Don't mess with Texas:Amerikas Zukunft entscheidet sich in Texas

Lesezeit: 5 min

Cowboystiefel auf rotem Teppich

In beflaggten Cowboystiefeln auf den Nominierungsparteitag der Republikaner in Minnesota im Jahr 2008: Texas ist für die USA das, was Bayern für Deutschland ist.

(Foto: dpa)

Texaner lieben Cowboyhüte, sind ultrakonservativ und kokettieren mit Abspaltung - so weit das Klischee. Über sie zu lachen, wäre dennoch falsch, sagt Autorin Gail Collins. Viele politische Tendenzen begannen hier: die Deregulierung der Banken, der Verzicht auf Sexualkunde. Und auch jetzt verweisen Entwicklungen im Lone Star State auf die Zukunft der USA.

Von Matthias Kolb, Austin

Gail Collins stammt aus Ohio und ist eine Star-Autorin der New York Times. Ihr Bild von Texas war typisch: Die Leute sind ultrakonservativ, lieben Cowboyhüte und kokettieren mit Abspaltung. Doch Collins merkte schnell, wie sehr der "Lone Star State" den Rest der USA beeinflusst. Kaum Regeln für Banken, weniger Wissenschaft in Schulbüchern und kein Sexualkunde-Unterricht - alles begann hier. Sie ist sicher: Nirgends ist der rasante Wandel in der Bevölkerung stärker spürbar.

Auslöser für Collins' Faszination für den ölreichen Staat war ein Video. Im April 2009 schimpfte Gouverneur Rick Perry, der später als vergesslicher Präsidentschaftskandidat berühmt wurde, vor Tea-Party-Fans auf die gierigen Politiker in Washington. Wenn es mit den USA weiter bergab gehe, dann werde Texas über eine Abspaltung nachdenken, so Perry.

"Wir haben früher Unterdrückung nicht gemocht und wir mögen Unterdrückung auch heute nicht", rief der Republikaner, worauf die Menge in Austin mit "secede"-Rufen die Sezession forderte und Schilder mit der Aufschrift "Don't mess with Texas" schwenkte. Collins, die eine populäre Kolumne für die New York Times schreibt, war schockiert und wollte wissen, was hinter der Mischung aus Größenwahn ("Wir sind die Besten") und Paranoia ("Legt euch nicht mit Texas an") steht.

Da Amerikaner zu Texas ein ähnliches Verhältnis haben wie Deutsche zu Bayern, war ihr Sachbuch "As Texas goes..." ziemlich populär. Darin zählt sie nicht nur unrühmliche Statistiken auf, in denen Texas vorne liegt (Zahl der Exekutionen, Anteil der Bewohner ohne Krankenversicherung und ohne High-School-Abschluss), sondern berichtet auch, dass Atheisten dort laut Verfassung keine öffentlichen Ämter übernehmen dürfen oder dass man nirgends in Amerika schneller Auto fahren darf (85 Meilen pro Stunde).

Collins sieht Texas als Beispiel für einen Grundkonflikt der US-Gesellschaft: Wer in Städten (crowded places) wohnt, wählt meist die Demokraten und tut sich immer schwerer, Bewohner der ländlichen Gebiete (empty places) zu verstehen. Wer viel Raum um sich herum hat, der braucht die Regierung nicht und verlässt sich lieber auf sich selbst und seine Waffe. Die Städter seien hingegen kompromissbereiter und zufrieden mit den Leistungen des Staats. Texas nimmt hier zwar eine Sonderrolle ein: acht von zehn Texanern leben in Städten, 60 Prozent im Dreieck der Metropolen Austin, Dallas, Fort Worth, Houston und San Antonio. Doch viele fühlen sich weiter wie Cowboys, die das Pferd durch einen Pick-Up-Truck ersetzt haben (mehr Details in diesem Artikel).

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