Umsturzjahr 1918 "Die sächsische Revolution war die sanfteste in Deutschland"

Die Sächsische Volkskammer im Jahr 1919. Am Regierungstisch sitzt auch der SPD-Minister Gustav Neuring, der am 12. April des Jahres von einem linksradikalen Mob gelynchnt wird.

(Foto: SZ-Photo)

Die DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier schildert, warum manche Revolutionäre Sachsens Ex-König zum Präsidenten machen wollten - und wie Linksradikale einen SPD-Minister lynchten.

Interview von Oliver Das Gupta

Freya Klier kam 1950 in Dresden zur Welt. Die Autorin, Regisseurin und DDR-Bürgerrechtlerin hat nun ein Buch veröffentlicht, in dem sie ein bislang wenig beachtetes historisches Kapitel eingehend dokumentiert: Die Revolution, die Sachsen vor 100 Jahren vom Königreich zum Freistaat macht.

SZ: Frau Klier, wenn man heute an politischen Aufruhr in Dresden denkt, hat man sofort die rechtsradikale Pegida-Bewegung vor Augen. Ging es ähnlich gehässig zu vor 100 Jahren, als sich die Sachsen gegen die Monarchie erhoben?

Freya Klier: Nein, im Gegenteil. Die sächsische Revolution ist damals die sanfteste in Deutschland. Anderswo, wie in Berlin und München, kippt die Stimmung schnell ins Gewalttätige. In Sachsen verläuft die Umwandlung von der Monarchie zur Republik lange friedlich. Hass und politische Gewalt gibt es in Sachsen schon - aber von linksradikaler Seite.

Beginnen wir von vorne. Wie startet der Umsturz in Dresden im November 1918?

Richtig los geht es am 8. November. Am Tag fährt König Friedrich August III. noch aus, der Kronprinz eröffnet eine Ausstellung. Am Abend kommt es zu einer Protestkundgebung am Dresdner Altmarkt, wo der Sturz der Monarchie gefordert wird. Nicht nur Arbeiter und Arbeiterinnen demonstrieren, auch Soldaten schließen sich spontan an. Inzwischen hat sich auch ein Arbeiter- und Soldatenrat in Dresden gebildet, es gibt eine Vereinbarung, die der König absegnet und die am 9. November publik gemacht wird. Soldaten lassen sich damals freiwillig entwaffnen und sich die Abzeichen abnehmen.

Das klingt weniger nach Revolution als nach einem Arrangement.

Frontbesuch während des Ersten Weltkrieges: König Friedrich August III. von Sachsen (stehend 4.v.r.) bei verwundeten Soldaten in einem Feldlazarett im Westen.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Es sind klare Absprachen, keine Seite will, dass nach vier furchtbaren Kriegsjahren noch jemand zu Schaden kommt. Die Versorgungslage ist ja nach wie vor miserabel, mit Zügen kommen immer mehr kranke und verwundete Soldaten in Dresden an.

In der Nacht zum 8. November hatte in München der linke Sozialdemokrat Kurt Eisner den "Freistaat Bayern" ausgerufen. Die Revolutionäre in Dresden erklärten wenig später im Zirkus Sarrasani das Königreich Sachsen ebenfalls zum Freistaat. Gibt es einen Zusammenhang?

Ja, allerdings. Die Sachsen lassen sich bei der Bezeichnung des neuen Staatsgebildes damals von den Bayern inspirieren. Die erste Regierung besteht aus je drei SPD-Politikern und Vertretern der linken Parteiabspaltung USPD.

Friedrich August III. von Sachsen verzichtete am 13. November auf den Thron. Sagte der König dabei wirklich den Satz: "Macht euern Dreck alleene"?

Die Regisseurin und Autorin Freya Klier

(Foto: Nadja Klier)

Das ist eher unwahrscheinlich, aber es würde gut zu ihm passen. Friedrich August war übrigens auch damals noch äußerst beliebt. Der alleinerziehende Vater ging mit seinen Kindern unter die Menschen, spielte mit seinen Bürgern auch mal spontan Skat und sprach breites Sächsisch. Arrogante Attitüden wie Kaiser Wilhelm II. scheint er überhaupt nicht gehabt zu haben, das zeigt auch sein Verhalten während der Revolution. Die SPD wollte ihn deshalb während des Übergangs in die neuen, demokratischen Zeiten an ihrer Seite haben. Es gab die Idee, Friedrich August zum ersten Präsidenten des Freistaates zu machen.

Das wurde Friedrich August bekanntlich nicht. Woran scheiterte der Vorstoß?

An den Leuten der USPD. Sie haben aufs Schärfste protestiert. Damit war die Sache erledigt. Wie beliebt der Ex-König war, zeigte sich nach seinem Tod 1932. Zum Begräbnis kamen Hunderttausende Sachsen.

Zurück ins Jahr 1918. Wie geht es damals in Sachsen weiter?

Die Sozialdemokraten gehen relativ behutsam vor und achten auf die Stimmung der Menschen, die vier Jahre dieses furchtbaren Krieges durchgemacht hatten. Langfristig will die SPD zwar eine sozialistische Gesellschaft aufbauen, aber ohne Gewalt und ohne Zwang. Deshalb macht sie auch viele Maßnahmen rückgängig, wenn sie merkt: Das ist zu früh, das ist zu theoretisch. Die sächsische Revolutionsregierung macht damals Politik der bürgerlichen Mitte, was selbst bei rechts denkenden Kräften gut ankam. Sie arbeitete etwa Hand in Hand mit dem nationalliberalen Dresdner Oberbürgermeister Bernhard Blüher zusammen. Die Rechtsradikalen, die mit ihren Freikorps anderswo wie in Berlin und Bayern so furchtbar gewütet haben, spielten in Sachsen zunächst keine Rolle.

Sie sprachen am Anfang unseres Gesprächs von Hass und Gewalt von Linksaußen.

Allerdings. Die junge sächsische Demokratie wird damals vor allem von Spartakisten und Kommunisten bedroht, die unbedingt eine bolschewistische Diktatur errichten wollen. Sie ziehen sich aus dem Arbeiter- und Soldatenrat zurück und werfen der SPD und sogar der sehr linken USPD vor, die Revolution zu verraten. Diese Linksradikalen sammeln damals Waffen und schrecken sogar vor Mord nicht zurück. Während des Kapp-Putsches 1920 werden dann auch die rechtsradikalen Freikorps in Sachsen aktiv und blieben es.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie der SPD-Minister Gustav Neuring gelyncht wird. Warum wurde dieses Verbrechen so spät dokumentiert?

In der DDR-Zeit heißt es, Rechtsradikale hätten Neuring getötet. Aber das ist eine dreiste Propaganda-Lüge. Ein linksradikaler Mob holt Neuring am 12. April 1919 aus seinem Büro und misshandelt ihn schwer. Dann wirft man den Minister in die Elbe. Es beginnt ein Zielschießen auf Neurings Kopf, bis er im Wasser versinkt. Seine Leiche wird Wochen später mit zertrümmertem Schädel gefunden. Neuring war ein guter Mann, er hat das Kriegsministerium auch sprachlich demobilisiert und in Ministerium für militärische Angelegenheiten umbenannt. Aber das hat die Kommunisten nach 1945 natürlich nicht interessiert. Die erlogene Version steht nicht nur in DDR-Büchern, sondern findet sich auch noch in manchen aktuellen Publikationen.

Freya Klier: "Dresden 1919: Die Geburt einer neuen Epoche" (Verlag Herder)

"Bayern ist fortan ein Freistaat"

In der Nacht auf den 8. November 1918 schafft der linke Sozialdemokrat Kurt Eisner die Monarchie in Bayern ab - und sorgt dafür, dass die Münchner morgens von der friedlichen Revolution erfahren. Von Barbara Galaktionow und Oliver Das Gupta mehr...