen, was Entwicklungsländer nicht oder anders machen sollen", sagt Tollmann. "Aber wenig darüber, wie die reiche Welt ihnen dabei hilft." Wie weit es mit der Solidarität her ist, könnten die Entwicklungsländer in nächster Zeit übrigens an anderer Stelle prüfen: beim Impfen. "Viele arme Länder", sagt Tollmann, "sehen das als ersten Test."

© SZ
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